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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Alexander Veljanov

‘Let’s praise the magic of this coming night and kiss the rain goodbye.’

Was soll ich mich lange mit einem Vorwort aufhalten, Alexander Veljanov dürfte in der Szene hinlänglich bekannt sein, und daß er vor einiger Zeit sein erstes Soloalbum veröffentlicht hat, wird ebenfalls kaum jemanden entgangen sein. Im folgenden Interview hoffe ich, Alexander hierzu ein paar bisher noch nicht bekannte Dinge zu entlocken.

Entry: Man sollte meinen, daß Du mit Deinen ganzen anderen Projekten (DEINE LAKAIEN, ESTAMPIE, RUN RUN VANGUARD) ausgelastet genug sein dürftest. Wie kam es dazu, nun auch noch ein Solo-Album zu veröffentlichen?

Alexander: In den letzten Jahren war ich immer neben den Lakaien mit verschiedensten Projekten und Arbeiten beschäftigt. Leider fehlt es immer an Zeit, wirklich alles auszuprobieren, was man gerne machen möchte. Ich hoffe auch in Zukunft noch möglichst viele spannende Herausforderungen anzugehen und diesen wunderbaren Beruf mit viel Enthusiasmus und Feuer zu genießen. Bleibt zu hoffen, daß dieses auch anderen gefällt.

Entry: Kommt da die Freizeit, auch um zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen, nicht hoffnungslos zu kurz? Könntest Du Dir vorstellen aufgrund dessen irgendwann in Zukunft zu einem ‘normalen’ Leben zurückzukehren?

Veljanov

Alexander: Privat- und Berufsleben verschmelzen scheinbar. Der zwischenmenschliche Kontakt konzentriert sich phasenweise sehr stark auf Kollegen und indirekt Beteiligte. Es braucht aber auch Momente des totalen Rückzugs, man muß abschalten und hofft, daß man die Batterien wieder aufladen kann, aber vielleicht geht man ja irgendwann einen Weg, der woanders hinführt ...

Entry: Bisher scheint das Album sehr gut anzukommen. Bist Du zufrieden mit den Reaktionen bzw. hast Du damit gerechnet? Ist es nicht schwierig einen Erfolg einzuschätzen, man weiß schließlich nicht, inwieweit man es dem Namen ‘Veljanov’ zu verdanken hat und inwieweit wirklich der Musik!?

Alexander: Diese Dinge sind und werden immer absurd bleiben. Was ist Erfolg??? Man muß in diesen Dingen einen ganz eigenen Standpunkt und Maßstab bewahren, sonst wird man verrückt. Wenn ich mir überlege, was ich in den letzten Monaten alles gefragt wurde, was ich nicht alles gesagt habe, und das absurdeste - was alles geschrieben wurde ... es ärgert mich, daß der Inhalt, das Wesentliche, die Musik (!) oft nur sehr oberflächlich wahrgenommen wird, das drumherum scheint für einige wichtiger zu sein. Das ist manchmal deprimierend. Trotzdem freue ich mich über das große Interesse und vor allem über die herzlichen und euphorischen Zuschauerreaktionen. Konzerte sind für mich der eigentliche Gradmesser, ob meine Arbeit funktioniert oder nicht. Danke dafür.

Entry: Gegenüber Deiner ‘Hauptband’ hat sich musikalisch einiges getan. Auf Elektronik wurde weitestgehend verzichtet, war diese neue Arbeitsweise mit ‘realen’ Instrumenten schwierig für Dich?

Alexander: Es ist für mich nicht neu, mit verschiedenen Musikern und Instrumenten zu arbeiten (z.B. RUN RUN VANGUARD). Die Lakaiensongs werden ja auch größtenteils am Flügel erarbeitet. Die Verpackung am Ende hat nichts mit der Qualität eines Songs zu tun. Man kann Müll nicht schön verpacken, ohne daß er schon bald anfängt zu stinken.

Entry: Wie groß ist der musikalische Einfluß der Musiker und des Produzenten, die auf diesem Album mitgewirkt haben?

Alexander: Die Songideen wurden gesammelt und miteinander, von Song zu Song unterschiedlich, zusammen erarbeitet und dann schließlich mit dem Produzenten David Young geschliffen.

Entry: Auch textlich gibst Du solo sehr viel Persönliches preis, während Du bei den LAKAIEN des öfteren davon sprichst, als eine Art Schauspieler zu agieren. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, nun plötzlich aus seinem Privatleben zu erzählen?

