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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Chandeen 

Chandeen 27.10.2002

Chandeen - Zwei Stimmen heben ab in Harmonie-Hemisphären

 

Zwei Stimmen heben ab in Harmonie-Hemisphären

 

Zwischen futuristischen Wolkenkratzern und geschäftigem Finanzwesen, in einer Stadt in der alle Insignien der postmodernen Industriegesellschaft aufeinander treffen, hier, in Frankfurt nämlich, lebt eine Band, deren Musik alles andere als hektisch und laut ist. Die Rede ist von CHANDEEN, die sich mit sphärisch-melancholischen Klangkonstrukten und das, was man in neuer Zeit gerne mit "Heavenly Voices" tituliert, eine Namen gemacht haben. Auch wenn ihr neues Werk "Spacerider - Love at First Sight" eine Ansammlung kontemplativer Pop-Perlen darstellt, so kokettiert die Band doch mit modernen Sounds, und hier darf dann vielleicht auch das urbane Leben als Inspirationsquelle herangezogen werden. In ihrem aktuellen Oeuvre scheppert und blubbert es, treffen akustische Instrumente auf analoges Soundgetüftel.

Über drei Jahre ist es nun schon her, daß sich CHANDEEN neu formierten. Catrin und Oliver verließen nach dem "Jutland"-Album die Band; mit Stephanie war Anfang 1995 eine neue Sängerin gefunden, die sich mit Antje Schulz die Gesangparts teilt. Denn das machte von Anfang an den Reiz dieser Formation aus: Gleich zwei Sängerinnen verleihen CHANDEEN ihre Stimme. Immer noch als Produzent und für die Instrumentierung zuständig ist Harald Löwy, der im Entry-Interview über das neue, nach eigenem Bekunden, bisher persönlichste CHANDEEN-Album spricht.

Entry: "Spacerider - Love at first sight" lautet der Titel eures aktuellen Albums. Ganz so spacig, wie auf den Vorgänger-Alben ist der Sound allerdings nicht mehr; die Gitarren haben an Dominanz gewonnen. Wie würdest du den CHANDEEN-Sound 1998 charakterisieren?

Harald Löwy: Wir bewegen uns auf Spacerider zwischen den Extremen; es hätte für uns keinen Sinn gemacht, ausschließlich archaische Synthiesounds zu verwenden. CHANDEEN sind einfach keine Electroband. Die Frage stellt sich doch: Warum sollen wir ein Album machen, daß irgendwie Erwartungen erfüllt? Das wird uns sicherlich nicht passieren. Wir fühlen uns keinesfalls gebunden an irgendwelche dubiosen Stilvorgaben. Es ist nicht besonders reizvoll, permanent das selbe zu machen - ist doch tödlich langweilig. Kurz nach unserem letzten Album "The Waking Dream" wollten wir spontan ein völlig elektronisches Album machen. Zwei Wochen später dann ein sehr Gitarren-lastiges. Und nun haben wir den Mittelweg eingeschlagen.

Man kann sagen, daß wir unseren Sound verändert haben. Das heißt aber nicht, daß wir im Vergleich zu unseren Vorgängeralben diesen Schritt per Knopfdruck eingeleitet haben. Wir leben in unserer eigenen Welt, und dort ist auch der Sound entstanden. Wer hierzu keinen Zugang findet, wird uns nie verstehen; never!!!

"Spacerider" ist unsere emotionalste Arbeit. Insofern bin ich mit dem Album sehr zufrieden. Wir spielen nun mal Alternativ-Pop. Unsere Philosophie hat sich im Grunde überhaupt nicht gewandelt. Ich würde sagen, wir haben uns selbst verändert, unsere musikalische Innenwelt noch besser kennengelernt.

Entry: Ein modernes Album ist "Spacerider" allemal. Ihr wendet viel digitale Technik an. Da erscheint das analoge Schallplatten-Geknister wie zum Beispiel bei "Where i want to go" etwas anachronistisch. Was hat es damit auf sich?

H. Löwy: Wir arbeiten seit langem mit Axel Henninger zusammen. Er ist bei "Spacerider" schon sehr früh hinzugekommen und hat interessante Vorschläge zur Produktion gemacht, sich über die musikalischen Inhalte informiert. Ich habe dann mit ihm zwei Monate an der Produktion getüftelt und in meinem eigenen Studio sehr viel experimentiert. Insofern steht er uns sehr nahe und weiß am besten, was wir wollen.

Axel hat den Sound des Albums sicherlich mitgeprägt, und das ist absolut okay, denn ich habe ja letztlich alles unter Kontrolle. Auf Vinyl werden wir wohl nicht veröffentlichen.

Ich glaube nicht, daß wir Clubmusik machen. Nur dafür werden noch Vinylscheiben angefertigt, soviel ich weiß.

Entry: Assoziationen mit Bands wie PORTISHEAD kommen nicht nur beim Plattengeknister auf. Inwieweit hat euch der Bristol-Sound beeinflußt? Was haltet ihr von Bands wie PORTISHEAD, TRICKY oder MASSIVE ATTACK?

