Entry
Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

And One

Nach vielen vergeblichen Versuchen hat es nun endlich geklappt: An einem warmen Sommertage traf ich mich mit Steve in Düsseldorf, um dieses Interview zu führen. Leider muß ich dieses Interview gekürzt wieder geben, da im Entry nicht genug Platz ist.

Entry: Wie und wann begann "And One"?

Steve: And One entstand 1988. Ich lernte Chris in einer Berliner Szene-Disco mit dem Namen Linientreu kennen. Zu dieser Zeit waren gerade diese ganzen EBM-Bands wie Front 242 oder Nizzer Ebb am Start, und da wir einen ähnlichen Musikgeschmack hatten, beschlossen wir, zusammen Musik zu machen. Nachdem wir dann angefangen hatten, bewarben wir uns ganz normal bei mehreren Plattenfirmen, und erhielten auch mehrere Absagen. Doch dann erhielten wir von Machinery das Angebot, das erste Produkt auf diesem Label zu werden. Genau genommen gab es diese Firma zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Sie nannte sich Big Cat, und wollten halt mit uns ein neues Label gründen. Dort haben wir dann unterschrieben, und brauchten etwa ein Jahr für unsere erste Maxi-Single. Dies war unser Anfang.

Entry: Wie kamt Ihr auf Euren Namen?

Steve

Steve: And One ist ein Tanz gewesen. Und zwar dieser "3 vor, 3 zurück", und den haben wir damals halt so genannt. Dann haben zwei oder drei Leute nachgezogen, und plötzlich nannte erst das ganze Linientreu diesen Tanz so, und später ganz Berlin. Und als dieser Name nicht mehr in aller Munde war, weil die Leute überall so tanzten, haben wir ihn herüber gerettet. Wir hatten zwar auch andere Namen für unsere Band im Gespräch (wir wollten uns zuerst Body Projekt nennen), doch And One ordnete uns nicht sofort einer bestimmten Musikrichtung zu.

Entry: Laß uns mal etwas in die Gegenwart gehen. Wir mußten etwa 2 1/2 Jahre auf das aktuelle Album "Nordhausen" warten. Wie kam es dazu und was habt Ihr in der Zeit gemacht?

Steve: Wir haben halt leider einen riesen Rechtsstreit hinter uns bringen müssen.

Entry: Erkläre uns das doch einmal etwas genauer.

Steve: Als unsere dritte Platte in die Charts kam, wollte der Boß von Machinery eine Vertragsverlängerung von uns, die er aber nicht bekam, da wir der Meinung sind, daß drei Alben bei einer Firma reichen. Von da an hat er versucht, uns inhaltlich und finanziell ausbluten zu lassen. Er drehte uns den Geldhahn zu, um uns in die Knie zu zwingen, und so einen Vertrag über drei weitere Alben zu bekommen. Ich habe mich bemüht, dem weitestgehend stand zu halten. Als unser viertes Album I.S.T. nicht mehr in die Charts kam, weil er sich absolut nicht mehr bemühte, bin ich dann dagegen gerichtlich vorgegangen, um mich für das fünfte Album heraus zu klagen. Dieser Gerichtsproßes hat dann ewig lange gedauert.

Entry: Wie habt ihr das denn finanziert? Habt Ihr zu diesem Zeitpunkt schon so viel verdient, Euch das leisten zu können?

Steve: Ich bin froh, daß ich noch immer die Eigenschaft habe, für schlechte Zeiten etwas zurück zu legen, und diese Reserven habe ich auch aufgebraucht. Aber dann auch wieder bekommen! Zu dieser Zeit hatte unser Keyboarder seien Herzanfall, bzw. einen Rückfall, so daß er nach Nordhausen in eine Spezialklinik gehen mußte, und dort haben wir dann auch unser Studio eingerichtet. Wir hatten also eine Zwangspause und keine künstlerische Pause, und wer uns kennt, weiß, das wir immer Platten heraus gebracht haben. Unsere neue Platte kam ja pünktlich raus, im Januar erscheint die Maschienenstürmer-E.P., und im Sommer nächsten Jahres erscheint die neue LP. And One

Entry: Ihr seit von Machinery zu Virgin, und damit zu einem Major gewechselt. Wo sind dabei die Vorteile für Dich?

