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| Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde |
| Hermann Nitsch - Teil 2 |
Part 2 - Another confrontation with the past
"(...) Habe heute den ganzen Tag nichts gegessen, erst abends. Ich bin müde wie ein Maurer. Vor dem Keller stehen ununterbrochen Leute, sie schimpfen.
Gerüchte verbreiten sich, usw. So hörten wir durch die Mauer hindurch sprechen: Da unten sind Lustmörder, sie fressen Menschenfleisch, sowas lebt auf der Welt.
Schließlich erschienen. durch die erregte Menge angestiftet, bei uns unten, sie kamen durch die Hintertür herein. zwei Wachmänner. Sie fragten, was wir da machten. Wir sollten sofort draußen das Plakat wegtun. Ich sagte, wir machen hier eine Kunstausstellung, das Plakat kommt nicht weg, die Pressepolizei hätte es genehmigt, und an unserer Kellertüre könnten wir aufhängen, was wir wollten. Sie sagten, die Leute behaupten, wir würden hier Mädchen unten haben usw. Die zwei waren sehr blöde. Einer fragte streng, was soll das hier alles für einen Sinn haben. Wir machen hier eine Kunstausstellung, wiederholten wir. Aber was hat das für einen Sinn, fragte er wieder Was hat denn eine Kunstausstellung für einen Sinn?, antwortete ich. Sind Sie Österreicher, fragte der eine. Ja. Beruf!
Mittelschulprofessor (ich sagte das absichtlich). Die Beiden erstarrten. Dann zogen sie ab, diese Trotteln. Nachmittags kam Dvorak, er wollte unbedingt auch etwas machen. Es bestand die Gefahr, daß er uns den Keller versaute. Ich sagte ihm, daß seine Sachen schlecht wären und Air sie übermalen müßten. Da gab es wieder Krach. Schließlich gab er nach. Adi machte eine sehr schöne große Plastik, hätte ihm das nicht zugetraut. (Aus mitgebrachten Baumaterialien wie Eisen, Blech, Holz und Draht schafft Frohner verschiedene Objekte, die teilweise fest im Raum installiert werden; so verwandelt er das Geländer der Treppenstiege in eine Plastik. Anm.) Auch meine Plastik hat riesiges Ausmaß. Sie schaut aus wie ein verwundetes Tier, dem die Gedärme heraushängen. Wir sind alle mit diesem Arbeitstag sehr zufrieden. (...)" (Nitsch)
Im Herbst entschließt sich Kitsch, den die Fortsetzung seiner Malaktionen zunehmend unbefriedigt gelassen hat, von der Malerei auf die Inszenierung von. Aktionen überzugehen, wie er sie in seiner Theaterkonzeption schon lange vorgesehen hatte. Am 19. Dezember führt er in Mühls Wohnatelier an der Augartenstraße und mit dessen Hilfe seine 1. Aktion durch, in der er selber die Rolle des passiven Akteurs innehat: ein zwanzigjähriger mit einem weißen, kuttenartigen Hemd bekleideter Mann wird wie gekreuzigt an eine Wand des Raumes gefesselt (an der Wand sind Ringe befestigt). Der Kopf des gefesselten wird aus kleinen Gefäßen und einer Klistierspritze mit Blut beschüttet und bespritzt. Das Blut rinnt in dicken Bahnen über sein Gesicht und seine weiße Kutte.
Zu Beginn des Jahres mietet Dvorak ein Kellerlokal an der Lagergasse 2 im 3. Bezirk, um darin eine Galerie zu eröffnen: die erste Ausstellung widmet er Nitsch. Vier Wochen vor der Eröffnung bespannt dieser den von ihm mit schwarzer Farbe ausgemalten Hauptraum der Galerie mit Jute, die er weiß grundiert und in mehreren Malen mit roter Farbe, Farbwasser und Blut beschüttet. Auf den Wänden bringt er zudem seine theoretischen Texte an. Zur Ausstellungseröffnung findet am 16. März die 2. Auktion statt, die erste öffentliche Aktion in Wien: an einem von der Decke des Raumes herabhängenden Seil, an dessen Ende ein Fleischerhaken befestigt ist, hängt ein geschlachtetes, abgehäutetes, blutiges Lamm (Kopf nach unten). Am Boden der Galerie, unterhalb des Lammes, ist ein weißes Tuch ausgebreitet, worauf blutigfeuchte Eingeweide liegen. Das Lamm wird von einem Akteur mit Blut beschüttet (das Blut tropft auf die Eingeweide und das weiße Tuch). Das blutige Lamm wird durch den Raum geschaukelt. Wände, Boden und Zuschauer werden mit Blut bespritzt. Blut wird aus Kübeln auf die Eingeweide und den Boden der Galerie geschüttet. Der Akteur wirft rohe Eier gegen die Wände und auf den Boden und kaut eine Teerose. An der mit Blut beschütteten, jute-bespannten Wand hängt das blutige Fell des Lammes. Es wird mit Blut beschüttet.
