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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Zillo Festival 1996, Hildesheim

 

Zillo-Festival 14/15.06.1996, Hildesheim

Wie jedes Jahr machte ich mich auch diesmal auf den Weg zu dem Festival, welches in der Vergangenheit immer ein Garant für ein gelungenes Wochenende war. Mit vollbepackten Autos (Zelt, Schlafsack, Unmengen von Alkohol, Gras, Lebensmittel...) machten wir uns dann Freitagvormittag auf den Weg zu dem Ort des Geschehens, der diesmal besser gewählt war als im letzten Jahr, so daß wir nicht wieder auf einer ehemaligen Müllkippe zelten mußten, auf der ominöse und mutierte Schnecken in großer Zahl herumliefen; Schnecken, die ich selbst in Gorleben nach dem zweiten Castortransport noch nicht gesehen habe. Statt dessen sicherten wir uns einen Platz in Eingangsnähe (man ist ja faul), harrte der Dinge, die da kommen sollten und traf schon die ersten Bekannten, wie etwa die Zeitnachbarn des vergangenen Jahres, bevor wir schließlich Einlaß zum Festivalgelände begehrten. Dieses war ursprünglich ein Flugplatz und bestens geeignet für ein solches Event. Um auch einmal wichtig spielen zu dürfen, den Bands Dosenbier zu mopsen, und einmal die Aussicht von dem Tower zu genießen, klaute ich mir kurzerhand Michaelas Backstageausweis und erklomm die Treppen nach oben. Auf der Bühne bestritten Mother Destruction und Faith & The Muse den Anfang, bevor London After Midnight die Bühne betraten.

An diesem Punkt kristallisierte sich bereits der erste Nachteil heraus, denn im Hellen und bei warmer Sonnenbestrahlung wollte bei mir nicht die rechte Stimmung aufkommen, obwohl LAM derzeit die einzige Gothicband der 90 er ist, die selbst mir gefällt. Weiter ging es mit den "Pyroprolls" von Rammstein, die mit ihrem Auftritt und den bekannten Hits für Schwung im Publikum sorgten, bevor Carl Mc Coy mit Nerilim auch viele alte Fans begeistern konnte, zumal er auch "Moonchild" und "Last exit for the lost" zum besten gab. Trotzdem konnte das vielen nicht gerade milde stimmen, denn die Enttäuschung des Tages, nämlich daß Paradise Lost nicht spielen konnten, saß bei vielen tief. Auch wenn Easy sicher nicht in den Knast muß (siehe neue Zillo), machten alsbald Gerüchte die Runde, daß Zillo den Namen nur zu Werbezwecken benutzt hat. Immerhin wurde mit Phillip Boa ein würdevoller Ersatzheadliner gefunden, und ich war überrascht, wie viele, noch recht junge Festivalbesucherinnen, selbst jahrealte Songs kannten und begeistert mitgingen. Doch damit war der Freitag noch nicht gelaufen, denn statt des üblichen Discozeltes sollte es diesmal mit Konzertauftritten weitergehen, was ich mehr als begrüßenswert fand. Nach Children Of No Return (kein Kommentar) kamen meine persönlichen "Freitagsfavoriten", Apoptygma Berzerk, dessen Auftritt ich wiedermal mehr als gelungen fand, und das obwohl es ausgerechnet bei "Non Stop Violence" beinahe noch eine kleine Schlägerei im vorderen Bereich gab, nur weil eine Supernase es nicht einsieht, daß man bei so druckvollen Electrohits einfach tanzen muß, statt "typisch deutsch", blöd mit verschränkten Armen rumzustehen. Noch sehr viel nervenaufreibender war jedoch die um diese Zeit stark dezimierte Lautstärke, die ich als Zumutung empfand. Als Calva Y Nada dann noch spielten, war ich jedoch bereits in einem Zelt verschwunden.