Steve: Der Vorteil ist zu wissen, daß Mißerfolg nicht mehr an der Plattenfirma liegt, sondern das man ihn endgültig der Musik zu schreiben kann. Wir haben jetzt eine gewisse Ruhe, denn jetzt liegt alles nur noch an der Musik. Außerdem haben wir jetzt einen sehr guten Vertrag, denn nach vier Alben hat man einen gewissen Marktwert. Außerdem war Virgin schon immer ein Kandidat, denn Udo Lange hat sich über viele Jahre einen sehr guten Ruf aufgebaut. Er ist sehr beliebt bei den Künstlern, und er macht da weiter, wo andere Firmen aufgehört haben. Bei vielen Firmen ist es eine einfache Gewinn- und Verlustrechnung, und bei Virgin sitzen noch richtige Idealisten. Virgin war die einzige Firma unter allen Interessenten, die nach Erhalt des Nordhausen-Demotapes den gesamten Backkatalog haben wollte. Und beim ersten Gespräch mit Michael Wolf hat sich herausgestellt, daß er fast jeden Song beim Namen kannte, und das sagt eine Menge aus. Da stand es für mich fest, das da jemand an der Musik interessiert ist, und nicht nur sekundär. Außerdem signen sie nur verdammt wenig, aber um diese Acts kümmern sie sich dann total.

And One

Entry: In wie weit hat Dich der Erfolg verändert, oder welche Auswirkung hat er auf Dein Leben?

Steve: Ich bin ein sehr dankbarer Mensch und erwarte nicht viel vom Leben. Es gab beispielsweise einen Laden in Berlin mit dem Namen Loft, der in etwa die Größe des Zwischenfalls hat. Früher träumten wir davon, einmal als Vorgruppe in diesem Laden zu spielen. Und drei Jahre später haben wir dann eine 4000er Halle zur Hälfte gefüllt. Das sind dann die Momente, in denen man richtig nachdenkt. Das ist schon "Strange". Und wenn man dann nach Hause kommt, ist wieder alles normal. Und wenn man dann einkaufen geht, und sich in der Schlange hinten anstellt, weiß man wieder, wer man ist.

Entry: Dann kommen wir mal zum aktuellen Album. Wie kam es zu der Coverversion von "Movie Star"?

Steve: And One möchte natürlich einzigartig sein. Aber in diesem Fall wollten wir nicht die einzige Band sein, die noch keinen Song gecovert hat. Nein, im Ernst. Der Song hat für uns etwas mit Kindheitserinnerungen zu tun. Wir haben uns an einer Tankstelle einen Sampler gekauft und ihn direkt in den CD-Player gesteckt. Dann kam der Song, und plötzlich waren alle ruhig. Jeder erinnerte sich an seine Kindheit. Wir haben dann nicht beschlossen, den Song zu covern, sondern das kam etwa drei Wochen später beim jammen. Wir machen halt oft Dinge, bei denen wir uns nicht überlegen, ob es veröffentlicht wird, sondern einfach zum Spaß. "Movie Star" haben wir halt einfach gedeihen lassen. Wir hätten den Song auch niemals ausgekoppelt. Virgin, wir und alle möglichen Leute waren der Meinung, daß der Song ein Hit hätte werden können. Aber das wollten wir nicht. Stell Dir mal vor, daß wir mit dem Song einen Hit landen. Dann hat man direkt sein Fett weg. Man wird dieses Image auch in 10 Jahren nicht los.

Entry: Was wollt Ihr mit den Englisch/Deutsch Schnipseln bei "Sweety Sweety" bewirken?

Steve: Nun, das soll jetzt keine Entschuldigung sein. Aber wir hatten beim Proben schon gut getrunken gehabt. - Also zu so einem "Sau dummen" Lied, bei dem die Melodie ja schon echt dumm war, fing ich an zu schreiben: "She came from the ...". Und dann fiel mir das Wort für U-Bahn nicht ein. Da habe ich kurz eine Notiz gemacht, damit ich nicht extra im Wörterbuch nachschlagen mußte. Und dann gab ein Wort das andere, da Englisch ja nicht meine Muttersprache ist und ich wie gesagt schon einiges getrunken hatte. Irgendwann fing es dann an Spaß zu machen, und wir machten weiter. Dann war es fertig, und keiner wußte warum. Ich denke, der Fan hat ein Recht darauf, alle Seiten einer Band kennen zu lernen. Es gibt so viele Bands, die absolut ernste Platten machen, und im Proberaum geht dann voll die Sau ab.

Entry: Wie würdest Du Eure Musik in den 90’ern definieren, da die große Zeit der Popmusik ja in den 89’ern liegt?

