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| Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde |
| Hermann Nitsch - Teil 1 |
...Der gestrige Tag war der turbulenteste. Vomittags zerfleischten wir das Lamm. Als Nitsch das Lamm brachte, Adi und ich aßen gerade etwas, wurde uns fast schlecht. Dann begann es. Wir nagelten zunächst das Fell in die Nische. Ich zerriß es, so wie ich früher Jutesäcke zerriß. Das Lamm selbst baumelte inzwischen noch in einem Gewölbebogen. Nitsch bearbeitete es mit einer Klampfe, ich spaltete mit dem Beil das Hirn. Auch Adi schlug drein. Dann bearbeiteten wir das Lamm noch auf der Erde. Schließlich nagelten wir es auf das Fell in die Nische. Wir schütteten Blut darüber. Unter das Lamm stellten wir einen Sessel, darauf war ein weißes Tuch. Nitsch legte Innereien darauf, besudelte das Ganze mit Blut und schlug mit der verkehrten Hacke darauf, so daß es spritzte. Auch das Fenster darüber wurde mit Blut beschüttet. Es sah aus wie in einer Kirche. Wir waren ergriffen von der Gewalt des Bildes. Nachmittags kam wieder Polizei in den Keller, auch Kinder, die ihnen den Hintereingang gezeigt hatten, kamen mit, ich hatte sie aufgefordert, in den Keller zu kommen. Nachher riefen sie draußen: Wir haben das Lamm gesehen. (Mühl)
die existenzsacrale malerei
angestrebt ist die konsequente
sacralisierung der kunst
und damit eine tiefgehende
existenzvergeistigung duch welche
der mensch der reine priester
des seins wird nicht wie bisher das
unappetitlichste vieh unter den tieren
in der kunst liegt eine mythische
verheissung der intellekt geborene
mythos das züchten psychologischer
berauschung das wissenschaftliche
auskosten meditativer zustände
die ritualisierung des gesamten
lebensablaufes ist die vergeistigte
sacramenthafte umsetzung der
lust des fleisches in die
zwecklosigkeit des urspieles
die seinsmystik die seinstrunkenheit
die erlösung durch den Jubelritus des
lebensfestes die kunst wird
sacramentgleiche manifestation der
existenz sein
das orgienmysterien theater
hermannnitsch
Wien 1960/61. Günter Brus, Adolf Frohner, Otto Mühl, Hermann Nitsch und Alfons Schilling finden sich zusammen, um gegen die sich feiernde Kunstdemokratie mit ihrem Scheingegensatz von gegenständlicher Stilisierung und harmonisierender Abstraktion aufzutreten. Dies ist die Zeit der Entstehung des Aktionismus aus einer expressiven Aktionsmalerei. Fortan wird der Künstler weniger Schöpfer eruptiver Werke sein, sondern selbst in den naturhaften Prozeß des Bildwerdens einbezogen. Er wird dadurch zum Erleidenden, zum Opfer, aber auch zum Regisseur, Täter und Vollstrecker des Kunstprozesses.
23 Jahre zuvor. Hermann Nitsch wird in Wien geboren. Bereits mit 15 Jahren will Nitsch Kirchenmaler werden und an die Malerei der Renaissance und des Barock anknüpfen. Er besteht 1953 die Aufnahmeprüfung in die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, eine Schule für angewandte künstlerische Berufe. Die Ausbildung dauert fünf Jahre; Nitsch lernt das Zeichnen nach der Natur und die Techniken der Druck- und Gebrauchsgraphik. 1954 beginnt Nitsch in seiner Freizeit zu malen. In diesen frühen Darstellungen dominieren religiöse Themen, besonders die Kreuzigung. 3 Jahre später arbeitet Nitsch an Studien zu einem großangelegten Lebensfries, den er jedoch nicht ausführt; dieser hätte die Konfrontation von trauernden Figuren am Fuße des Kreuzes mit feiernden Bacchanten darstellen sollen. In dieses Jahr fällt auch die erste Konzeption des Orgien Mysterien Theaters, eines großangelegten dramatischen Festes, in dem sich sämtliche Künste vereinigen und das ihn von da an unablässig beschäftigt. Nitsch beginnt mit intensiven philosophischen. literarischen, psychologischen und religionsphänomenologischen Studien; er liest die Arbeiten Sigmund Freuds, C.G. Jungs, James Frazers, Walter F. Ottos, Karl Kerényis und Helmut von Glasenapps, besonders im Hinblick auf die Mythenforschung und die Auseinandersetzung mit antiken Kulten.
Nach Abschluß der Ausbildung beschließt Nitsch die Malerei aufzugeben und sich der Dichtung zuzuwenden, wo ihn vor allem die lyrisch geprägte Dramatik anzieht. Angeregt durch die musikdramen Richard Wagners, die griechische tragödie und die lyrik Georg Trakls, wollte ich, sicherlich bestimmt durch jugendlichen überschwang, alles bisher am Theater dagewesene übertreffen. ich fragte mich, warum das von Richard Wagner gesetzte Maß von 5 Stunden spieldauer nicht überschritten werden könnte. Ich trug mich mit dem Gedanken, ein Drama zu schreiben, dessen Aufführungsdauer Tage beanspruchen sollte. Es entstand der Entwurf zu einem Drama, dessen ablauf 6 Tage benötigt, dies in analogie zur alttestainentarischen Schöpfungsgeschichte. Ich versuchte ein Drama zu schreiben, welches die gesamte Menschengeschichte (die Schöpfungsgeschichte) darlegen sollte. Nicht die äußerliche Geschichte mit ihren Kriegen, Machtkämpfen und Königsmorden wollte ich zeigen, sondern die Entwicklung unserer psyche, unseres Bewußtseins erkannte ich als den eigentlichen, geschichtlichen, bzw. dramatischen Prozeß. Ich bemühte mich, dramatisch zu demonstrieren, daß unsere Psyche in Schichten gebaut ist, vergleichbar geologischen gegebenheiten. ich wollte durch sprachliche assoziationsketten, durch meine Sprachgestaltung in die Tiefe, in unbewußte Bereiche loten, um tief liegende psychische Schichten hoch zu bringen, zur Wirkung kommen zu lassen, zu veranschaulichen. Die Kenntnis der tiefenpsychologie von Freud und Jung intensivierte diese Bestrebungen und ließ meine für das spätere dramatische Konzept des Aktionstheater wichtige abreaktionstheorie entstehen (drama = abreaktion).
