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Nachdem Jochen Schobert 1990 Artwork gründete, und bei der Gruppe "The Perc meets the hidden Gentleman" musizierte, nahm er mit Oswald Henke 1993 die erste Platte unter Artwork auf. In den letzten Monaten kam die 3. CD "Zwei Schritte" von Artwork auf den Markt und wir nutzten die Gelegenheit, die 7 köpfige Gruppe in Münster live zu erleben und zu interviewen..
Entry: Ist die derzeitige Besetzung der Band stabil
Mathias Konrad: "Also, ich denke, wir alle sind zu einer Band zusammengewachsen."
Ralf Heiligenrath: "Das ist irgendwie ein Projekt, was schon etwas fester ist."
Oswald: "So langsam funktioniert die Gruppe auch, es gab Zeiten, wo die Band noch nicht funktionierte, wir hatten z. B. erst mal 3 Schlagzeuger verschlissen, bis wir den richtigen fanden."
Entry: Also ist das Projekt zur Band und zur Gruppe geworden!
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O.: "Ja genau! Wir sind jetzt am wachsen und ich denke, die nächste Platte wird eine Bandproduktion werden, weil wir diesmal erst die Stücke zusammen als Gruppe erarbeiten, - wenigstens den größten Teil - und dann spielen wir das erst einmal live. Wenn man die letzten Platten mal Resümee passieren läßt - die letzten Platten hatten einfach manche Schwächen und das war z.B. die Rhythmusfraktion, die war einfach total unterbesetzt, weil Jochen und ich die einfach eingespielt haben, und ich bin kein Schlagzeuger..." Jochen.: "Zum Teil haben wir die Sachen selber gespielt aber zum anderen hatten wir noch die drei anderen Schlagzeuger. Mit ihnen gab es zum Schluß aber kein homogenes Bild mehr, da die drei Schlagzeuger unterschiedliche Stile hatten und so die Platte zerrüttet ist. Aber projektmäßig wird es auch beim nächsten Album so aussehen, daß es weiterhin Gäste geben wird, aber es wird viel `bandmäßiger` eingespielt als beim 1. Album." |
O.: "Diese 7 Leute sind die Gruppe und von diesen Leuten gibt es welche, die sich mehr um das Songwriting kümmern und andere, die zur Liveband gehören. Artwork wirft man z.Z. vor, daß sie etwas anders werden als in den Anfängen. Am Anfang war es so etwas wie eine Orientierungsphase, wohin möchte man gehen, und heute versuchen wir die Faktoren Klassik und Rock/Pop noch mehr auf der neuen Platte zu vereinen."
J.: "Für mich persönlich war es so, daß ich früher verschiedene Musikrichtungen hatte, die mich persönlich angerührt, beeinflußt und beeindruckt hatten. Und nun ist es so, daß wir dynamisch arbeiten, also daß wir uns auch gegenseitig beeinflussen. Es ist einfach auch so, daß ich mich mit Leuten aus der Gruppe unterhalte und sage : Betrachte es doch einmal so und betrachte es mal aus diesem musikalischen Blickwinkel. Und so spiegeln sich die verschiedenen Emotionen der jeweiligen Mitgliedern wieder. Aber es ist sehr schwer über Musik zu reden. In der Malerei kannst du sagen, daß dieses Rot etwas tiefer sein muß, aber gerade bei Musik ist es sehr schwer auf einen Nenner zu kommen und so entstehen da öfters sehr interessante Dinge."
O.: "Bei Artwork gibt es mittlerweile 3 Grundrichtun-gen. Die etwas härtere Gangart, die durch die Rhythmus-fraktion vorgegeben wird, dann die Klassikfraktion - also Jochen, der durch die ganz alte Schiene, sagen wir mal Peter Gabriel und Mike Oldfield, beeinflußt ist und dann ich; ich mache immer das, was mir gerade einfällt. Ich bin wohl der, der im Grunde am wenigsten Musik macht sondern spontan musiziert! Aber der Vorteil bei Artwork ist, daß man machen kann, was man will und daß es eine Gruppe ist, die Rock oder Pop-Musik in irgendeiner Schattierung - sei es düster, heftig, laut oder klassisch - macht und daß es absolut keine Grenzen mehr gibt. Man kann sich über sich selbst lustig machen.
