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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Armageddon Dildos

- Speed -

 

Sie existieren bereits seit 1986 und haben durch Ihren unverkennbaren Stil die Electronic-Body-Music der späten 80er mit geprägt. Im Laufe der Zeit hat sich Ihr Erscheinungsbild genauso wie Ihr Bekanntheitsgrad derart verändert, daß sie im vergangenen Jahr als Headliner des Ziilofestivals spielten. Kurz vor Konzertbeginn im Kick/Herford habe ich Uwe Kanka, Sänger und Gitarrist der Dildos, erwischt, während seine Mitmusiker Dirk Krause, Drummer Vom und Live-Gitarrist Frank noch im Hotel verweilten.

Entry: Euch gibt es ja bereits seit 1986, gibt doch bitte kurz mal einen kurzen Einblick die Geschichte der Dildos. Wer oder was sind die Dildos?

Uwe: Die Dildos sind (jetzt) eine Elektronik-Rock-Band. Sie kommen ursprünglich aus dem EBM-Bereich, haben sich aber nach etwa 4-5 Jahren unter Zunahme von Gitarren zu einer Elektronik-Rock-Metal-Band entwickelt. Die neusten Produktionen gehen in den Elektronik-Rock-Pop Bereich mit Dance-Einflüssen.

Entry: Du und der Dirk, Ihr kommt ja eigentlich aus völlig verschiedenen Musikbereichen....

U.: Ja, das stimmt. Ich bin jahrelang Sänger und Gitarrist einer Punk-Wave-Band gewesen, und der Dirk kommt aus einer Synthiepop-Band, mit der er Anfang der 80er in Kassel gespielt hat. Kennengelernt haben wir uns eigentlich über den gemeinsamen Proberaum.

Entry: Kassel habt Ihr mittlerweile verlassen... Gab`s dafür einen handfesten Grund?

U.: Ja...die Liebe! - Das ist ganz lustig. Also, ich hab bis 1990 in Kassel gewohnt und meine jetzige Frau damals in Düsseldorf auf`m Karneval getroffen, die allerdings auch nicht aus Düsseldorf kommt, sondern aus Hannover. Tja, und dann bin ich nach etwa 1-2 Jahren nach Düsseldorf gezogen. Ich wollte aber so oder so aus Kassel weg, es hat sich halt angeboten. Der Dirk, das hat auch gepaßt, ist dann auch nach Düsseldorf gegangen, weil seine Freundin dort ihr Studium begonnen hat.

Entry: Einige Kasseler Leute werfen Euch ja eine regelrechte Heimatflucht vor...

U.: {lacht} Ich weiß nicht wer das ist, aber in Kassel hatten wir nie einen hohen Stellenwert, wir sind eher negiert worden. Viele Leute aus der Kasseler Szene sind von dort weggegangen, besonders in den 80ern. Darunter waren auch einige meiner Freunde, die jetzt in Köln oder Berlin wohnen, teilweise auch in Hamburg, teilweise aber auch wieder nach Kassel zurückgekehrt sind. Bei uns ist es so, daß wir nicht wieder nach Kassel gehen werden. Wir sind gerne dort, um Eltern oder Freunde zu besuchen oder auch um zu spielen, aber in Kassel zu wohnen ist vorbei.

Entry: Euer erstes Label war ja Zoth Ommog, 1996 seid Ihr dann aber zum Major Metronome gewechselt. Wie hat sich das alles entwickelt?

U.: Wir sind, nachdem wir mit dem Projekt Armageddon Dildos 1988 gestartet haben, sofort auf Tour gegangen und haben eine Democassette mit Songs aus dem Proberaum und auch Livestücken zusammengestellt und dann über Kontakte, die wir in Frankfurt hatten, an den Talla herangekommen. Freunde von uns haben das Demotape weitergegeben. Anschließend haben wir nichts mehr gehört. Die Qualität muß wohl so schlecht gewesen sein, oder Talla haben einfach die Songs nicht gefallen. Es war sehr rough damals, es war sehr industrialmäßig, mit auf Metal schlagen, Gitarrensamples und sowas.

Entry: Wie die Neubauten...

