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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Ataraxia

 

Die aus Modena in Italien stammende Ausnahmeformation Ataraxia, bestehend aus Francesca Nicoli ( Gesang/ Flöten/ Drumcomputer), Vittorio Vandelli (Gitarren/ Drumcomputer/Sequenzing) und Giovanni Pagliari (Tasteninstrumente) wurde 1985 gegründet. Seit ihrer ersten Veröffentlichung in der Szene als Geheimtip gehandelt, stehen sie jetzt mit ihrem neuen Album "Ad Perpetuam Rei Memoriam" kurz vor dem Durchbruch. Ihre äußerst vielseitige Musik (die Wurzeln liegen im Gothic-, Renaissance- und Mittelalterbereich) entführt die Hörer in verschiedenste Epochen der Musikgeschichte. Und von daher wird es höchste Zeit, Euch diese Gruppe etwas näher zu bringen.

 

Ataraxia

Entry: Wie kamt Ihr dazu, zusammen Musik zu machen?

Ataraxia: Nicht wir entschieden uns Musik zu machen, sondern die Musik brachte uns zusammen, um uns zum Überbringer ihrer Stimme zu machen. Im alten Glauben sprechen die Künstler über die Kanäle, durch die der Glauben, die Götter und der Zeitgeist ihre Mitteilungen machten. Wir sind bewußte Instrumente von Zeit und Geschichte, wir arrangieren unsere Musik, wir machen unsere Songs, wir malen mit Noten, aber die große Kraft, Intuition und Inspiration sind Übernatürliche Geschenke.

Entry: Welche musikalische Vorbildung habt Ihr?

Ataraxia: Die Mehrheit von uns hat sich die Musik selbst beigebracht. Ich meine, Vittorio hat eine besondere Begabung: die des Erzählens von Gedichten auf der klassischen Gitarre, ohne es je gelernt zu haben. Er ist verantwortlich für sein Können und seine Leidenschaft. Francesca studierte Geige und Solfeggio zwei Jahre lang an einer berühmten Musikschule, aber sie war sehr jung und machte schlimme Erfahrungen. Sie glaubt an eine Art Disziplin, um sich selbst auf die beste Art auszudrücken, aber die Schule meinte Unterdrückung und Verneinung von Instinkt und Kreativität. Nun singt sie alleine. Ihre Lehrer sind Schallplatten, auf denen die Künstler der Vergangenheit ihre Stimme ließen. Giovanni lernte sehr lange Piano, er spielte und spielt manchmal in Kirchen. Er hat einen tiefen Einblick in die musikalischen Strukturen und hat auch eigene Ideen.

Entry : Wann begannt Ihr als Band?

Ataraxia: Vor 11 Jahren, als wir sehr jung und niedergeschlagen waren, mußten wir die Jahre der Wut, Verzweiflung und das Gefühl der Unfäh8igkeit wegwerfen. Selbst ganz am Anfang entschieden wir uns für die Erschaffung eigener Sounds und Performance, nicht für die Stereotypen und Modelle des klassischen Dark oder Post Punk, um eine verträumtere, persönlichere und selbstkritischere Perspektive von Musik zu haben. Wir glaubten und glauben immer noch, daß das Erbe der Vergangenheit der Anfang und die Veränderung ins Avantgarde zwischenzeitlich das Ziel formte.

Entry: Euer neues Album "Concerto No. 6 A Baroque Plaisanterie" führt uns diesmal in das Zeitalter des Barocks. Wie kam es dazu und was bedeutet Euch diese Zeit?

Ataraxia: Es war eine der wichtigsten Zeiten für das Entstehen von musikalischen Strukturen vom Anfang bis jetzt. Und Italien brachte der Welt diese großartige Musik. Jeder weiß, wie arm Italien heute an musikalischen Neuheiten ist, aber früher hatten sie die Genies, die der Welt die Musik brachten: Vivaldi, Corelli, Marcello, Albioni, Paganini und viele Andere. Das Barock zog eine Spur durch die einfache Musik (Mittelalter) und Komposition, und gab (vor allem Saiten-) Instrumenten (wie die Violine oder die Viola da Gamba) eine Stimme. Die Musik wurde komplexer und die Stimmen wurden zu Geistern. Musikalisch gesehen war es nicht das Größte, aber eine große Zeit der Erforschung, wo die Musiker richtig mit einbezogen wurden. Die Erforschung war das Ziel, und unsere CD basiert auf dieser Erforschung. Die Antwort ist wunderbar erklärt in dem Film "Tous les Matins du Monde". Die Musik ist das Mittel, um Tote und Lebende miteinander kommunizieren zu lassen. Der Wind bringt uns die Musik der Toten, wie das Licht ihre wage Erscheinung.