Am 12. März wird in der Wiener Oper ein zwölfjähriges Ballettmädchen ermordet. Die öffentliche Aufregung über den "Opernmord" steigerte sich zu einer allgemeinen Hysterie: die Polizei nimmt zahlreiche Verdächtige fest. Darunter auch Dvorak, Frohner. Mühl. Nitsch und die Schriftsteller Artmann und Rühm. Der Expreß berichtet darüber unter dem Titel Die Blutorgel-Maler brauchten Alibi.
Für die Wiener Festwochen planen Mühl und Nitsch eine gemeinsame Veranstaltung unter dem Titel Fest des psvchophysischen Naturalismus. Mühl lädt auch Brus ein, an der Kellerwand öffentlich ein Bild zu malen: Brus sieht jedoch keine Notwendigkeit für einen solchen Auftritt und lehnt ab. Für den 23. Juni sind im Perinetkeller zwei getrennte Aktionen angekündigt. Es findet bloß Nitschs 3. Aktion statt. Danach bricht die Polizei die Veranstaltung ab.- Beim Eintreffen der Gefertigten um 17 Uhr bot die Perinetgasse ein normales Straßenbild. Um ca. 17 Uhr 30 hatten sich bereits ca. 20 Personen vor dem Haus Nr. 1 angesammelt. Es handelte sich offenbar um zur Veranstaltung der beiden Maler geladene Gäste. Die Ansammlung dieser Personen hatte zur Folge, daß auch zahlreiche Passanten angelockt wurden und in der Perinetgasse stehenblieben. Die Zahl der Neugierigen und der Besucher der Veranstaltung betrug um I8 Uhr 30 ca. 300 Personen, wodurch die Fahrbahn verstellt und der Verkehr stark behindert war. (...) Um I8 Uhr 30 stellte sich Otto Mühl auf den Gehsteig der Pg. vor dem Eingang seines Kellerlokales, vor welchem ein alter Spiegel angebracht war, auf und warf zwei Ziegelstücke gegen den Spiegel. Der Spiegel zerbrach und der Eingang zum Kellerlokal wurde frei. Nun betrat Mühl von ca. 70 Personen gefolgt das Lokal. Die Vorgänge in diesem wurden von Krim. Ray. Insp. Eder überwacht. In dem Keller, an dessen Seitenwänden verrostete Eisenteile, Draht und Spiegelbruchstücke lagen, war die westlich gelegene Stirnseite mit weißer Leinwand ausgekleidet. Dort befand sich auch eine mit einem weißen Stoff überzogene Liegestätte und davor hing an einem Strick und einem Fleischerhaken vom Plafond ein geschlachtetes Lamm. Neben der Liegestätte standen mehrere Kübel, in denen sich die Eingeweide eines Tieres, vermutlich eines geschlachteten Lammes befanden.
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Nitsch, der zu Beginn der Veranstaltung auf der Liegestätte lag und mit einem weißen Tuch bedeckt war, stand auf, nahm die Eingeweide aus einem Kübel und warf sie auf ein Tuch, welches unterhalb des aufgehängten Lammes ausgebreitet war. Er zerriß mit seinen Händen und verwendete auch eine Schere zur Zerkleinerung der Gedärme. Dann zerkaute er eine weiße Blume, vermutlich eine Teerose, und spie die zerkauten Teile auf die Eingeweide. Dann ergriff Nitsch einen Mauerhaken und hieb mit diesem auf das abgehäutete Lamm ein, wodurch Fleischfetzen und Blut sich vom Tierkörper ablösten und gegen die Leinwandauskleidung spritzten. Durch die mit dem Mauerhaken geführten Schläge pendelte das Lamm hin und her und riß schließlich ab. |
Das Lamm fiel in die Zuschauermenge, welche auf diesen Vorfall mit Gelächter reagierte. Dann legte sich Nitsch auf das Bett und bedeckte sich mit zerkleinerten Gedärmen. Die Kleidung des Nitsch, welche aus einem weißen Hemd, dunkler langer Hose und schwarzen Halbschuhen bestand, sowie die Liegestätte und die Auskleidung der Stirnseite des Lokales wurden während der oben geschilderten Tätigkeit stark mit schleimigen Gedärmen beschmutzt. Nitsch wurde überdies aus einem Kübel mit einer roten, Blutähnlichen Flüssigkeit überschüttet. Schließlich bot Nitsch, sowie die Liegestätte sowie die Auskleidung der Stirnseite des Lokales einen derart widerlichen Anblick, der den Zuschauer veranlaßte, das Lokal zu verlassen. Während der Darbietung nahm Nitsch ein Getränk zu sich, wobei es sich vermutlich um Wein gehandelt hat. Er machte auch einen alkoholisierten Eindruck. (...) Die Aktionen der beiden Veranstalter hatten - wie ja auch in ihrem Programm angekündigt war - einen stark sinnlich-perversen Einschlag und waren offensichtlich darauf abgestellt, bei den Akteuren nach und nach sinnliche Erregungen durch das Zerfleischen des Tierkörpers, das Spritzen des Blutes, Wühlen in den Gedärmen usw. hervorzurufen. Das wurde noch durch eine sonderbare primitive Musik, deren Rhythmus durch hammerschlagähnliche Geräusche hervorgehoben wurde, gesteigert, welche mittels Magnetophon und Lautsprecher abgespielt wurde (der zweite Teil von Logothetis Phantasmata, Anna.). Die Akteure stießen von Zeit zu Zeit Schreie aus, welche ebenfalls sinnlich wirkten bzw. wirken sollten. Über Auftrag des Herrn Stadthauptmannes wurde um 19 Uhr die Perinetgasse durch SWB geräumt. Anschließend wurde die Veranstaltung im Lokal, deren Ende für 20 Uhr angekündigt worden war, vorzeitig polizeilich geschlossen und die Hausfremden Personen aus dem Lokal gewiesen. Bei der Räumung der Straße und des Lokales ereigneten sich keine Zwischenfälle. Um 20 Uhr verließen Nitsch und Mühl das Lokal, nachdem sie es versperrt hatten. Hierauf entfernten sich auch die letzten Zuschauer und um 20 Uhr 15 bot die Perinetgasse das normale Straßenbild.