J.: "Was aber unheimlich gedauert hat, bis es soweit gekommen ist. Wenn man mal ganz den Anfang sieht, als Oswald mich gefragt hatte, wie wir das Ganze live rüberbringen, war ja die 1. CD schon draußen. Und wir hatten einige Probleme, die Stücke so rüber zubringen, wie sie auf CD sind, da sie uns darauf gar nicht mehr so gefallen."
O.: "Wir klingen heute komplett anders. So haben wir heute den Song "Reprise" zum ersten Mal live gespielt und er hört sich ganz anders an, als damals auf der Platte. Mittsommernachtstraumspaziergang ist da das beste Beispiel, da es auf der CD ziemlich mißlungen ist, dagegen live richtig genial klingt."
J.: "Ich finde aber das Stück auf der CD aufnahmemäßig, also vom spielerischen her, OK, doch leider konnte ich das Gesamtkunstwerk nicht schaffen, da ich einen Mixer, einen Produzenten dazu geholt hatte. Es ist, als ob man ein Bild malt und vergißt die
Farben. Das Stück transportiert einfach nicht das, was da drin steckt."
Entry: Ihr seid also mit der 2. CD unzufrieden?
J.: "Mit Teilen davon, aber bei der 3. CD haben Oswald und ich wieder selbst gemischt und da sind wir wesentlich zufriedener."
E.. Aber mit der 2. CD habt ihr doch mehr Erfolg gehabt als mit der ersten.
J.: "Ja, das ist richtig, aber es waren diese Schwachstellen, die diverse Kritiker gefunden hatten und zurecht kritisiert hatten. Selbstverständlich waren da auch wenig berechtigte Stimmen, die behaupteten, daß wir uns nur noch durch die Sounds vom deutschen Schlager unterscheiden, aber das ist vollkommener Quatsch!"
O.: "Ich glaube, daß die nächste Platte noch spannender sein wird. Es geht in eine andere Richtung..."
J.: "...der Bogen wird auf alle Fälle größer..."
O.: "...und es wird halt mehr eine Einheit werden."
E.. Wie habt ihr euch denn alle zusammengefunden? Die Band besteht ja aus Leuten von vielen verschiedenen Musikstilen!
J.: "Das waren die Rahmenbedingungen, die ich auch immer so haben wollte. Wenn ich mal von der 1. CD ausgehe, dann war da Jan Kunolt, welcher mein Schwager ist und Kirchenmusik gemacht hatte, den fragte ich einfach, da mir die klassischen und barocken Sachen unheimlich viel geben. Edward Ka-Spel war auch mal dabei, jedoch ist es für uns unvorstellbar, daß wir mit ihm einmal ein Konzert bestreiten."
O.. "Im Endeffekt ist das Interessante an Artwork, daß es total unterschiedliche Menschen sind. Es prallen 7 total unterschiedliche Leute, mit ganz unterschiedlichen Musikvorlieben zusammen und was entsteht, ist z.B. unser neuestes Lied "Fehlgeburt."
Mathias: "Wir haben ja alle unsere eigenen Bands, jedoch stehen wir dem Ganzen völlig offen gegenüber und es macht Spaß. Es kann zwar Scheiße dabei herauskommen, aber es kann auch etwas Gutes dabei entstehen. Das macht halt diesen Kick aus."
Entry: Ihr seid ja jetzt irgendwie in diese Düsterschiene raufgerutscht!
Artwork: "Gerutscht! Genau das ist es!"
E.. Ja, musikmäßig habt ihr ja nicht unbedingt etwas mit der Szene zu tun.
