Entry
Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Eskimo & Egypt

- Vote Dave! -

 

ESKIMOS & EGYPT haben einst Pech gehabt, da sie 1993 eigentlich schon einmal gute Chancen hatten, den Durchbruch zu schaffen. Doch damals waren sie auf demselben Label wie THE SHAMEN, und da ergab es sich, daß die das Ding der Stunde waren. Was aus THE SHAMEN inzwischen geworden ist, ist Legende. Und wer weiß, wo E&E jetzt ständen, wenn damals die Dinge anders gelaufen wären. Doch jetzt versuchen sie es mit neuem Label (Motor) erneut, und da mir die Musik der Engländer gut gefällt und ich mich nicht erinnern kann, jemals nettere Musiker kennengelernt zu haben, will ich in unserem bescheidenen Blättchen versuchen, das Meinige dazuzutun, daß E&E endlich auch der breiten Masse bekannt werden. Also sprach ich mit dem äußerst sympathischen Dave über Musik, aber vor allem auch über Politik…

 

Entry: In Eurem Fall ist es ja ausnahmsweise ‘mal nicht die typische, langweilige Einleitungsfrage, wenn man etwas über Eure Bandgeschichte wissen will, da bei Euch da ja doch einiges passiert ist, was zum Glück nicht jeder Band passiert, oder?

E&E: Ja, das stimmt. Wir haben Ende der 80er angefangen, Musik zu machen. Damals waren wir noch eher das, was man eine Wave/Indie-Band nennt, also eine Band mit Gitarre, Baß, Schlagzeug, Keyboard und Gesang im Stile der CHAMELEONS oder KILLING JOKE - softes Zeug also. Aber gleichzeitig gab es in Manchester eine regelrechte Dance-Explosion, das war so 1989, und wir sind immer in solche Clubs gegangen und haben eine tolle Zeit in der Dance-Szene verlebt. Alles war neu und frisch; dagegen kam uns unsere Musik beim Proben schal und abgestanden vor. Wir wollten auch Dance-Sounds einsetzen, haben uns von unserem Drummer getrennt und statt dessen Sampler, Sequenzer und Drumcomputer gekauft, wodurch wir viele neue Sounds zur Verfügung hatten. Daraufhin sind wir von One Little Indian gesigned worden und hatten den Song "The Power of G’n’R" draußen, in dem wir GUNS ‘n’ ROSES gesamplet haben. Wir nahmen die Originalgitarre und legten einen heavy Breakbeat darunter - außerdem haben wir darüber gesungen, wie nett doch Axel Rose sei… In England waren wir dann auch im TV und hatten in Deutschland mit "Welcome to the Future" einen kleinen Hit. In dem Song gab es zum ersten Mal diesen typischen Gitarren-Breakbeat-Crossover, der ja im Moment in Deutschland so angesagt ist. Das Problem war aber, daß One Little Indian nur ein kleines Independent-Label war und damals mit THE SHAMEN und THE ORB, die damals gerade groß wurden, alle Hände voll zu tun hatte. Man hatte da einfach keine Ressourcen mehr, auch noch eine dritte Band zu pushen, und demzufolge waren wir natürlich irgendwann ziemlich frustriert. One Little Indian wollte uns außerdem mehr in die Poprichtung von THE SHAMEN drücken, obwohl wir Underground bleiben wollten. Wir wollten machen, was wir machen wollten, und sie wollten uns auf Radio 1 hören. Ich meine, es ist toll, auf Radio 1 gesendet zu werden, aber nur, wenn es wirklich Dein Ding ist, das gesendet wird. Der Direktor meinte irgendwann sogar, WHITNEY HOUSTON sei toll, und da dachten wir nur: Oh Gott, es wird Zeit, daß wir hier abhauen! Das war aber gar nicht so leicht, wie wir erwartet hatten; es dauerte zwei Jahre. Mit der Zeit hatten wir das Vertrauen in uns selbst verloren; das war ein echter Alptraum. Wir hatten zwar ein fertiges Album, "Rest in Silence", aber als wir uns das noch ‘mal anhörten, dachten wir: Das sind doch nicht E&E?! Die Platte war das Resultat der Versuche, uns in die Poprichtung zu drängen, und uns blieb nichts andere übrig, als es komplett in den Müll zu werfen. Das hat viel Überwindung gekostet, da jede Menge Arbeit in den Songs drinsteckte. Zum Glück haben uns Motor gesigned, denn sie wollten uns nicht wegen dieses verunglückten Albums, sondern wegen der Sachen, die wir vorher gemacht hatten. Also haben wir "Kamikaze" aufgenommen, denn das sind wirklich E&E.

Entry: Warum wollten Euch denn OLI nicht gehen lassen?

E&E: Weißt Du, Label wollen immer den Finger im Kuchen stecken haben für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie, was passiert, und da wir billig waren, waren wir auch kein Risiko für OLI. Das festzustellen, ist frustrierend.

Entry: Wieso habt Ihr denn Euren Drummer gleich gefeuert, anstatt ihn nur um die elektronischen Geräte zu ergänzen?