Entry: Sag doch bitte etwas zum Inhalt Eurer Texte.

Ataraxia: Unsere Texte sind Klänge, die zusammen arbeiten müssen, um dem Sound Kraft zu geben. Wir glauben, daß die Musik Dinge ausdrückt, die nicht durch Sprache ausgedrückt werden können. Unsere Texte sind Spiele von Farben, Gerüchen, Noten, sensitive Bilder, Wasserbilder und marmorne Bilder. Die meisten davon sind verwurzelt in der griechischen Mythologie und haben eine weitere Bedeutung. Die Worte fließen durch einen magischen Garten von Psyche und Verlangen, die alten und neuen Sprachen kreieren suggestive Effekte in einer Art des konstruktiven Babylonischen Chaos. Manch mal halten wir uns nicht an die Grammatik, sondern bauen und zerstückeln Sätze, wir spielen mit Ihnen, um die wichtigsten Worte Zeile um Zeile hervor zu heben.

Entry: Die CD wird unterteilt in zwei Themenbereiche ohne einen Doppeltitel. Was wollt Ihr damit sagen?

Ataraxia: Ganz einfach: Im Barock war das Konzert das Fundament der Musik. Wir wollten diese Perspektive in unsere CD aufnehmen, also nahmen wir zwei mal auf: einmal im Studio (Part 1) und einmal live, um so ehrlich und originell zu sein, um so die Songs unter dem gleichen Titel einzigartig zu machen.

Entry: Wie kamt Ihr auf die Idee, den 2. Part der CD in einem Haus des 17. Jahrhunderts in authentischer Umgebung mit zu schneiden? Und was hat es Euch gebracht bzw. wie beurteilt Ihr das Ergebnis?

Ataraxia: Die Platte gehört zum heutigen Zeitalter, hat aber Suggestion und Inspiration aus dem Barock, uns was könnte also eine bessere Umgebung sein als ein Haus aus dieser Zeit, welches immer noch den Charakter und Geruch dieser Jahre, in denen es gebaut wurde, festgehalten hat. Gibt es eine bessere Inspiration um Live zu spielen ?

Entry: Wie kamt Ihr auf die sehr außergewöhnliche Idee einer Adaption des Beatle Stückes?

Ataraxia: Francesca liebt diese Französische Opernsängerin mit dem Namen Cathy Berberian (welche vor 10 Jahren starb). Sie schrieb bekannte Songs in einem altertümlichen Stiel, wobei Rhythmus, Geschwindigkeit und Gesangsart so verändert wurde, daß das ganze eine ironische Note bekam. Wir haben also ein Cover gecovert, zu Ehren von Cathy Berberian und nicht der Beatles!

Entry: Eure bisherigen Songs basieren auf althergebrachten Kompositionsweisen. Dies soll sich nun ändern. Wie wird Euer neues Konzept aussehen?

Ataraxia: Man kann immer etwas neues erwarten, als das bisher veröffentlichte mehr emotionale und klassische, aber unser Werdegang und die musikalische Wahl sind noch nicht geschrieben. Wir haben viele Ideen, die sich immer um die Vergangenheit drehen, aber auch um wirklich entfernte Zeiten (vor vielen tausend Jahren war die Vergangenheit mit der Zukunft vermischt, wo Glauben und Hoffnung vermischt waren mit Technologie, Selbstzerstörerische Gesellschaften, wo fremde Kreaturen, welche nur noch in Sagen und Mythen existieren, Verbindung zu dem menschlichen Wesen hatten.) Der Prozeß des Erschaffens, des Verbildlichen und Porträtieren der Musik endet nie, ihn zu stoppen heißt Musik zu stoppen.