Mathias: "Ich glaube, daß das viel mit Oswald zu tun hat."
O.: "Das Problem bei Artwork ist, das mein Ruf teilweise Artwork fördert, aber zum Teil auch schädigt."
J.: "Also vorhin fragte mich jemand, wie ich zu dieser Sache stehe und dann erzählte er irgendwie, daß die Leute hier Contra-Oswald Henke eingestellt sind, weil der sich immer so ernst nimmt! Da sagte ich ihm nur, daß er sich die Show heute ansehen solle und er selbst entscheiden solle."
O.: "Das ist halt der Unterschied, die Leute können nicht unterscheiden. Ich meine, Goethes Erben ist einfach Theater. Und ich glaube kaum, daß ein Schauspieler, der z.B. Goethes "Faust" spielt, ein Witz reißt. Was stellen sich die Leute vor? Die sind einfach zum Teil total beschränkt! Tut mir wirklich leid, das muß ich so sagen, aber Goethes Erben ist Theater und Artwork ist Rock oder Pop-Musik. Und das sind einfach himmelweite Unterschiede. Und wenn irgendwelchen Leuten mein Name oder meine Art mit Musik umzugehen nicht paßt, dann müssen sie halt weg bleiben, aber sollen bitte keinen Schwachsinn verzapfen. Sie sollen sich zum Mond schießen lassen oder vom Borg eliminieren lassen!"
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Entry: "Auf der Bühne und auch im Studio steht ihr ja mit 2 Sängern auf der Bühne. Der eine recht steif und eher schüchtern und der andere springt dort herum! Ist dieser krasse Gegensatz denn beabsichtigt? O.: "Artwork lebt von diesen Gegensätzen. Auf der einen Seite repräsentiert Ralf den Konservativen und auf der anderen Seite bin ich mit diesem schizophrenen Ausdruck, und die Stellen, wo diese Pole aufeinander treffen, sind dann die interessantesten Momente bei Artwork. Das ist auch das, worauf wir irgendwann hinauswollen, daß wir noch mehr mit diesen Stimmen arbeiten und diese beiden Komponenten miteinander vereinigen. Mittlerweile haben wir das auch geschafft, daß gerade dieses uns auszeichnet - das ist dann definitiv Artwork, wenn man es hört." Entry: Jochen, fühlst du dich nicht irgendwie hinter den beiden Sängern zurückgestellt? Im allgemeinen ist der Kopf einer Band auch der Sänger! |
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J.: "Es ist immer so, daß in erster Linie die Sänger wahrgenommen werden. Aber ich habe damit keine Probleme, denn unter dem Publikum sind immer ein paar, die sich als Fixpunkt nicht den Sänger sondern den Gitarristen oder Keyboarder aussuchen. In meinem Kopf weiß ich ja, daß alles von mir kommt."
O.: "Jochen ist aber auch kein auffallender Gitarrist, da er von der optischen Präsenz eher zurückhaltend ist. Ähnlich wie alle anderen Mitglieder auch. Die stehen eben auch als Gruppe, sie sind der Fels, der alles festhält. Es gibt halt diese feste Aufgabenverteilung, die da wären: Rhythmusfraktion die alles zusammenhält, die Harmonieträger also Keyboard, Cello und Gitarren und dann halt die beiden, die das Ganze noch rüberbringen, denn die Musik alleine wirkt zwar, jedoch ist die Optik sehr wichtig."
J.: "Aber ich weiß ja, von wem der Kram auf den CD’s ist und von da her habe ich kein Problem damit."
Entry: Spielt ihr denn mittlerweile lieber live als im Studio zu arbeiten?
O.: "Also ich arbeite mittlerweile mehr live, weil live lebendiger ist!"