Am nächsten Morgen ging es gegen 11.20 Uhr viel zu früh los, denn wer ist nach langer Nacht bzw. reichlichem Alkoholkonsum schon in der Lage, sich um die Zeit Bands anzusehen? Ich nicht, macht aber auch nix, denn ich kann nicht gerade behaupten, ein ausgeprägtes Interesse an Combos wie Garden Of Delight, Breath Of Life oder Catastrophe Ballet zu haben. Wirklich zum Kotzen fand ich, daß Easy nach der ganzen Jungen Freiheit-Geschichte auch noch Forthcoming Fire verpflichtet hatte. Anscheinend schien es jedoch niemanden zu stören, wenn eine Faschoband auf einem Festival spielt, daß laut Zillo ein "Fest für das Volk der Individualisten, der Unangepaßten, der Nonkonformisten" darstellt, denn die Proteste waren peripher, so daß ich auch kein faules Obst auf der Bühne erblicken konnte, und das, obwohl Jay Kay gegen die Antifa hetzte, und mit einem altbekannten, veränderten Zitat aufwartete: "Wollt Ihr die totale Liebe?", so die provokative Frage. Nach dem Konzert hatte ich das "Vergnügen", ihn persönlich zu erleben, mit Sprüchen wie "Ich bin allwissend" usw. Nun gut, ich erspare mir jeden weiteren Kommentar. Nach Marion kam dann der erste Highlight in Form von And Also The Trees, bevor es nach den stimmungsvollen Auftritten von den Inchtabokatables und den Levellers (dazwischen die Walkabouts und Frank Black) wieder elektronischer wurde: Front Line Assembly waren die nächsten und "überzeugten mit Stücken wie "Body Count""(!!!) Steht jedenfalls im Zillo (ich muß da was verpaßt haben), das diesen Monat überhaupt sehr unterhaltsam ist. Allein die wie eine Real satire wirkende Story "Easy Ettlers Kampf gegen die finanzielle Ausbeutung der Festival-Besucher" ist herzerfrischend und urkomisch. Die Entry wird natürlich intensiv beratschlagen, ob wir nicht auch Mitglied in der "Interessengemeinschaft" gegen "diese Oberkapitalisten, diese Ausbeuter" werden wollen, schließlich ist das Mitbringen von Plastikflaschen auf Festivals schon fast ein Menschenrecht, und diese soziale Errungenschaft sollte nicht nur verteidigt, sondern auch im Grundgesetz fest verankert werden. Easy. Viel Glück bei Deinem kämpferischen Vorhaben.

Nach FLA kamen jedenfalls The Jesus And Mary Chain, die ich mit bipolaren Gefühlen erwartete, da ich sie seit sechs Jahren nicht mehr live gesehen hatte. Optisch hatte sich in der Tat einiges getan: Jim und William wirkten älter, Jeansdress, und die Tatsache, daß nur ein Wuschelkopf übriggeblieben ist, tat ihr übriges. Die Chaoszeiten scheinen langsam vorbei zu sein, statt dessen wirkte der Auftritt kalkuliert und professionell. Doch lärmende Rückkopplungen und alte Kultstücke wie "Sidewalking" und "Happy When It Rains" versetzten mich und andere in grenzenlose Begeisterung. Einfach nur genial. Danach wurde dem Publikum viel Geduld abverlangt, denn bevor der eigentliche Hauptact Ministry eine Energielawine freisetzte, hieß es noch bestimmt eine Stunde warten und Countrysongs (cool!) hören. Doch das hatte sich gelohnt. Das Knüppelprogramm setzte sich vornehmlich aus älteren Hits wie "Psalm 69" und "Just One Fix" zusammen, und bewirkte heftigen Pogo, Zaunrütteln und Wassereinsätze der Ordner. Derart aufgepeitscht auf die Zugabe wartend, hatte Easy sich das falsche Publikum ausgesucht, um die "gotischromantische Nachmitternachtsparty" (was ein Name!) anzukündigen: Pfiffe und Buhrufe bestimmten das Bild. Trotzdem wurde der Auftritt von Qntal und Deine Lakaien zu einem weiteren Höhepunkt, denn diese bewiesen erneut, daß sie absolute Profis sind. Zielgruppengerecht bestand ihr Repertoire vor allem aus melancholischen Stücken wie z.B. "Forest", und wußte die vielen Leute, die sich in der kalten Nacht noch versammelt hatten, mehr als zu überzeugen. Besonders gelungen fand ich die Idee, die Technopersiflage "Resurrection Machine" mit Drehleier und Gong zu präsentieren. Genial. Damit war das musikalische Programm dann zu Ende, doch auf dem Zeltplatz wurde natürlich weitergefeiert. Trotz der üblichen Kritikpunkte, wie etwa die Kommerzialisierung durch absolute Wucherpreise an den Ständen, teils nervigen Warteschlangen und teils zu kurzen Bandauftritten, hat sich das Festival wirklich gelohnt, und auch die Entryleute hatten trotz zahlreichen Sonnenbränden (das Ozonloch grüßt) ihren Spaß, zumal unsere Hefte auf ein interessiertes Publikum stießen.

L.S.

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