U.: Ja, so in der Art, aber längst nicht so extrem wie die Neubauten. Es war schon hart... Dann haben wir 1989 auf eigene Kappe in einem Kasseler Studio `EastWest` in einer etwas anderen Form aufgenommen. Dirk ist nach Frankfurt gefahren und hat sich dort mit Talla getroffen. Zwei Wochen später hatten wir dann sofort die Rückmeldung, daß wir einen Vertrag bekommen. Gleich darauf haben wir unsere erste Maxi `EastWest` auf Zoth Ommog produziert. Und Metronome... es hätte auch Label X sein können. Daß es gerade Metronome geworden ist, lag daran, daß Markus Hartmann (Anm.d.Red.: A&R Metronome) uns ziemlich gut fand, durch Livegigs und verschiedene Produktionen in der letzten Zeit, und wir uns das Jahr vorher schon Gedanken gemacht haben, Zoth Ommog zu verlassen, weil daß Konzept der Band und das des Labels sehr auseinandergelaufen sind. Die wollten sehr elektronisch weiterarbeiten, und wir wollten halt unbedingt Gitarren mit reinbringen. Das paßte einfach nicht mehr zusammen. Aber das Schöne ist, und das muß ich hier noch mal sagen, ist, daß wir uns unwahrscheinlich gütlich getrennt haben. Es sind keine bösen Worte gefallen, und dafür möchte ich dem Talla auch nochmal danken. Und nachdem wir dann aus dem Vertrag mit Zoth Ommog herausgekommen sind, konnten wir nun bei Metronome sein.

Entry: Irgendwie haben ja einige Bands bei Zoth Ommog Ihren Hut genommen und haben das Label verlassen.

U.: Dazu kann ich nichts sagen, außer. Ich weiß nur, daß die Labelpolitik ein wenig umgestellt worden ist und sie gesagt haben, daß sie auch mit weniger Bands was machen wollen und auch noch neuere Bands aus dem Elektroniksektor signen wollen. Was da jetzt genau passiert???

Entry: Da werde ich mich mal an Zoth Ommog direkt wenden....

Jetzt ist gerade Eure neue Maxi `We are what we are` erschienen und sie leitet praktisch das neue Album `Speed` ein. Ich hab da schon reinhören können (Dank nochmals an Mai-Kel/Eldorado!), und es ist insgesamt recht zügig, wie auch der Name schon sagt. Irgendwie ein großer Unterschied zu den drei bisherigen Alben, wesentlich voluminöser und auch geschlossener in sich. Habt Ihr Eure musikalischen Gewohnheiten geändert, habt Ihr das Album anders angepackt?

U.: Nee! Wir haben uns also, nachdem wir `Unite` als Abschiedsgeschenk für Zoth Ommog gemacht haben, zusammengesetzt und uns überlegt, welche Richtung wir nun überhaupt einschlagen wollen. Definitiv klar war damals, daß wir nicht noch irgendeine Band aus dem elektro-Metal-Bereich werden wollten und wir sehr gerne mit Danceeinflüssen und rockigen Elementen arbeiten wollten. Als wichtigsten Aspekt sahen wir auf jeden Fall, daß wir Songs auf der neuen Platte haben wollten. Also Tracks mit Songstruktur, so mit Strophe, Bridge und Refrain.

Entry: Was es vorher demnach nicht gab?

U.: Was es vorher in dem Maße nicht gab.... Hin und wieder gab es schon eine Songstruktur, allerdings nicht so konsequent durchgehalten. Und wir haben uns diesmal auch nicht gescheut, langsamer Stücke mit draufzumachen, was vorher bei uns nicht möglich gewesen wäre. Als zweiten Punkt haben wir gesagt, ok, wir wollen uns Zeit lassen. Das Gute war, wir hatten Zeit, das letzte Label hat uns Zeit gelassen. Der dritte Punkt war, daß das Label uns ermöglicht hat, mit guten Produzenten und in sehr guten Studios zu arbeiten. Die Summe dieser Gründe oder Faktoren hat dann letztendlich `Speed` zutagegebracht, und ich finde, es ist ein sehr kompaktes Album, für mich sehr abwechslungsreich ist, und im Gegensatz zu den älteren Dildos-Sachen wesentlich ausgereifter ist.

Entry: Es beinhaltet ziemlich verschiedene Stile, es wird alles angerissen: Einfache Metalgitarren, Techno- und BreakBeat-Elemente, mir ist sonst noch aufgefallen, daß sehr viel Percussion benutzt wurde. Was sonst noch?