J.: "Wir kommen aus der Live-Ecke, und ich finde live auf seine Art und Weise interessant, aber es ist durchaus eine Herausforderung, die ganze Geschichte im Studio zu machen. Ich kann jetzt nicht sagen, was ich lieber mache, aber live ist es, durch die Art und Weise wie ein Moment vergeht, einfach viel Spannender. Du hast jetzt irgend etwas gespielt, wo ein kleiner Fehler ist, dann ist da eben ein Fehler gewesen und im Studio spulst du einfach zurück und machst ihn weg."
O.: "Während beim Live-Spielen der Moment zählt. Da kann jeder gut spielen, einer macht einen Fehler und dann ist es Schrott, aber wenn alle gut spielen, ist es genial."
Und damit Ihr ARTWORK auch mal live erleben könnt - und das nur für schlappe 7,- DM, kommt alle zahlreich auf unsere Entry-Party am 01.06.1996 im Spunk in Herford...(siehe Anzeige).
An diesem Abend werdet Ihr auch einen anderen Special Guest in Form eines bekannten Österreichers erleben können.
Thanx to Artwork und specially to Jochen und Oswald für alles.
R.R. & M.B.
Nach dem letzten, klassischen Album, liegt nun mit ‘Digital Kharma’ auch endlich wieder ein ‘reguläres’ Album von ARTWORK vor. Erneut gelang es Mastermind Jochen Schoberth, eine illustre Schar von Gastmusikern um sich zu scharen, um einmal mehr eine sehr abwechslungsreiche Veröffentlichung zu präsentieren. Neben Oswald Henke und Jan Kunold konnte auch wieder Robert Wilcocks für einen Remix gewonnen werden. Und für die Produktion einiger der Stücke konnte niemand geringeres, als Dirk Schlömer (TON STEINE SCHERBEN, AMYGDALA, DAS ZEICHEN, STELLA MARIS) gewonnen werden. Doch mehr von Jochen selbst.
Entry: Nach der klassischen ‘Bella Donna’ gibt es mit ‘Digital Kharma’ wieder ein ‘reguläres’ ARTWORK-Album. Was auffällt, ist, daß auch hier der Schwerpunkt wieder im klassischen Bereich liegt. Wie ist das zu erklären, hast Du Gefallen an klassischer Musik gefunden und wird dieser Teil in Zukunft weiter ausgebaut?
Jochen: Klassische Musik hat mich schon immer begeistert, schon auf den ersten ARTWORK-Alben sind ja klassische Einflüsse zu hören und wie sich Ideen für ein zukünftiges Album entwickeln, kann man nur sehr schwer beeinflussen.
Entry: ‘Bella Donna’ hast Du auf Deinem eigenen Label Etage Music veröffentlicht. Wird ‘Digital Kharma’ wieder bei Etage erscheinen, oder kehrst Du damit zu Strange Ways zurück?
Jochen: ‘Digital Kharma’ wird auch auf Etage Music erscheinen.
Entry: Warum hast Du den doch recht schwierigen Weg über Dein eigenes, relativ kleines Label gewählt? Immerhin hat man als Klein- bzw. Kleinstlabel immer mit den Kosten zu kämpfen und hat kaum die Möglichkeit seine Veröffentlichungen vernünftig zu promoten.
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Jochen: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, ich glaube der Hauptgrund war, daß oft einem Tonstudio ein Label angegliedert wird, viele junge Bands suchen nicht nur nach Aufnahmemöglichkeiten, sondern nach einer kompletten Betreuung. Dazu kam, daß zum Erscheinungstermin von ‘Bella Donna’ bei Strange Ways turbulente Zeiten herrschten. Auch über den Einsatz von CD-ROM Tracks gab es unterschiedliche Meinungen. Viele Arbeiten machte ich in dieser Zeit sowieso selbst, so war ich in gewisser Weise schon ‘kampferprobt’. Es fällt auch leicht, für Dinge zu kämpfen, an die man glaubt. |
Entry: Der Titel der neuen CD ‘Digital Kharma’ ist in sich irgendwo ein Widerspruch. Welche Art von Kharma haben elektronische Geräte? Welche Aussage möchtest Du mit der Wahl dieses Titels treffen?
