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| Goethes Erben |
Mit dem Musiktheaterstück ‘Kondition: Macht!’ ist der Formation GOETHES ERBEN letztes Jahr eine Performance gelungen, wie sie in der Szene bis dato wohl einmalig war. Zwar waren die Reaktionen sehr kontrovers, doch selbst die Kritiker mußten sich eingestehen, daß man hier etwas auf die Beine gestellt hatte, was man den ‘komischen Schwarzen’ wohl nicht zugetraut hätte.
Nun, fast ein Jahr nach der Uraufführung von ‘Kondition: Macht!’ sind dessen Musikstücke zusammengefaßt auf einer CD auch für alle seinerzeit Daheimgebliebenen erhältlich. Grund genug für ein Interview.
Entry: Das Theaterstück ‘Kondition: Macht!’ wurde vor fast einem Jahr aufgeführt. Warum habt Ihr Euch so viel Zeit damit gelassen, die ‘Kondition: Macht!’-CD zu veröffentlichen? Zumal es seit Veröffentlichung der letzten Fulltime-CD ebenfalls schon einige Zeit her ist.
Oswald: Die Veröffentlichung von ‘Schach ist nicht das Leben’ liegt nur zwei Jahre zurück. Die ‘Marionetten’ Maxi-CD wurde bereits drei Monate nach den Aufführungen in Berlin veröffentlicht und das auf 2.000 Stück limitierte Doppelalbum erschien im September 1998. Auf Wunsch unseres Labels haben wir zugestimmt, das offizielle ‘Kondition: Macht!’ Album im März 1999 zu veröffentlichen, ursprünglich sollte es bereits im September 1998 gleichzeitig mit der limitierten Version auf den Markt kommen.
Entry: Wie Du selbst sagst, gab es vorab das komplette Theaterstück als limitierte Auflage auf zwei CD’s. Habt Ihr Euch selbst damit den Wunschtraum erfüllt, das Liveerlebnis ‘Kondition: Macht!’ auf einen Tonträger zu bannen?
Oswald: Ja.
Entry: Ich denke, daß die gesamte Gestaltung der CD’s und des Booklets in der ‘Szene’ recht einzigartig sein dürfte. Ein Grund um stolz auf sich zu sein!
Oswald: Das ist in grafischer Hinsicht auch nicht zuletzt ein Verdienst von Ulrike Rank. Wir wollten mit dem Doppelalbum etwas Zeitloses schaffen, auf das wir auch in 10 oder 20 Jahren noch stolz sein können.
Entry: Gleichzeitig aber wohl auch ein Risiko, da diese beiden CD’s sicher noch viel weniger massenkonform sind, als Eure bisherigen Veröffentlichungen.
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Oswald: Aus diesem Grund wurde das Doppelalbum auch als limitierte Version veröffentlicht und gelangte nicht in den offiziellen Tonträgerhandel. Mir war es wichtig, das Ergebnis von einem Jahr Vorbereitungszeit auch in einem adäquaten Rahmen zu dokumentieren. Da das Doppelalbum die komplette zweiaktige Aufführung als Tondokument enthält, ist es in erster Linie für die Menschen gedacht, die das Stück in Berlin auch live erlebt haben. Es ist faszinierend, welche intensiven Erinnerungen etwas weckt, was man auch live, zum Zeitpunkt einer Entstehung der Aufnahmen, miterleben durfte. Entry: Wenn man auf die Aufführungen von ‘Kondition: Macht!’ zurückblickt, spieltest Du den Hauptprotagonisten, während Mindy Kumbalek eher im Hintergrund blieb. Hätte man sie nicht mehr ins Geschehen einbinden können? |
Oswald: Ihre Spielposition hinter dem Publikum gehörte mit zum Konzept der Inszenierung. Wir wollten das Publikum in unserer Mitte wissen. Mindy als Maschinenelement stellte einen Teil der allgegenwärtigen Maschine dar.
Entry: Wie waren die Reaktionen zu den Aufführungen? Darüber wurde ja noch lange später recht kontrovers diskutiert. Gibt es irgendwelche Statements, die Euch ganz besonders gefreut bzw. geärgert haben?
Oswald: Das Stück wurde, wie Du schon sagst, kontrovers aufgenommen. Wie immer bei GOETHES ERBEN waren die Einen begeistert, Andere enttäuscht. Direkt gestört haben mich nur Aussagen von Musikjournalisten, die die Sprachpassagen als ‘zu lang’ kritisierten. Irgendwie haben diese Herrschaften nicht begriffen, daß es sich bei ‘Kondition: Macht!’ um ein zweiaktiges Musiktheaterstück handelt und bekanntlich ist ein Merkmal eines Theaterstücks, daß in diesem gesprochen wird, egal ob in Dialog- oder Monologform.
Besonders gefreut habe ich mich über die Diskussionen innerhalb unserer Fangemeinde, denn auch wenn ‘Kondition: Macht!’ nicht allen gefallen hat, so hat es doch zumindest dazu angeregt, sich mit dem Stück auseinanderzusetzen. Es war sehr interessant zu erfahren, wie unterschiedlich die Handlung des Musiktheaterstückes von den Besuchern der Aufführungen interpretiert wurde.