U.: Richtig! {lacht wieder} Was sonst noch? Mmmmh, da müßte ich jetzt mal die ganze Instrumentenliste bringen. Ne, daß sind also maßgebliche Anteile, die Du aufgezählt hast. Wir wollten auf jeden Fall grooviger werden, dadurch viel Percussion, Loops, BreakBeat-Elemente, die angesprochenen einfachen Metalgitarren, es sind Metalaspekte drin, die aber durch anschließende oder vorstehende Instrumente wieder reizbar gemacht werden. Es sind sehr viele Kontraste enthalten. Aus diesen einzelnen und verschiedenen Stilelementen haben wir also versucht, die Songs zusammenzubauen.

Entry: Ist das, was Ihr jetzt gemacht habt, eigentlich das, was Ihr schon immer machen wolltet und bloß nie machen konntet, weil Euch die Möglichkeiten dazu fehlten? Besseres Equipment, besseres Studio, besserer Produzent,....

U.: Ne, bei uns war es immer schon so, daß die Entwicklung eine sehr große Rolle gespielt hat. Als wir `Lost` gemacht haben, wollten wir auch `Lost` machen, bei `Homocidal Dolls` ebenso und auch bei allen anderen Sachen. Und `Speed` wollten wir auch genau so machen. Wenn Du unsere Alben verfolgst, siehst Du, daß sie alle etwas anders sind, es ist eine stetige Weiterentwicklung da. Natürlich spielt es eine riesen Rolle, daß Du mit einem guten Produzenten in einem guten Studio arbeitest. Auch unser Equipment hat sich natürlich erweitert, ganz klar. Aber das ist nicht der maßgebliche Faktor. Der maßgebliche Faktor ist wirklich das Konzept, so und so will ich die Platte machen. Alles andere ist ja nur dazu da, daß Du es gut machst.

Entry: Ihr habt ja auf `Speed` mit noch einigen anderen Leuten zusammengearbeitet, dem Steve Ritchie (Vom), ehemals Drummer bei Doctor & the Medics, und auch Andy Gill, Gitarrist bei Gang of Four. Wie seid Ihr an die Leute herangekommen?

U.: Der Vom ist ja schon seid etwa 2 Jahren bei uns, er ist damals zu der `Lost`-Tour eingestiegen, das ist unser Live- und Studiotrommler. Vom ist eigentlich permanentes Mitglied. Und der Andy

Gill wurde uns von unserem Produzenten Bob Kraushaar (Pet Shop Boys, David Bowie,...) empfohlen. Er sagte, daß er sich vorstellen könnte, daß der Andy gut zu der Musik Gitarre spielen könnte, und ich als alter Gang of Four Fan war natürlich sofort Feuer und Flamme, weil ich die Musik von GOF immer als etwas Besonderes und Extravagantes empfunden habe. Super! Und dann hat er halt bei den ersten Songs Gitarre gespielt und daraus wiederum ist die weitere Produzententätigkeit entstanden. D.H. die ersten Tracks von `Speed` hat ja Bob Kraushaar gemacht, der aber nicht die restlichen machen wollte, weil sie ihm zu gitarrenlastig waren. Er ist halt so bißchen der Elektroniker. Andy dagegen fand die Sachen sehr gut und hat halt den Rest produziert. Kurz vorher hatte er mit den Stranglers eine Platte gemacht und hatte nun Zeit - Das traf sich gut, nicht nur von der Zeit, sondern auch von den Interessen.

Entry: Inwiefern waren diese Leute am Songwriting beteiligt?

U.: Wir haben grundsätzlich alle Songs selber geschrieben. Das Ding ist halt, wenn Du Produzenten hast in der Klasse, greifen die mit ein, und das war auch unser Wunsch. Durch die Einflüsse der Produzenten ist die Sache auch noch viel runder geworden - aber bestimmt nicht flacher! Es war auch interessant, mit diesen beiden unterschiedlichen Menschen (Bob vs. Andy) zusammenzuarbeiten. Der Bob hat Platten mit den Pet Shop Boys, David Bowie, mit Frankie goes to Hollywood, mit Human League, also sehr unterschiedlichen Leuten gemacht. Andy dagegen kommt ja aus einer ganz anderen Sparte, so hat er z.B. die erste Red Hot Chili Peppers produziert. Wenn man `Speed` richtig hört, denke ich, kann man sagen, wer was produziert hat. Entry: Klar hört man das... ebenso bei `Spaceboy` von David Bowie, da haben ja die Pet Shop Boys mitgemischt.