Alexander: Bei den Lakaien gibt es zwar Texte von Ernst und mir, aber sie sind immer in den LAKAIEN-Kontext eingebunden und basieren oft auf externen Quellen, handeln nicht unbedingt von uns als Personen. Dennoch sind die neuen Texte auf meinem Soloalbum nicht als Tagebuch zu verstehen, sondern sie versuchen Bilder, Filme auszulösen, die jedoch eng mit meiner Person verbunden sind.

Entry: Die Songs sind mehr oder weniger auf Deine Stimme abgestimmt, sie ist das herausragende ‘Instrument’ Deiner Platte. Ähnlich ist es auch schon bei den LAKAIEN, wo sie ebenfalls eine recht große Rolle spielt. So bleibt immer noch der Zusammenhang zwischen Deinen einzelnen Projekten bestehen. Wäre es für Dich überlegenswert, den Gesang zu verfremden, um so etwas ganz Anderes zu schaffen?

Alexander: Ich arbeite seit vielen Jahren an meinem Gesangsstil und bin glücklich, eine gewisse Unverwechselbarkeit attestiert zu bekommen. Vieles habe ich durch Praxis selbst gelernt und immer wieder hole ich mir Tips und Ratschläge, doch habe ich immer davor zurückgeschreckt, meine Stimme einem Lehrer voll und ganz anzuvertrauen. Ich habe von zu vielen Tragödien diesbezüglich gehört. Ich glaube, daß ich ein sehr intuitiver, autodidaktischer Sängertypus bin; das ermöglicht mir eine schöne Vielseitigkeit in meiner Betätigung. Es ist natürlich nicht einfach, mal inkognito zu arbeiten, vielleicht sollte ich, um eine gewisse Anonymität zu ermöglichen wirklich einmal mit Verfremdung arbeiten ...

Entry: Welche der berühmt berüchtigten Schubladen würdest Du selbst ziehen, wenn Du ‘Secrets Of The Silver Tongue’ einordnen müßtest?

Alexander: Wenn schon, dann ‘Musik für Dich’.

Entry: Teilweise erinnert mich das Ganze ein wenig an die aktuellen ruhigeren Sachen von NICK CAVE. Siehst Du da eine Inspirationsquelle, eine Art Singer- Songwriter-Platte zu veröffentlichen?

Alexander: NICK CAVE ist insofern ein Vorbild, daß er es auf seine Art konsequent zu sein geschafft hat, sich jenseits aller Moden zu behaupten. Ein unbequemer Weg eines bemerkenswerten Künstlers mit einer aufreibenden Vita. Kompliment, ja, aber nicht das große Vorbild. Es gab sie immer, die großen, unangepaßten, besonderen Sänger ... ich hoffe, ich mache nicht zu viele Fehler und verliere nie die Lust.

Entry: Mr. CAVE hat in letzter Zeit verstärkt im Duett gesungen. Wäre das für Dich ebenfalls überlegenswert und welche Gesangspartnerinnen könntest Du Dir dabei vorstellen?

Alexander: Ich hatte schon die Ehre, mit Karin Sherrett bei SLEEPING DOGS WAKE und mit Syrah bei ESTAMPIE zu singen. Sicherlich gibt es da noch einige Damen, die wunderbar zu mir passen könnten, aber man wird sehen ...

Entry: Ein wenig Lachen mußte ich über das Presseinfo, in dem die Rede davon ist, daß Du Dich vom obskurantistischen Jugendkult um DEINE LAKAIEN entfernst. Würdest Du diese Platte als ‘seriöse’ Musik bezeichnen, während die LAKAIEN eher ein pubertäres Publikum ansprechen?

Veljanov

Alexander: Der Journalist, der dies geschrieben hat, wollte offensichtlich bewußt provozieren, da er geahnt hat, daß ein Soloalbum meiner Person, die Meinungen der Musikpresse etc. schon vor dem ersten Ton in zwei Lager spalten wird. Er hatte nicht ganz unrecht. Für mich ist alles, was ich mache interessant, sonst würde ich es nicht machen. Daß die LAKAIEN keine Gruft-Klischeeband mit dementsprechendem Publikum sind, weiß jeder, der sich mit uns auseinandersetzt und unsere Konzerte besucht.

Entry: Ist das vielleicht auch ein Grund, weshalb man auf dem Album keine ‘düsteren’ Texte findet?

Alexander: Was sind ‘düstere Texte’? Es gibt Parallelen, Ernsthaftes und Humor, man muß sich nur Zeit nehmen. Wo Licht ist, ist auch Schatten.

Entry: Live präsentierst Du nun erstmals auch Stücke in Deiner Heimatsprache. Wird man diese Stücke auf einer Deiner nächsten Veröffentlichungen wiederfinden?

Alexander: Ich habe dies nun nicht zum ersten Mal getan, doch sicherlich kennt nicht jeder meine Arbeit mit RUN RUN VANGUARD.