von den sinnlich empfundenen realität des blutnassen abgehäuteten kadavers ausgehend, läßt sich zu den anfängen des mythischen assoziieren. Der so ausgelöste assoziationskreis berührt sich sehr direkt mit der bewältigung der ständig zur orgiastik drängenden kollektiven vitalitätsaufwallungen des menschlichen. Mit deren endpunkten. sublimationen und verdrängungen, tritt das lamm meistens im symbolischen zusammenhang auf. Die dionysische aufwallung endet in der zerreißung des gottes dionvsos (des ihn symbolisierenden stieres), endet im exzeß. Das negative abbild der dionysischen ...
Das informel, das konkrete durchbrechen des triebhaften in dar lust. Und unbedingte ähnlichkeit mit dem wesen des dionysischen, denn seine konsequenz ist äußerste erregung bis zum endpunkt des exzessiven.
das O. M. theater, aktionstheater, nützt dieses phänomen aus und erreicht so innerhalb der kunst eine regression, ein hervorbrechen des dionvsischen.
Die lammzerfleischung ist im O. M. theater durchgeführte symbolhandlung für das urexzeßerlebnis (ekstasischer endpunkt der abreaktionsorgiastik). Die sinnlich reale sadomasochistische situation der zerfleischung ist identisch mit einem extremen triebdurchbruch.
Heinz Cibulka über eine nitsch aktion
Nackt in einem Raum stehen
mit warmen Fußsohlen spüren
Wärme von Außen
Wärme von Innen
Luftbewegungen um den Körper
Warmer Augenverband
Ein Becher mit Blut wird an meinen Mund geführt
Ich werde aufgefordert, Blut in den Mund zu nehmen
und langsam wieder aus dem Mund rinnen zu lassen
Ich öffne den Mund
Blut ergießt sich in meine Mundhöhle
Die Zunge drückt das Blut an den Gaumen
Blut quillt aus den Mundwinkeln
über den Hals
das Brustbein
den Bauch
verhängt sich in den Schamhaaren
und fließt über Hoden und Penis
auf die Oberschenkel
Das dünne Rinnsal dreht sich die Beine hinunter
zum Boden
Weiteres Blut wird in meinen Mund gegossen
Schubweise tritt Blut aus dem Mund
Immer mehr Blut löst Brechreiz aus
Blut sprudelt über Kinn und Hals den Körper hinunter
Durch immer neues Blut
durch aufkommenden Brechreiz
huste und spucke ich Blut
bis kein Blut mehr nachgeleert wird
Ich drücke den Rest des Blutes das mit Speichel vermischt ist
aus meinem Mund
Blut trocknet auf meiner Haut
Ich stehe in einer Blutlache
Ich werde weggeführt
Es wird mir die Augenbinde abgenommen
Ich wasche meinen Körper
Es wird mir dabei geholfen
Nach dem Waschen und Abtrocknen ziehe ich feine, weiche Kleider an.
Der Körper, der die Kunst im Sinne hat
Berührungen, die als einziges Resultat Kunst haben
Das Gefühl der warmen Flüssigkeit am Körper, das Kunst ist.
Der erschreckte Körper, von kalten Flüssigkeiten bespritzt,
zuckt und zittert und ist Kunst.
Der reine, einfache Körper unter fallenden Eingeweiden,
der Kunst im Sinn hat.
Der nackte Körper, der vor einem Tisch steht,
und nur zum Zweck der Kunst
das Geschlechtsteil auf dem Tisch hat und verharrt
Alle exhibitionistischen, masochistischen, homoerotischen...
machen den Körper aus
und sind nichts Außerordentliches
Die Heilkraft liegt nicht in der Befreiung von Zwängen,
der Auflösung von Hemmungen, oder dem Vernichten von Agressionen
sondern in der seherischen Dichte
des gesamten amorphen Komplexes Körper.
Mit aller Macht er selbst sein
mit allen seinen Kräften
sich nahtlos im All spüren
alleinsichtig
sein
...wird fortgesetzt
Shirley Crandall