Jochen: Der Titel bezieht sich nur sehr bedingt auf Geräte. Natürlich herrschen in einigen Bereichen nahezu Glaubenskriege in Bezug auf digitale und analoge Geräte. Transistor oder Röhre, Schallplatte oder CD usw. Über all das lächle ich nur, denn diese Diskussionen sind absoluter Quatsch. In meinem Studio habe ich eine gewisse Liebe zu meinem Instrumentarium entwickelt, egal ob analog, digital, Röhre, Transistor, neu oder alt ... Hauptsache gut. Jedes Teil besitzt Atmosphäre, was Anderes kommt mir auch nicht ins Haus. Es gab zu allen Zeiten Außerordentliches und Schrott, auch wenn jede Neuentwicklung als Verbesserung gedacht ist, besitzt nicht jede Entwicklung Kharma. Einer meiner Techniker sagte einmal nach der Reparatur einer AKAI-LINN Drum Machine voller Ehrfurcht ‘George Linn hat Gott gesehen’.
Der Titel nun spielt mit dem Gefühl, daß Wort wie Zahl (digit), Kharma, Glaube, Vernunft, Geist, Seele, Verstand hervorrufen. Man neigt immer zu Gewichtungen, was aber falsch ist. In der Medizin kann man digital Körper und Geist erfassen, die Seele bleibt aber verborgen, soll heißen man kann z.B. eine psychische Abnormalität zwar messen, aber über die Ursachen existieren meist nur Vermutungen. Kunst kann man z.B. auch nach gewissen Kriterien beurteilen oder in Handwerklichkeit und Technik messen, die Empfindung, die sie aber auslöst, bleibt unerklärt. Es gibt noch unzählige Beispiele.
Entry: Mit ‘To You’ vom aktuellen Piecés d’Etage-Sampler beginnt die CD sehr stimmungsvoll. Was gibt es über das Stück zu berichten?
Jochen: Mit dem Stück verhält es sich ähnlich, wie mit ‘Bring The Rain’ vom ersten Album. Da war dieses Gewitter, ich hatte diese Musik und Harry Coltello faßte alles in Worte.
Entry: Das folgende ‘Dekadenz’ geht in eine ganz andere Richtung und ist nach meiner Meinung schon etwas auf Oswald Henkes Sprechgesang abgestimmt. In Verbindung mit der klassischen Stimme von Jan Kunold könnte dieses Stück der nächste Hit von ARTWORK werden. Wie groß war der Einfluß der beiden Sänger auf das Stück?
Jochen: Bei diesem Song hatte ich sehr klare Vorstellungen bis hin zu visuellen Ideen. Jan hat dem Vers genau das gegeben, was ich wollte, beim Refrain jedoch war ich nicht zufrieden. Versuch um Versuch erbrachte nicht das erwünschte Ergebnis, es fehlte irgend etwas und die Atmosphäre wurde immer gespannter. Ich habe dann Oswald angerufen, der kam auch gleich vorbei und es hat sofort funktioniert.
Entry: ‘Caroussel’ ist ein Remix von ‘Le Carrousel’ auf der ‘Bella Donna’. Was hat Dich dazu veranlaßt, das Stück in neuem Gewand zu präsentieren? Trotz des zusätzlichen weiblichen Gesangs kommt es mir etwas ‘klinischer’ und kälter vor.
Jochen: Falsch, ‘Le Carrousel’ auf der ‘Bella Donna’ war das Remake. Die Studioversion war ja schon als Video auf ‘Bella Donna’, es ist das älteste Stück auf ‘Digital Kharma’. Ich habe es komplett mit dem MAC aufgenommen und die weibliche Stimme digital erzeugt, was dem Stück sicher etwas Kälte gibt, was ich aber spannend finde. Auf der Orgel in der Kirche haben wir immer befürchtet, der synthetische Mittelteil ist nicht reproduzierbar, aber durch Abschalten des Gebläses hat es doch eine vergleichbare Wendung bekommen (‘Bella Donna’ wurde in einer Kirche eingespielt).