Entry: Worum handeln die Stücke textlich, in einem sprachst Du von einem im Exil lebenden Menschen, der nicht nach Hause zurückkehren kann. Hast Du Dich selbst damit gemeint?

Alexander: ‘Taga sa jug’ vom RUN RUN VANGUARD-Album handelt von einem Menschen, der im Exil leben muß und davon träumt, wie ein Vogel in die ferne Heimat davonzufliegen. Ein Lied, nicht über mich, sondern für alle Menschen, die dieses schmerzhafte Gefühl der Sehnsucht kennen. Der andere Titel war ‘More sokol pie voda’, das auf einem alten Traditional basiert. Ein Lied über den Falken, der die Freiheit und Unabhängigkeit symbolisiert.

Entry: Ist es in der Muttersprache nicht noch schwieriger, seine Gefühle auszudrücken? Hinter einer Fremdsprache kann man sich immer noch ein wenig verstecken.

Alexander: Für mich ist heutzutage die deutsche Sprache näher, da ich kaum die Möglichkeit habe, mit anderen mazedonisch zu sprechen. Aber es stimmt, es ist sehr eigenartig und ich hätte die beiden mazedonischen Lieder nicht auf Konzerten gesungen, wenn ich mich unwohl gefühlt hätte, wenn das Publikum mich nicht aufgenommen hätte.

Entry: Wie siehst du die derzeitige Lage im ehemaligen Jugoslawien? Ich habe dort selbst Verwandtschaft und finde es manchmal schon erschreckend, wie gleichgültig vielen Leuten ist, was dort in den letzten Jahren passiert ist. In einem Land, das fast vor unserer Haustür liegt und jahrelang gut genug war, um dort Urlaub zu machen.

Alexander: Diese grausame Entwicklung wird im Medienbrei unserer desorientierten und übersättigten Zeit völlig verzerrt und bagatellisiert. Eine Entwicklung, die für die Sensibilität der Menschheit schreckliches ahnen läßt. Mich erschreckt am meisten, daß man selbst in Europa, das ja geeint werden soll, in der heutigen Zeit überall Haß und Intoleranz, nationalen Wahn sieht. Irland, Spanien, Ex-Jugoslawien, Türkei, Zypern, Fremdenhaß in Frankreich, Deutschland, Skandinavien, Österreich ... ich bin mir nicht sicher, wie sich das entwickeln wird. Man muß die sozialen Unterschiede verringern, nur dann kann Frieden entstehen. Arbeit für alle, Geld für alle, Zufriedenheit für alle. Nur wer nicht geachtet wird, sucht jemanden, den er treten kann. Man hat es sich mit der Bewältigung der Folgen des ehemaligen Ost-West-Konfliktes viel zu einfach gemacht. Wo sind die großen klugen Köpfe unserer Epoche?

Entry: Zurück zur Musik, in Bochum hast Du das Cover Jolene gespielt. Wird auch das in Zukunft veröffentlicht und wie bist Du auf das Stück gekommen?

Alexander: Ein Song der im Original von Dolly Parton ist. Ich habe es gecovert, weil es ein großartiges Stück ist und weil ich jemandem einen Wunsch damit erfüllt habe. Es ist auf meiner letzten Promo-Single zum Album und dann auch auf dem neuen DAS HOLZ-Album.

Entry: Bei dem Konzert hast Du Dich von einer sehr sympathischen Seite gezeigt, die oft gezeigte ‘bitterernste’ Maske ist gefallen und Du hast bei dem Stück ‘Fragile Little Thing’ ein wenig den Faden verloren und lauthals losgelacht.

Alexander: Oh ja, das war einer der merkwürdigsten Momente auf der Tour. Ich versuchte mich auf dieses Liebeslied zu konzentrieren, das ja sehr intime Dinge beschreibt, und da ist es passiert, ich mußte losprusten und konnte während des ganzen Stückes nicht mehr aufhören, so sehr ich mich auch bemühte ... davon hatte ich immer nur gehört, daß man alles unterdrücken kann, nur das nicht. Es stimmt !!!

Entry: Zum Schluß noch einen Ausblick in Deine nächste Zukunft ...

Alexander: Im Sommer werde ich mit VELJANOV auf einigen Festivals spielen, das neue LAKAIEN-Album wird gemacht, und sicher noch vieles andere zum richtigen Zeitpunkt.

Entry: ... und eventuell das obligatorische ‘Schlußwort’?

Alexander: Und jetzt freue ich mich auf den Sommer und wunderschöne Sommernächte ... Let’s praise the magic of this coming night and kiss the rain goodbye ... in diesem Sinne.

Thorsten Kübler

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