Entry: Eure Musik hat sich im Laufe der Zeit ziemlich gewandelt. Woran liegt das?

Ataraxia: Wenn man zur Schule geht, lernt man die ersten wichtigen Sachen, dann geht man zur High Shool und die Instruktionen gehen weiter, und unsere Ansichten werden persönlicher. Auf der Universität sollen wir einen großen Überblick über die Kultur haben, daß heißt, wir sollen uns selbst mit einer schwierigen und komplexen Sprache des Wissens ausdrücken. Genau so ist es auch bei der Musik. Wenn ein Musiker sich nicht vervollkommnen kann, nichts neues lernt, seine Fähigkeiten nicht erweitern kann, dann ist er kein Musiker.

Entry: Wer sind Eure musikalischen Vorbilder?

Ataraxia: Eigentlich haben wir keine. Wir hören viel, schauen uns viele Filme an und lesen besonders viel, und all dies zusammen sind unsere Einflüsse und unsere Inspiration. Wir haben keinen speziellen beschränkten Einfluß, sondern wir sind eine Art Kamera mit Linsen in verschiedenen Farben, Filtern, Focus und so weiter, welche die Dinge, die uns in einem speziellen Moment beschäftigen, in unsere eigene Sprache übersetzen. Während der Komposition von "Concerto N.6" hörten wir uns viel Musik an und sahen viele Filme (Fellinies Casanova, La Maschera, Les liasons dangereuses, History of Anne Magdalena Bach, Farinelli usw.), und lasen viel über diesen Zeitabschnitt, um so die Atmosphäre dieser Veröffentlichung zu erschaffen.

Entry: Wann können wir Euch live sehen?

Ataraxia: Im Moment haben wir noch keine Auftritte in Deutschland. Wir wären aber sehr erfreut, wieder in Euer Land zu kommen, um ein persönliches Konzert zu machen (wir spielten bisher nur auf Festivals), um eine unmittelbarere und reinere Art Ataraxia zu liefern, mit all den "choreographischen" und theatralischen Aspekten, wie in Italien. Unser Schauspieler Lorenzo hat eine faszinierende neue Reihe Kostüme und Masken entworfen, mit den neuen Songs zusammen passend für die Show. Wir werden sehen. In der nächsten Zeit haben wir viele Termine in Italien an Orten, mit denen wir nie gerechnet hätten, und wir arrangieren etwas in Südfranfreich.

Entry: Was habt Ihr für die Zukunft geplant? Was sind Eure Wünsche für die Zukunft?

Ataraxia:Wir planen nun die Erschaffung und das Arrangement für ein neues Konzept basierend auf der Legende eines lange versunkenen Kontinents: Atlantis. So werden Mediterane Atmosphären mit den nuklearen Explosionen verbunden, die die zwei ewig verfeindeten Kontinente Atlantis (im Westen) und MU (im Osten) zerstörten. So entsteht eine außergewöhnliche Mischung aus Klassik und Exentrik, experimenteller Forschung und ekstatischen Klängen, dem Land des Goldes und des Ruins. Wir waren schon häufig in Griechenland und letzten Sommer besuchten wir die Türkei. Wir haben genug gesehen und gefühlt, um zu schreiben und zu komponieren.

Entry: Wollt Ihr unseren Lesern noch etwas mitteilen?

Ataraxia: Vielen Dank, daß ihr so viel Zeit damit verbrachtet, Ataraxias Stimme zu lesen und vielleicht zu lauschen, einer Stimme unter Tausenden ...!

Da bleibt uns eigentlich nur noch zu hoffen, daß sich endlich Veranstalter finden, damit wir in den Genuß ihrer exzellenten Show gelangen.

Übrigens wurde dieses Interview schriftlich auf Englisch geführt. Da eine eins-zu-eins Übersetzung nicht möglich war ohne den Sinn vieler Passagen zu verzerren, haben wir den Text ins Deutsche übertragen.

Gruß an Mark, der uns dieses Interview ermöglicht hat.

M.V. + J.K.

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