Entry: ‘Merlin’ ist dagegen eher untypisch für ARTWORK. Der Anfang könnte so auch von DEAD CAN DANCE kommen und beim Einsatz des männlichen Gesangs wird es recht mystisch. Im Gegensatz dazu stehen die elektronischen Soundeffekte.
Jochen: ‘Merlin’, nun dieses Stück funktioniert auf dem ROM-Teil auch instrumental, aber das Zusammenspiel von Gudruns und meiner Stimme gibt dem Ganzen noch zusätzliche Magie.
Entry: Das Stück ‘Digital Kharma’ ist, wie auch der Albumtitel, sehr verwirrend. Es beginnt klassisch, bevor es dann mehr und mehr elektronisch wird. Man hätte es auch bei dem mittelalterlichen Instrumentarium lassen können und hätte einen wunderschönen Song gehabt. Doch auch die Elektronik fügt sich wunderbar ein und eröffnet dem Stück eine weitere Dimension. Was hat Dich dazu bewogen, ‘Digital Kharma’ so zu arrangieren?
Jochen: Ich versuche immer wieder deutlich zu machen, daß Musik nicht irgendwo stehen geblieben ist. Stilistische Puritaner sollten sich auch einmal mit dem Gedanken anfreunden, daß man auch mit anderen Instrumenten gearbeitet hätte, wenn man sie gehabt hätte und andere Stile waren einfach unbekannt. So wollte ich auch ein Stück, das an sich schon funktioniert um all das erweitern.
Entry: Ganz und gar nicht passen ‘Wiegenlied der Sicherheit’ und ‘Heroes Of The Night’ zur restlichen CD. ‘Wiegenlied der Sicherheit’ ist, wohl aufgrund der Beteiligung von Oswald Henke, wieder in Deutsch und sehr kraß. Die Stimme ist verfremdet und viel Elektronik ist im Spiel. So könnte der Song auch von den GOETHES ERBEN stammen. Ich denke mal nicht, daß Du damit deren Fans ‘bedienen’ möchtest? Was steht hinter dem Stück, welche Bedeutung hat es für Dich und was hat Dich dazu bewogen, es mit auf die CD zu nehmen?
Jochen: ‘Wiegenlied der Sicherheit’ ist das zweitälteste Stück und ich hatte es lange nicht gehört, da mir die Festplatte kaputtgegangen ist, auf dem es sich im halbfertigen Zustand befand. Ich hatte lediglich diese Abmischung übrig und als ich es dann nach einiger Zeit wieder hervorholte, um es Robert Wilcocks vorzuspielen, war ich doch positiv überrascht. Robert hat es auch sofort gefallen.
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Entry: ‘Heroes Of The Night’ beginnt mit einer recht ‘progressiven’ E-Gitarre, während später dann doch typische ARTWORK-Elemente mehr und mehr zu Tage treten. Hier findet man dann auch, ganz ungewohnt für ARTWORK, einen dezenten Dancefloor-Beat, der das poppige Stück gelungen untermalt. Kann man das Stück als einen kleinen Ausblick in die Zukunft sehen? Jochen: Für mich steht ‘Heroes Of The Night’ in der Tradition von ‘No More Load’ auf der ‘Madremonio’ oder ‘In To Deep’ von der ‘Ergo Vivamus’. Aber wie es der Hörer empfindet, kann man ja nicht beeinflussen. |
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Entry: Wer sind für Dich die ‘Helden der Nacht’?
Jochen: Der Text stammt von Harry Coltello, er meint all die Helden der Bars, Dancefloors, Partys, die den Sinn des Lebens in Coolness und Rausch sehen.