U.: Jaja, das ist aber auch nur ein Remix gewesen, wobei ich den wesentlich besser finde, als das Original! Muß ich jetzt mal sagen... Wir fanden das richtig toll - und danach kam bei uns auch erst der Bob ins Gespräch. Ja, das ist alles etwas verwirrend, wer wann mit wem und wieso.

Entry: Jetzt spielt Ihr ja als Headliner auf dem diesjährigen (1996) Zillofestival. Haben Euch die Leute vom Zillo aufgrund der neuen Maxi `We are...` gebucht, oder kannten die diese Scheibe noch gar nicht?

U.: Die Zilloleute haben uns natürlich schon live gesehen. Wir haben vor etwa 2 Jahren (1994) auf dem Weihnachtsfestival und auf dem Zillo-Open-Air als Opener gespielt. Die haben selbstverständlich auch `We are what we are` gehört. Darauf hin fragten sie uns. Ursprünglich sollte dieses Festival ein reines Elektrofestival werden. Das hat sich dann alles so entwickelt, daß wir auf einmal Headliner sind, wobei ich uns selbst nicht unbedingt als Headliner sehe. Ich sehe die Bands eher als sehr gleichwertig an. Warum das alles so gekommen ist, kann ich Dir gar nicht mal sagen. Dirk und ich wollten zuerst auch gar nicht spielen... unsere Platte war und ist ja noch nicht draußen und wir fanden das alles viel zu früh. Wir spielen heute 8 neue Songs und keiner kennt sie! Es wird sicherlich schwierig werden. Ich kenne das von mir selber, wenn ich früher auf Konzerte gegangen bin, wollte ich nur alte Sachen hören, selbst bei meiner Lieblingsgruppe Yes. Als Musiker muß ich Dir sagen, geht es Dir unwahrscheinlich auf den Senkel, immer nur alte Sachen zu spielen. Ich bin jetzt richtig heiß darauf, die neuen Sachen zu spielen. Es hat sich so ergeben, und deshalb machen wir es auch. Außerdem ist es eine gute Probe für unsere kommende Tour.

Entry: Mittlerweile ist es raus, Euer Label Metronome wird Ende `96 seinen Betrieb einstellen. Ursprünglich sollte ja hier Eure Platte erscheinen. Für Euch kam das sicherlich ähnlich überraschend wie für uns.

U.: Ja, absolut! Es war eine schockierende Nachricht. Vorallem, weil wir mit Markus Hartmann einen unwahrscheinlich guten Betreuer für die Band hatten, und weil so die ganze Promoarbeit bezüglich des Releasedates hinfällig geworden ist und jetzt den Bach runter geht. Wir haben aber keine Angst, einen Deal zu bekommen. Das ist schon in der Mache und wird sich demnächst auch ganz schnell klären. Wir haben nur Angst, daß die Platte nicht im Februar erscheint, daß sie dann zu spät zu der Tour erscheint. Die Tour ist ja schon längst geplant und sie wird Mitte März losgehen. Wenn Du dann auf Tour gehst ohne Release, daß kannst Du vergessen, daß ist für`n Arsch.

Entry: Ganz ohne Promotionarbeit stimmt ja wohl nicht ganz, denn sonst wäre ich ja nicht hier. Der Mai-Kel aus Berlin ist ja ganz fleißig bei der Sache.

U.: Das sind aber die Überbleibsel der Arbeit von Metronome, und das läuft auch noch alles weiter.

Entry: Bleibt Ihr eventuell bei Polygram (Anm.d.Red.: Mutterlabel von Metronome), zum Beispiel Motor Music?

U.: Nein, nein, wir sind weder bei Motor noch bei Mercury und auch nicht bei Polygram!

Entry: Mehr willst Du mir nicht verraten?

U.: Nö...

Und das waren Uwes letzte Worte. Alles Gute wünsche ich Euch für Eure neue Platte und natürlich ebenso für die Tour. Dank gebührt an dieser Stelle dem unermüdlichen MaiKel aus Berlin...

T.C.

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