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| Archiv Gedichte: Gustav Falke - Gral |
Es ist ein Berg, hoch aufgetürmt,
Von Nacht und Wettern viel umstürmt,
Der Gipfel tief in Wolken steckt,
Den Fuß hält Tann und Dorn umheckt,
Daß man den Weg kaum finden kann.
Und doch, den Berg muß ich hinan.
Da oben steht in weißer Pracht
Ein Tempel, marmorüberdacht
Darin aus einem ewigen Licht
Der Glanz der höchsten Gnade bricht,
Darin ich rein von Staub und Ruß
Die nackte Seele baden muß.
Kein Tann so dicht, kein Dorn so scharf,
Daß er den Fuß mir hemmen darf,
Und keine Nacht so schwarz und schwer,
Kein Wind und Wetter stürmt so sehr,
Kein Tod und Teufel sperrt den Pfad,
Die Seele schreit nach ihrem Bad.
Du arme, arme Seele du,
Ohn´ Rock und Hemd, ohn´ Strumpf und Schuh,
Nackt, blutend kämpfst du deinen Streit,
Kennst nicht den Weg, weißt nicht wie weit;
Dein einziger Stecken das Vertraun,
Daß du das süße Licht wirst schaun.
Ach, wenn du auf den Stufen liegst,
Die du mit letzter Kraft erstiegst,
Und über dir die heilige Glut
Mit einem stillen Leuchten ruht,
Und alle Wunden haben sacht
Die kranken Lippen zugemacht:
Dann hebst du deine Hände auf
Und segnest deinen Weg und Lauf.
All´ Leid und Unruh fallen ab
Und legen sich ins stille Grab,
Und Glanz hüllt dich und Himmelsschein
In einen weichen Mantel ein.
Gustav Falke (1853 - 1916), norddt. Schriftsteller. Gral aus Friedrich Castelle: Gustav Falke - Ein deutscher Lyriker. Leipzig o.J.