Entry
Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Ernst Horn

 

Nachdem ich für die letzte Entry-Ausgabe bereits Alexander Veljanov und Christian Komorowski (DAS HOLZ) interviewen durfte, lag es natürlich nahe, mich auch Ernst Horn anläßlich der Veröffentlichung seiner zweiten Solo-CD ‘Johnny Bumm’s Wake’ zu widmen. Den Künstler hier noch weiter vorzustellen, wäre müßig, schließlich konnte er in den letzten Jahren so manchen Szene-Erfolg für sich verbuchen.

 

Entry: ‘The Skies Over Baghdad’ erschien vor nunmehr rund sieben Jahren, war damals schon geplant, eine weitere Soloveröffentlichung folgen zu lassen? Wie siehst Du das Werk nun mit einigem Abstand?

Ernst: ‘The Skies Over Baghdad’ war damals eine ganz spontane Aktion aus aktuellem Anlaß. Für Soloprojekte habe ich permanent irgendwelche Ideen, aber aus den meisten wird nichts; teils weil keine Zeit da ist, teils weil ich sie halt wieder verwerfe. Zu ‘Skies Over Baghdad’ stehe ich heute eigentlich genauso, wie damals; finde aber, daß es mit den Ohren von heute musikalisch leichter konsumierbar ist.

Entry: Der Hintergrund zu Deinem Debüt war recht eindeutig, was hat Dich zu ‘Johnny Bumm’s Wake’ veranlaßt? Wo siehst Du die Hintergründe zu dieser CD?

Ernst: ‘Johnny Bumm’ war mal ein Pseudonym, unter dem ich den Titel ‘Wurstsemmeln’ schon einmal veröffentlicht habe. Ich habe mir dann gedacht, ich mache daraus eine Figur, die 24 Stunden am Tag vor sich hinbrabbelt (daher die 24 Stücke), säuft und fernsieht. Das Wort ‘wake’ ist eine Anspielung auf ‘Finnegans Wake’ von James Joyce, dessen wichtigstes Stilmittel der innere Monolog ist. Aber das braucht man alles nicht zu hoch hängen, dazu ist das Ganze hoffentlich zu spaßig.

Entry: Musik in herkömmlichen Sinne findet man auf dieser CD nicht (wenn man mal davon absieht, daß man zu Anfang ein wenig an Industrial erinnert wird ... allerdings nur sehr entfernt). Ich denke, man könnte das Ganze als Klangcollage bezeichnen. Welchen Namen würdest Du dem ‘Kind’ geben?

Ernst: Ich finde schon, daß einige Stücke ziemlich eingängig sind. Insofern würde ich das als Musik-CD mit einem Thema verstehen. Jedenfalls sind die Sprachsamples meistens wie Musikelemente eingebaut.

Entry: Eine bestimmte Zielgruppe bedienst Du nicht, was glaubst Du, wo Du Deine Hörerschaft finden wirst? Ist es für Dich überhaupt von Interesse, ob nun viele oder eher wenige CD’s verkauft werden? Ich könnte mir vorstellen, daß das Album eher Dir persönlich am Herzen lag und Du so keine Rücksicht auf die Hörgewohnheiten eines eventuellen Publikums genommen hast!?

Ernst: Natürlich möchte ich, daß die CD viel rumkommt. Ich glaube auch, daß einige Leute durchaus genügend Lust auf was Abgedrehtes haben.

Ernst Horn Entry: Wie viele Tage und Nächte hast Du vor dem Fernseher verbracht, um das ganze verwendete Material zusammenzutragen? Hast Du das, was ‘Johnny Bumm’ erlebt (24 Stunden vor der Glotze) so oder so ähnlich selbst schon einmal ausprobiert (sozusagen als ‘Feldstudie’) und wie waren Deine Erfahrungen daraus?

Ernst: 24 Stunden habe ich noch nie ausprobiert. Aber wenn was danach gerochen hat, habe ich sofort den Videorecorder angeschaltet. So kam eine gewaltige Menge Zeugs zusammen. Die Auswahl war dann eine üble Arbeit, die vor allem bei der Werbung wenig Spaß gemacht hat.

Entry: Aus Deiner Umsetzung geht hervor, daß Du dem Medium Fernsehen sehr kritisch gegenüberstehst, war dieses zusammentragen von Material dann nicht eine Qual für Dich?