Entry: Du hast, einmal mehr, eine bunt gemischte Schar von Musikern um Dich versammelt. Wie bringt man so unterschiedliche Künstler, wie Oswald Henke, Robert Wilcocks oder Jan Kunold unter einen Hut?
Jochen: Man muß ihnen Raum geben für ihre Persönlichkeit und die Ideen müssen sie überzeugen.
Entry: Wie groß sind die Einflüsse der jeweiligen Musiker auf die Stücke? Oder handelt es sich lediglich um ‘Erfüllungsgehilfen’?
Jochen: In diesem Fall kann man natürlich nicht von Erfüllungsgehilfen sprechen, obwohl der Einfluß je nach Stück und Musiker unterschiedlich ist.
Entry: Für zwei der Stücke konntest Du Dirk Schlömer als Produzenten gewinnen. Wie kam der Kontakt zustande und wie groß war sein Einfluß auf die Stücke? Kann man sagen, daß sie von ihm geprägt wurden?
Jochen: Einer unserer Veranstalter hat mir ein Tape von Dirk geschickt, es hat mir sofort gefallen. Ich habe dann auch gleich zwei Stücke für den Janus-Sampler ausgewählt und Dirk gefragt, ob er bei ARTWORK auch einmal live Gitarre spielen würde. Die darauf gesammelten Live-Erfahrungen veranlaßten uns, noch einen Schritt weiter zu gehen. Dirk hatte schon großen Einfluß auf die Produktion. Viele kleine Details hat erst er herausgearbeitet. Auch musikalisch hat er sich betätigt, z.B. durch zusätzlichen Gesang und Gitarre bei ‘Digital Kharma’.
Entry: Es befindet sich einmal mehr ein CD-ROM Track auf einer Deiner Veröffentlichungen. Dir liegt anscheinend sehr viel an diesem Medium?
Jochen: Ich finde dieses Medium so interessant, daß wir darüber ein eigenes Interview führen könnten.
Entry: Ist es nicht irrsinnig aufwendig, ein Musikvideo, wie hier geschehen, komplett am PC zu erstellen? Rechtfertigt es diesen Aufwand?
Jochen: Klar ist der Aufwand riesig, aber beim Komponieren frage ich auch nicht nach einer Rechtfertigung. Mich interessieren die Möglichkeiten, solange es nicht zum Zwang wird, sondern einen Gegenpool zur Musik bildet, ist es okay.
Entry: Zuletzt waren ARTWORK mit dem Klassikprogramm sehr erfolgreich auf Tour. Wie wird eine Tour für die neue CD aussehen?
Jochen: Live werden wir 1999 mehr in Kirchen und Theatern auftreten, da die Atmosphäre bei solchen Konzerten sehr schön ist. Außerdem scheint mir hier im Moment ein größeres Interesse beim Publikum zu sein. Wir planen aber auch noch einige Clubkonzerte.
Entry: Wie bekommt man die vielen verschiedenen Musiker überhaupt unter einen Hut und das eventuell noch über eine längere Zeit für mehrere Konzerte? Gerade Oswald Henke hat ja in verschiedenen Interviews des öfteren verkündet, aufgrund seiner anderen Aktivitäten, bei ARTWORK in Zukunft etwas kürzer zu treten.
Jochen: Jeder der Musiker hat noch seine eigenen Projekte, so ist es manchmal sehr schwer, ein Live-Lineup zusammenzubekommen, was das Ganze aber auch für das Publikum spannend macht, da wir auch immer interessante Musiker dabei haben.
Entry: Wenn man etwas weiter in die Zukunft blickt, wie sehen Deine Pläne für ARTWORK aus?
Jochen: Es wird ein Livealbum von der letzten Clubtour geben, weitere Pläne hier zu erwähnen, wäre falsch, da sich doch wieder einiges zu schnell ändert. Natürlich wird es ein neues Studioalbum geben und für die Zusammenarbeit gibt es auch viele Wunschkandidaten. Mal sehen, die Zeit wird es zeigen.
Thorsten Kübler