E&E: Wir mußten damals mit vielen Problemen kämpfen, und dazu kam dann noch, daß der Drummer in einer anderen Stadt lebte und nicht zu den Proben kommen konnte und so weiter und so fort. Also haben wir die Sachen lieber selbst in die Hand genommen. Verrückter weise haben wir jetzt wieder einen Drummer nach der ganzen Zeit, der eine ganz neue Atmosphäre in die Band bringt. Mit dem Baß ist es genauso, denn Baß und Schlagzeug liegen so nah beisammen. Das ist toll!

Entry: Die Promotion für E&E zielt ja voll auf die Dancefloor-Komponente Eurer Musik ab. Ist das auch in Eurem Sinne? Schließlich seid Ihr ja nicht wirklich eine typische Dance-Group, sondern arbeitet mit Baß, Gitarre und Schlagzeug.

E&E: Ich denke, daß es völlig falsch ist, uns eine Dance-Group zu nennen. Wenn man sich das Album anhört, dann sind da viele Rockelemente und -einflüsse, genauso wie Danceeinflüsse. Natürlich mögen wir die Grooves der Dance-Musik, aber unsere Musik hat mehr Seele. Für viele Dance-Fans dürfte das Album zu hart und nicht fröhlich genug sein.

Entry: Was sagst Du demzufolge dazu, wenn Ihr mit Bands wie THE PRODIGY, UNDERWORLD oder den CHEMICAL BROTHERS verglichen werdet?

E&E: Das macht mir keine Sorgen, denn wir sind natürlich irgendwie in der selben Szene. Als wir damals den Streß mit OLI hatten, konnten PRODIGY und CHEMICAL BROTHERS Alben herausbringen. Man darf aber nicht übersehen, daß es zwischen unserem Album und dem PRODIGY-Album doch fundamentale Unterschiede bestehen. Ich habe "The Fat of the Land" letzte Woche gehört und muß sagen, daß wir halt mehr Rockelemente haben. Aber was natürlich vergleichbar ist, sind die fetten Beats. Am ehesten werden wohl Industrial-Leute auf unsere Musik abfahren, wenn ihnen das Zeug von PRODIGY schon gefällt.

Entry: Es heißt ja oft, daß Deutschland der aufstrebendste Markt für elektronische Dance-Musik ist. Trotzdem kommen ja alle Bands, die ich eben erwähnt habe, aus England. Wie erklärst Du Dir das?

E&E: Das ist schwer zu sagen. Deutschland ist schon lange bekannt für seine Vorliebe für elektronische Musik. Aber der hauptsächliche Unterschied zu der englischen Musik, über die wie hier reden, ist wohl, daß wir Engländer viel von den Schwarzen in unserer Gesellschaft beeinflußt sind und somit Drumloops, Breakbeats und den Groove häufiger einsetzen als das beim straighten Techno der Deutschen der Fall ist. Aber inzwischen machen auch Deutsche so ein Zeug, denn sie tanzen anscheinend einfach gerne dazu. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt; im Moment gibt es eine Menge frischen Wind in der Musikszene.

Entry: Ich dachte mir, daß es vielleicht auch daran liegen könnte, daß die englischen Projekte ja eher als richtige Bands promoted werden, während in Deutschland viele Ein-Mann-Projekte am Start sind.

E&E: Ja, das ist auch ein wichtiger Aspekt, aber im Prinzip sind ja auch THE PRODIGY nur ein Ein-Mann-Projekt, was auch ein weiterer fundamentaler Unterschied zu uns ist. Wir spielen alle Instrumente, während PRODIGY halt aus der Rave-Szene kommen und mit einem Musiker und drei Performern auftreten, die nur rumhüpfen und -tanzen und vor allem verrückt aussehen. Deren Punk-Attitude ist sehr marketingorientiert; ich weiß nicht, ob sie wirklich wie wir mit Punk aufgewachsen sind. Dafür sind sie auch nicht politisch genug. Wir dagegen sind eindeutig linksorientiert, wenn auch nicht extremistisch. Ich glaube, der beste Tag meines Leben war, als John Major abgewählt wurde.

Entry: Ja, und dann wurde ja kurz danach auch in Frankreich links gewählt…

E&E: Das war eine sehr wichtige Sache für Europa, auf jeden Fall. Daß wir politisch sind, zeigt sich z.B. daran, daß wir bei "Born again" ein Sample haben, daß ich einmal nachts beim Fernsehen aufgenommen habe, als ein amerikanischer Evangelist irgendeinen unglaublichen Bullshit von sich gab und damit Leute bekehren wollte. Es ist unglaublich, daß Leute Geld spenden, wenn ihnen gesagt wird, daß durch blödes Gesabbel sechzehn Leute vom Krebs befreit werden.

Entry: Auf den Trichter ist ja sogar schon PHIL COLLINS gekommen…

E&E: Was der abzieht, kotzt mich ja nur an!

Entry: Erinnerst Du Dich noch daran, daß er "Another Day in Paradise" ausgerechnet kurz vor Weihnachten herausgebracht hat? Geschickte Marketingstrategie! Glaubst Du denn, daß die Labour-Partei in England etwas bewegen kann?