Steve: Ich bin eigentlich sehr "Generationsoptimistisch". Zu erst einmal bin ich froh, daß And One eine ganze Generation überlebt hat, bzw. das es uns noch gibt. Und jetzt ist die Chance sehr groß, daß die Leute, die heute 14 oder 15 Jahre alt sind, und ihren Stiel noch nicht so ganz gefunden haben, mit den 80’ern nichts anfangen können, und für die sind And One die 90’er. Schau, als Depeche Mode die 80’er beherrschten, haben die älteren Kollegen über sie gelächelt und gesagt: "Hey, wir leben nicht in den 70èrn!" Und so kann man die Zeit immer weiter zurück schrauben. Wir werden es der 80’er Jahre Generation nicht mehr recht machen können. Wir werden von denen vielleicht akzeptiert, aber richtig euphorisch aufgenommen werden wir nur von den jungen Leuten, die unbeeinflußt sind von den alten Depesche Mode oder ähnlichen Bands. And One

Sieh mal, diese alten Depesche Mode Sachen sind für Dich und mich tausend mal besser als And One jemals sein werden. Wenn heute ein 15 Jähriger sich And One -Platten kauft und ein Fan wird, und dann ein 35 Jähriger auf ihn zukommt und sagt: "Hey, ich spiele Dir mal ein paar Songs vor, dann wird Dir etwas klar werden.", dann wird es ihm nicht gefallen, denn es hört sich super alt an.

Entry: Apropos alte Musik: Ihr benutzt doch auch analoge Synthesizer. Was gibt Euch das?

Steve: Sie lassen aus der Musik ein geordnetes Chaos werden. Bei analogen Synties klingt eine Note nicht immer wie die andere. Sie haben ein Eigenleben und sind einfach lebendiger. Man kann es nicht so richtig beschreiben. Selbst wenn man richtige Größen wie Vince Clark fragt, können sie es auch nicht richtig beschreiben. Es macht einfach mehr Spaß damit. Digitale klingen halt flacher, billiger.

Entry: Jetzt mal zu etwas anderem. Habt Ihr eine bestimmte Zielgruppe für Eure Musik?

Steve: Alles was kreucht und fleucht. Wir wollen natürlich verkaufen. Es gibt natürlich eine Gruppe weiblicher Fans, die man nicht so gerne sieht. Ich sehe es natürlich furchtbar gerne, wenn die Leute Lederjacken und kurz rasierte Seiten haben. Da fahre ich voll drauf ab, denn da fühlt man sich ein bißchen unter sich. Je mehr davon da sind, desto besser natürlich. Aber spezielle And One Fans erkennt man einfach nicht mehr.

Entry: Wie stehst Du zur heutigen Electro/Pop Szene, und wie beurteilst Du sie?

Steve: Gibt es heute noch eine? Ich bin tierisch raus. Ich kann sie nicht mehr fassen. Ich weiß nicht einmal, ob sie größer oder kleiner geworden ist, weil ich nicht mehr so ein Teil davon bin. Der Standpunkt hat sich für mich geändert, denn ich stehe auf der anderen Seite. Ich bin nicht mehr der Konsument, sondern mehr der Geber. Ich weiß nicht, ob meine Sicht nicht verfälscht rüber kommt. Ich weiß nur, das diese Szene nie großartig weiter kommen wird, weil es einfach eine menschliche Frage ist. Und man braucht bestimmte menschliche Voraussetzungen, um eine bestimmte Musik hören zu können, und sich damit zu identifizieren. Denn die Leute identifizieren sich damit. Sich schwarz anzuziehen ist eine Einstellung, und nicht nur eine Modeerscheinung. Solche Leute gibt es zwar auch, aber die sind sehr schnell wieder weg.

Entry: Wann können wir Euch live sehen?

Steve: Im September holen wir die ausgefallene Tour komplett nach, nur das ein Konzert dazu gekommen ist. Im Januar machen wir noch eine Tour zur Maschinen Stürmer - EP, und zwei Monate nach dem Sommer kommt dann die offizielle Tour zur neuen Platte. Man, was habe ich für eine Arbeit vor mir.

 

Mit diesen Worten endete das Interview, da Steve noch ins Plastique nach Duisburg wollte, und ich noch den letzten Zug erwischen mußte.

Vielen Dank für das Interview, und wir sehen uns in Köln.

M.V.

Home Zurück