Ernst: Wie ich schon sagte, war die schiere Menge ein Problem. Versprecher von Kohl und ähnliches waren dann natürlich eine diebische Freude.

Ernst

Entry: ‘Wieviel Geld hast Du für Telefonsex ausgegeben, um die verwendeten Samples zusammenzubekommen? Vielleicht kannst Du mir auch noch einen kleinen Tip geben, wie man dabei ernst bleibt und nicht lauthals loslacht?’

Ernst: Keine Ahnung, vielleicht 50 Mark, aber man wird da ja erst mal ewig lang mit Tonbandgestöhne hingehalten. Damit kassieren die bequem ab. Da bekommt man also genügend Samplermaterial und kann sich amüsieren, ohne labern zu müssen (da wäre ich aber auch wirklich zu albern für).

Entry: Wenn man sich die CD das erste Mal anhört, findet man vieles einfach nur abgedreht und lustig. Befaßt man sich dann ein wenig intensiver damit, stellt man fest, daß es oft gar nicht mehr so lustig zugeht, wie etwa bei der Passage ‘Tausend Menschen sterben - Tja - Einige wenige werden gerettet - Tja ...’. Glaubst Du, daß Du damit die Menschen erreichen kannst, um sie zum Nachdenken über das Medium Fernsehen anzuregen? Wie oft muß man sich die CD anhören, damit man zumindest einen Großteil der Aussagen versteht?

Ernst: Naja, ich würde sagen, ich bin halt Teil einer kritischen Kultur, habe aber nicht Lust, einen Vortrag dazu zu halten (das können andere besser). Also blödele ich mir das ab. Sicher gibt es viele Anspielungen, die man erst nach mehrmaligem Anhören kapiert, oder vielleicht nie, weil es zu verwinkelt ist. Das macht aber nichts, weil ja auch manches ordentlich ‘platt’ daherkommt.

Entry: Sind nicht gerade diese eher versteckten Botschaften ein Problem in der heutigen schnellebigen Zeit, wo sich kaum noch jemand die Zeit nimmt, sich mit einem Kunstwerk zu befassen, gerade wenn es so kompliziert dargeboten wird, wie ‘Johnny Bumm’s Wake’?

Ernst: Vielleicht hast Du recht, ich weiß aber nicht, ob es früher wirklich soviel anders war. Die Zeit wird zeigen, ob diese CD in den Köpfen hängen bleibt. Wenn ja, werden sich auch einige Leute damit genauer befassen.

Entry: Bist Du politisch engagiert? Was hältst Du von der europäischen Vereinigung (vor allem vor dem Hintergrund, daß in direkter Nachbarschaft (Ex-Jugoslawien) die Menschen noch nicht einmal in der Lage sind in einem Land friedlich zusammenzuleben)?

Ernst: Sowas wie die Europäische Vereinigung sollte man pragmatisch sehen: wo es was bringt, bitteschön! Ich glaube allerdings, daß die Politik gegenüber dem Internationalen Treiben der Investmentfonts immer ohnmächtiger wird. Dort eine ebenfalls weltweite Gegenkraft zu schaffen, ist mit den herkömmlichen Regierungen wohl nicht machbar. Die Nationalisten in Osteuropa sind dagegen ein hilfloser Ausdruck der Unzufriedenheit der Leute mit ihrer wirtschaftlichen Lage. Den Feind im Nachbar zu suchen, ist da nun wirklich albern, aber wo sollen die den Hebel suchen, nachdem die ‘Internationale’ in den Dreck gesaust ist?

Ernst

Entry: Doch zurück zur Musik, live wird man ‘Johnny Bumm’s Wake’ wohl kaum zu sehen bekommen. Würde es Dich nicht trotzdem reizen dieses ‘Hörspiel’ auch einmal visuell darzustellen? Wie würdest Du Dir das vorstellen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Ernst: Klar würde das Spaß machen. So eine Art virtuelle Muppet-Show, oder so ..., auch ein Video wäre lustig, aber wer soll das bezahlen??? Und Zeit habe ich leider auch nicht.

Entry: Hast Du bereits Pläne für eine weitere Soloveröffentlichung? Was könnte uns da erwarten?

Ernst: Pläne habe ich immer, leider alles eine Zeitfrage. Aber das nächste Soloalbum wird bestimmt wieder was ganz anderes.

Thorsten Kübler

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