E&E: Das hoffe ich und glaube auch daran. Natürlich sind sie auch nicht perfekt, sondern das geringere von zwei Übeln. Aber ich hasse die Konservativen mit ihrer antieuropäischen Haltung. Sie reflektieren nicht der Ansicht vieler Engländer, vor allem der jungen Leute, die stolz auf Europa sind. Ich bin auch für Europa; es ist wichtig, daß England dabei ist, denn sonst wird es spurlos untergehen. Es ist toll, in Europa dabei zu sein, auch wenn es im Anfang viele Probleme geben wird. Aber in einigen Jahren werden diese Probleme gelöst sein. Da ist selbst Euer Kanzler Kohl einer vernünftigeren Ansicht, als es unsere Konservativen waren.

Entry: Glaubst Du denn, daß die Labours auch etwas für Irland tun können?

E&E: Es sieht so aus, als wäre Blair gesprächsbereiter als die Konservativen, die ja keinen Zentimeter nachgegeben haben. Natürlich ist der Irlandkonflikt sehr kompliziert und es fällt mir schwer, eine wirkliche Lösung zu sehen. Das ist das gleiche Problem wie in Palästina zwischen den Arabern und den Israelis. Da sind auch Menschen, die in ihrer Heimat bleiben wollen, und Menschen, die sie von dort vertreiben wollen, und niemand kann sagen, wer im Recht ist und wer nicht.

Entry: Und beide Konflikte, vor allem der in Irland, sind so alt, das man kaum noch die waren Ursachen erkennen kann.

E&E: Genau das ist es. Und außerdem haben wir so viele Soldaten in Irland, daß es wahrscheinlich billiger wäre, alle die, die Briten sein wollen, nach England zu holen, als die ganzen Soldaten dazulassen. Das ist alles ein endloser Alptraum…

Entry: Nach so einem Thema ist es natürlich schwer, wieder zur Musik zurückzufinden, aber was bleibt mir anderes übrig. Also: Ihr wart ja mit RAMMSTEIN auf Tour, habt genau wie die mit Mark Stagg zusammengearbeitet und auch einen RAMMSTEIN-Song remixed. Habt Ihr zu denen eine engere Beziehung?

E&E: Nun, wir sind ja beide bei Motor, aber das spielt eigentlich keine Rolle. RAMMSTEIN hörten unsere Single "Obsessional Love" schon vor der VÖ und fanden sie toll. Also wollten sie einen Remix von uns, damit RAMMSTEIN auch für Electro-Fans interessanter werden. Wir haben dann den Song "Rammstein" für die "Engel"-Single remixed, und sie fanden es klasse. Wir haben den Song dann schneller gemacht und einen typischen Dance-Song daraus gemacht, den sie inzwischen sogar live spielen. Eigentlich sollten sie auch unsere Single remixen, aber dafür war leider keine Zeit mehr. Aber irgendwann wird auch das noch geschehen, und dann werden wir uns auch noch ein RAMMSTEIN-Stück vornehmen. Und was Mark Stagg angeht: Er ist schon fast unser viertes Bandmitglied; er war immer dabei und weiß genau, was wir wollen. Und RAMMSTEIN suchten halten auch so einen Typen, der sich mit Elektronik auskennt.

Entry: Ihr liegt ja, wie wir festgestellt haben, als Querschläger zwischen mehreren Szenen. Aber was hörst Du z.B. persönlich für Musik?

E&E: Ich mag CHEMICAL BROTHERS, PRODIGY und vor allem UNDERWORLD, auch ORBITAL - also genau die Bands, über die wir eben gesprochen haben. Früher habe ich auch viel Industrial und Rock gehört, aber ich gehe nicht gerne in Rock- oder Industrial/Crossover-Clubs, denn die sind oft etwas deprimierend.

Entry: Und neben der Musik, was machst Du da?

E&E: Fußball ist meine Leidenschaft und die der ganzen Band. Ich bin Fan von Manchester United, und darüber können wir uns immer herrlich streiten. Außerdem bin ich vernarrt in Hunde; ich habe einen Schäferhund und möchte noch einige haben, aber so groß ist der Ort, an dem ich wohne, nicht. Das werde ich machen, wenn ich irgendwann auf dem Land wohne. Das liegt wohl daran, daß ich mit Hunden aufgewachsen bin. Außerdem krabbele ich noch etwas auf Bergen herum. (Anm.: Das nun folgende Gespräch ergab, daß wir letztes Jahr zur gleichen Zeit in der selben Gegend Urlaub gemacht haben, aber das ist für Euch weniger interessant, und deshalb erspare ich Euch diesen Teil des Gesprächs.)

Da bleibt mir wie üblich nur noch übrig, mich bei den beteiligten Leuten zu bedanken, und zwar diesmal ganz besonders, denn einfach hat’s Euch, Dominique und Dave, meine verworrene Terminplanung nun wirklich nicht gemacht. Wir sehen uns im Oktober auf Tour!

R.I.R. = 2xR

Home Zurück