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| Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde |
| Fracture |
Entry: Ursprünglich kommst Du ja aus Vancouver. Ich habe aber gehört, daß Du mit der dortigen Szene nicht so viel zu tun hattest. Warum bist Du schließlich nach London gezogen?
"Nach einem Unfall 1987 verbrachte ich lange Zeit auf der Intensivstation. Ich bin dann nach London gezogen, um dort zu leben, wo auch andere Verwandte lebten. Ich bekam einen Job als "Tea Boy" in einem Studio in Soho, wo ich den Bands Tee und Kaffee kochte. Ich mußte bis 4/5 Uhr morgens arbeiten, mußte die ganze Nacht Zigaretten und Drinks kaufen. All die Freaks kamen nachts raus. Die Dinge, die ich sah, waren widerlich. All diese Prostituierten, Drogendealer und Verrückten - Es machte mich krank. ("Downtown" war geboren). Letztendlich bildete ich mich aus und wurde selber Techniker. Die Trident-Studios wurden 1991 geschlossen. Ich habe mir danach langsam ein eigenes Studio aufgebaut. Ich arbeitete für eine Weile freiberuflich, und als die Arbeit endete, begann ich mit eigenen Songs. Ich verbrachte all die Jahre im Studio, um Sounds und Ideen dafür zu entwickeln, was einmal Fracture sein würde."
Entry: Hat der Name Fracture eine tiefere Bedeutung?
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"Ja, Fracture hat eine tiefere Bedeutung. Zurück in Vancouver konnte ich mich nicht in den nord"amerikanischen Traum" einbringen. Künstliche Lügen und der Versuch, mit dem reichen "Bullshit" mitzuhalten. Indem ich nach London zog, wurde ich mitten in eine Großstadt gestürzt, in der alles schiefgeht. Verbrechen, Gewalt und Dunkelheit, die ich niemals vorher gesehen hatte. Diesmal passte ich auch nicht in diese Stadt. Ich war verloren. Nur eine Zahl unter Billionen. (Dieses Gef´ühl weder hier noch dort zu sein, kommt immer und immer wieder). |
Fracture ist diese Lücke, eine große Leere, oder ein Riß, der sich mehr und mehr ausweitet. Dieser Ort oder FRACTURE wird für immer mehr Leute wie uns zu einer Heimat. Fracture ist ein Fehler, etwas schiefgelaufenes, etwas Gescheitertes. Dieser Abgrund ist es, wo wir beginnen. Killernet fängt hier an."
Den Text zu "Downtown" bedenkend: Unterscheidet sich London denn so stark von amerikanischen oder kanadischen Metropolen?
"‘Downtown’ ist irgendeine Stadt. Irgendwo. Zu irgendeiner Zeit. Downtown reflektiert meine Erfahrungen in London. Aber diese ist nicht anders als New York, Mailand oder L.A."
Das Labelinfo beschreibt eure Musik als eine Mischung aus Nine Inch Nails und Skinny Puppy, und ich muß zugeben, daß ich da annähernd mit übereinstimme. Sind diese Bands deine Haupteinflüsse?
"Man kann Fracture ruhig mit Skinny Puppy beschreiben. Skinny Puppy hatten immer einen Einfluß auf mich, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin. Ich betrachte sie mit Respekt, so wie auch Jimi Hendrix, Metallica, DAF und Depeche Mode. Was NIN angeht, ist es eine verrückte Geschichte. Eine Frau namens Ros Earles hatte ein Büro in dem alten Studio, wo ich gearbeitet habe. Sie kümmerte sich um Flood, Ed Butler, Alan Moulder u.a.. Ich war mit ihr befreundet und erhielt einige Jahre später einen Anruf von ihr. Bei dieser Gelegenheit fragte sie mich, ob ich noch mit Synths und elektronischer Musik experimentieren würde. Sie hörte meine Demos und mochte sie sehr gerne. Sie meinte dann:"Alexis, das ist echt merkwürdig, ich soll vielleicht einen Künstler aus New York managen, seine Musik ist Fracture absolut ähnlich." Dieser Künstler war Trent Raznor. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Wenn Leute sagen, daß wir uns wie NIN anhören, ist es mir egal. Wir machen nur das, was ich schon immer gemacht habe."
Was für Musik hörst Du denn selber? Kennst du irgendwelche Sachen aus Deutschland, die du gut findest?