Nach ersten fragmentarischen lyrischen und dramatischen Versuchen, die Nitsch 1962 als mißglückt zur Seite legen wird, beginnt er 1959 das Drama ein brunstspiel, in dem er seine Pläne realisieren will. ein brunstspiel basiert noch auf der hergebrachten literarischen Form des Schauspiels: das gesprochene Wort dominiert, und die Schauspieler sprechen ihre vorgeschriebenen Rollen. Bereits in einer fragmentarischen Regieanweisung erscheint jedoch der Gedanke, die Darstellung durch die unmittelbare Präsentation von realen Materialien zu ersetzen: an der stirnwand der bühne hängt hoch über der bühne ein toter stier. Er wird aufgeschnitten und ausgeweidet. Sekrete, Eingeweide und Innereien fallen sinnlich erregend auf den Boden. Blut und rote Farbe rinnt vom Stierkadaver auf am Boden liegende, schreiende knaben.
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1959 schreibt Nitsch die erste Version seiner Ordensregeln; sie beschreiben eine von den Gedanken des Orgien Mysterien Theaters bestimmte ästhetisch-sinnliche Lebensweise. Bereits wird Prinzendorf an der Zaya für die Realisierung des 0.M. Theaters vorgesehen. In einem Wiener Gasthaus mietet Nitsch einen Saal, uni die Gründungsversammlung seines Ordens durchzuführen; er liest aus dem Manuskript der Ordensregeln. Einziger Zuhörer ist sein Freund Alfred Kaiser, der mit ihm zusammen die Veranstaltung organisiert hat. Der Orden weist voraus auf den Verein zür Förderung des 0.M. Theaters, den Nitsch 1973 im Schloß Prinzendorf gründen wird. |
"gerade zur zeit, als ich das gestalten mit der wirklichkeit in mein theaterprojekt einführte, bekam ich fühlung mit dem faschismus, welcher damals gerade am überschreiten seiner hochblüte stand. ich begriff diese erscheinung sofort mit all ihren konsequenzen, da sie sich mit meinen von der sprache her erzielten resultaten deckte und der dramatisch dynamischen aussage entgegenkam. das verschütten, verspritzen und verplantschen von flüssigkeiten versuchte ich darauf intensiviert und analytischer zu betreiben. es entwickelte sich daraus die malerei des o.m. theaters, eine aktionsmalerei, welche durch das beanspruchen eines zeitablaufes durch teilweise ekstatische produktionsgänge eine dramatische funktion hatte (ich schüttete ausschließlich rote farbe an senkrechte flächen und auf waagerechte flächen). ich begriff diese malerei, zu welcher auch die Zuschauer herangezogen wurden, als litaneihaftes, durch schaumalen sich äußerndes spielgeschehen innerhalb meines theaters.
Im November 1960 führt Nitsch in seinem Atelier die 1. malaktion durch: eine mit weißer schlemmkreide grundierte holzfaserplatte wird mit roter farbe bemalt, beschüttet und bespritzt. ein breiter flacher pinsel wird in rote farbe getaucht und auf das bild gedrückt und geklatscht. die farbe fließt abwärts, vom pinsel spritzt farbe auf die bildfläche. ein schwamm wird in rote farbe getaucht und über der bildfläche ausgedrückt.
Bei der 4. malaktion trägt Nitsch zum erstenmal ein weißes, kuttenartiges Hemd, das den rituellen Charakter des Malvorgangs noch betont.
Da es für Nitsch keine Möglichkeit zur Verwirklichung des 6 tage spiels gibt, schreibt er ein leicht aufführbares Stück, das 1. Abreaktionsspiel, dein 1961/62 zwei weitere Abreaktionsspiele folgen. Sie sollen die sich der Psychoanalyse bedienende Abreaktionstheorie Nitschs veranschaulichen.
einen teilbereich der analytisch informellen aktion stellt die malerei des o.m. theaters dar, welcher der sich hauptsächlich auf einer bildfläche ereignende visuelle teil des o.m. theaters ist. sinnliche erregungen, welche konkrete objekte und die mit ihnen durchgeführten aktionen auslösen, werden auf jene sinnlichen erregungen reduziert, welche bestimmte farbflüssigkeiten auf einer fläche auslösen können. das aktionstheater hat sich aus der informellen malerei heraus entwickelt. die erregungen, welche sich über den weg der malerei erreichen lassen, übersteigen die malerei, verlassen sie und führen zur aktion mit dein konkreten objekt. die informelle malerei, in bestimmten bahnen weitergetrieben, endet beim urexzeß. das o.m. theater ist eine über die möglichkeiten der aktionsmalerei, welche sich die zeitkomponente erobert hat, erreichte ausweitung in das aktioristheater.
wird fortgesetzt
(S.C.)