H. Löwy: Diese Bands scheinen zur Zeit ja irgendwie hip zu sein. Darum ist es für viele naheliegend, jeder Band, die sich im Mid-Tempo-Bereich bewegt, einen Einfluß nachzusagen. Aber Quatsch - Ich kenne zwar diese Bands, und es ist schon cool, was da an Innovationen kommt, kann aber mit Gewißheit feststellen, daß "Spacerider" nicht vom derzeitigen Mid-Tempo-Trip-Hop-Sound beeinflußt ist. Vielleicht gibt es hier und da einzelne Berührungspunkte, aber das ist rein zufällig.

Die musikalischen Wurzeln liegen viel tiefer und viel weiter zurück. Mich haben schon immer die 70er Jahre mit Pink Floyd beeindruckt, und ich liebe amerikanischen Südstaaaten-Blues. Das leugne ich auch gar nicht. Einige sagen, wir würden mit "Spacerider" auf dieser Schiene fahren, und es ist okay, das zu behaupten. Wir sind zwar mit Gewißheit keine Retro-Band, hören aber schmunzelnd zu.

Entry: Mit Stephanie Härich und Antje Schulz hat CHANDEEN gleich zwei "Heavenly Voices" vorzuweisen. Wie verteilt ihr die Gesangparts bei einem Stück? Gibt es da nicht so etwas wie Konkurrenzdenken?

H. Löwich: Heavenly Voices? Stephanie und Antje? Eher Infernal Voices. Konkurrenzdenken gibt es bei uns eigentlich nicht, wir haben keine festen Arbeitsweisen. Manchmal improvisieren wir viel gemeinsam, dann ergibt sich schnell, was aus dem Song wird. An einer emotional entstandenen Komposition ändern wir meistens recht wenig, da sie unsere spontanen und ehrlichen Gedanken wiedergibt. Es ist auch möglich, daß ich zum Beispiel Antje Songs vorspiele die ich geschrieben habe und sie nach ihrer Meinung frage oder einzelne Harmonien bearbeite. Alles ist möglich.

Entry: Apropos "Heavenly Voices": Der Begriff ist inzwischen schon so etwas wie eine autarke Musiksparte geworden. Was denkst du allgemein über die Genre-Kollegen und die Vermarktungsweise? Es gibt ja inzwischen auch einige Trittbrettfahrer . . .

H. Löwy: Was soll ich über andere Bands sagen? STOA ist gut oder LOVE IS COLDER . . . ist Schrott? Nein: Ich denke, daß jeder seine Inhalte transportieren soll. Ich finde zwar in manchen keine, aber was soll’s?

Die Sparte "Heavenly Voices" ist eine Erfindung unserer alten Plattenfirma gewesen. (Anmerkung: CHANDEEN wechselten im vergangenem Jahr von Hyperium zu SPV)Es ging und geht dabei nur um Kohle, Musikgruppen müssen katalogisiert werden, damit’s auch der letzte Depp finden kann. Wir haben uns inhaltlich noch nie mit dem Begriff "Heavenly Voices" auseinandergesetzt, da der Name auch keinen Inhalt besitzt. "Spacerider" ist frei von solchen Bezeichnungen und Vorgaben entstanden.

Entry: Wer schreibt bei euch die Texte? Woher kommen die Inspirationen?

H. Löwy: Wir haben alle auf "Spacerider" Texte geschrieben. Es ist - wie gesagt - das persönlichste CHANDEEN-Album.

Wir erzählen unsere emotionalen Geschichten; der freie kreative Ausdruck war hier unser wichtigster Gradmesser. Es sind die puren Emotionen und Leidenschaften, das komplexe Innenleben eines jeden Einzelnen. Und wenn ich dies im Nachhinein so betrachte, bin ich schon sehr erstaunt, wie weit wir gegangen sind. Die musikalischen Inspirationen haben uns auf "Spacerider" im Grunde gereinigt. Wir fanden das sehr spannend, ja geradezu befreiend.

Entry: Die "Spacerider" reiten durch mehrere Songs. Was erleben sie? Kann man hier von einem Konzeptalbum sprechen?

H. Löwy: Schon, es ist ein Konzeptalbum. Der ursprüngliche Grundgedanke stammt von Stephanie. "Spacerider" drückt inhaltlich bzw. lyrisch unsere persönlichste Zerrissenheit aus. Dies ist im Grunde das Konzept, die Sehnsucht nach Harmonie, die am Ende hervorlugt.

Entry: Wird es in absehbarer Zeit eine Tournee geben? Wie werden die Songs live umgesetzt?

H. Löwy: In absehbarer Zeit, ja. Wir arbeiten an einem recht aufwendigen Live-Konzept, daß aber erst perfekt stehen muß. Dann werden wir sicherlich eine größere Tour machen.

Interview: Frank Jasper

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