"Im Moment mag ich sehr gerne all die Techno/Trance/Ambientmusik, die herauskommt. Goa-Trance ist sehr verbreitet in London. Ganz offen gesagt hört sich mancher Goa sehr industrialmäßig an. Ich meine, daß diese Szene die Richtung von Industrial verändern wird. Viele Industrialbands hören sich so altmodisch an. (Anm. L.S.: Ja, schlimm dieser ganze Mief). Meine Lieblingsbands sind Ministry und Sepultura. Leather Strip und Covenant sind ziemlich gut. Aber am meisten liebe ich immer noch Cabaret Voltaire und DAF. Ich mag auch Maschinenzimmer und haujobb."
Du setzt dich stark mit Computertechnologien, bes. dem Internet auseinander. Hälst du es wirklich für ein "Killernet", und welche Gefahren gehen deiner Meinung nach von einer solcher Technologie aus?
"Es gab viele Gründe, die das Killernet hervorbrachten. Das Leben in der Großstadt und der Verfall. Sozialer und emotionaler Verlust. Das Bewußtsein von verlorenen Gefühlen u.s.w., aber zugleich die große Macht. Technologie ist ausßer Kontrolle geraten und kompliziert die Sache nur noch mehr. "Instead of solving all these problems of 1996, the Internet has made the planet even smaller." Das Internet hat alle Probleme der Welt als eines verbunden. Es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr zur Flucht. Unmittelbare Abwicklungen sind schnell, und mit einem Knopfdruck können Wirtschaften von ganzen Ländern in einer Sekunde ruiniert werden. Die Menschlichkeit versucht, sich durch das Erschaffen besserer Technologien zu verbessern, aber scheitert daran, sich den eigenen Verstand anzusehen. Geistig hat sie sich nicht verbessert. Natürlich sind einige Dinge gut am Internet, aber wir drängen uns zu schnell in die Zukunft, ohne einzuhalten, um zu verstehen, welche Konsequenzen es haben könnte. Wo wir zuviel Zugang haben, gibt es keine Regeln mehr, und Dinge fangen an, zusammenzubrechen. Wir werden tatsächlich zu nichts als Nummern."
Wörter und Passagen wie "Eleison", "...programmed for hell..." und "...a web of fire spreading poison sin" könnten religiöse Analogien implizieren. Habe sie einen solchen Hintergrund?
"Vielleicht könnten ein paar Ausdrücke religiös interpretiert werden, aber wenn man zuhört und alles zusammenfügt, ist das Resultat ziemlich "heavy". Eleison bedeutet im griechischen "Erbarme dich unser". In anderen Worten, was machen wir mit uns selbst, hilf uns. "Programmed for hell" ist die Richtung, die wir einschlagen, z.B. HDTV, digitales Banking, Internet etc. Das World Wide Web ist nur der Anfang. Es überzieht uns und wird uns mit seinem Feuer ersticken. Zuviele Informationen und zu schlechte. Kinderpornographie, Killer, Mafia usw."
Mal was anderes. Hast du eigentlich die Fußball-EM verfolgt?
"Deutschland hat phantastisch gespielt." (Anmerkung d. Verf.: Was??? Deutschland hat gespielt? Ganz Deutschland? Aber ich bin doch auch Deutscher, und war gar nicht dabei. Versteh ich nicht!!!)
"I´m glad they kicked the shit out of England!"
Bei soviel Fußballeuphorie (na ja...) hätte ich fast vergessen, nach Zukunftsplänen zu fragen.
"Zukunftspläne: Alle Industrialbands versuchen härter zu werden, lautere Gitarren, mehr abgefuckte Vocals etc.. Aber anstatt zu versuchen, härtere Musik zu machen, werden wir härtere Gedanken veröffentlichen. Die Zukunft des Industrials wird mehr harte Gedanken, den psychologischen Einfluß der Realität haben. Die Musik wird intensiver sein, intelligenter. Die "message" und die Gedanken könnten zuviel sein. Aber das ist es, was durch meinen Kopf spukt. Ich kann nicht aufhören und muß es aus meinem Kopf rausbringen."
Na dann können wir uns ja auf was gefaßt machen. Best regards to Alexis, und vielen Dank an Thorsten Stroth für die schnelle Übermittlung.
L.S.