Entry: Betrachtet Ihr das Projekt ‘Kondition: Macht!’ mit Veröffentlichung der CD jetzt im März als abgeschlossen, oder wird es Euch, in welcher Form auch immer, noch weiter beschäftigen?
Oswald: Was das Musiktheaterstück als Ganzes angeht: vorerst Ja! Allerdings werden wir auf der anstehenden Jubiläumstour auch einige Musiktitel in das Programm integrieren. Manche Titel funktionieren auch ohne den zusammenhängenden, erzählenden Kontext von ‘Kondition: Macht!’.
Entry: Nachdem man ein solch gigantisches Projekt abgeschlossen hat, fühlt man sich da nicht einfach nur ausgebrannt, immerhin hat es Euch rund zwei Jahre beschäftigt, und möchte mit Musik, Theater und ganz besonders ‘Kondition: Macht!’ erst mal nichts mehr zu tun haben?
Oswald: Dazu hatten wir kaum Zeit, denn im September standen die ‘Niemandsland-Aufführungen’ auf dem Spielplan und nach diesen Konzerten machten Mindy und ich Ausflüge im Bereich unserer Soloaktivitäten. Mindy promotete ihr zweites STILL SILENT Album und ich ging mit ERBLAST auf Tour. Seit Januar bereiten wir uns intensiv auf die Jubiläumstour vor, das umfaßt nicht nur die Proben, sondern auch die Koordination derselben, Bühnenbildentwurf und Ausführung etc.
Entry: Inwieweit kann man die CD ‘Kondition: Macht!’, auf der ja lediglich die Musikstücke enthalten sind, mit dem Theaterstück vergleichen? Für mich geht da ein wenig der Flair, den das Theaterstück ausmacht, verloren.
Oswald: Die CD ‘Kondition: Macht!’ ist nur noch der Soundtrack, die Titel sind nicht chronologisch angeordnet, sondern hinsichtlich ihrer musikalischen Dramaturgie aneinandergereiht. Bei diesem Soundtrack ist die eigentliche Handlung des Musiktheaterstückes unwichtig. Jeder Titel kann für sich alleine stehen.
Entry: Was mir aber auffiel, und das bemerkte man bei der Doppel-CD interessanterweise nicht so sehr, ist, daß ‘Kondition: Macht!’ (die CD) im Gegensatz zu Euren früheren Veröffentlichungen sehr viele akustische Aspekte aufweist. Man bekommt teilweise den Eindruck, es mit einer Mittelalterband zu tun zu haben, insbesondere im ersten Teil der CD. Erst später übernimmt die kalte Elektronik die Macht.
Oswald: Auch ‘Schach ist nicht das Leben’ und ‘Leben im Niemandsland’ waren Veröffentlichungen mit diesem Schwerpunkt. Die in der Jubiläumsbox enthaltene Live-CD ‘Rückkehr ins Niemandsland’ konzentriert sich fast ausschließlich auf die akustische Seite von GOETHES ERBEN. Auf dieser im September 1998 in Jena mitgeschnittenen CD ist die Elektronik fast völlig in den Hintergrund getreten, zu diesem Zweck haben wir alle gespielten Trilogiestücke neu arrangiert und dementsprechend uminstrumentiert.
Entry: Wäre dieses ‘akustisch’-mittelalterliche eine Richtung, in die sich GOETHES ERBEN in Zukunft entwickeln könnten?
Oswald: Welche musikalischen Schwerpunkte bei zukünftigen Werken vorherrschen werden, kann ich derzeit nicht sagen. Wir werden aber mit Sicherheit keine mittelalterliche oder neoklassische Formation werden. Wir werden nicht gänzlich zu einer anderen Musikrichtung konvertieren, sondern wie bereits die letzten 10 Jahre versuchen, möglichst stilübergreifend zu arbeiten.
Entry: ‘Schach ist nicht das Leben’ war Euer bis dato wohl eingängigstes Album. Jetzt mit dem nötigen Abstand betrachtet, seid Ihr noch immer zufrieden mit der CD? Gibt es irgendwelche Dinge, die Ihr verändern würdet?
Oswald: Nein, das Album gefällt uns auch heute noch. Einzig das zweite Album ‘Der Traum an die Erinnerung’ hätten wir gerne noch einmal überarbeitet, aber letztendlich bin ich der Meinung, man sollte die Vergangenheit nicht verändern, sondern aus ihr lernen. Wenn wir heute die Titel dieser CD live spielen, klingen sie wesentlich intensiver, als auf Tonträger, das hat nichts mit der Qualität der Stücke zu tun, sondern vielmehr mit der mangelnden Aufnahmequalität. Letzteres Kriterium ist Erfahrungswerten und finanziellen Aspekten unterworfen. Qualität kostet leider immer auch Geld.
Entry: Wie ist ‘Schach ist nicht das Leben’ bei den Fans angekommen, immerhin gibt es ja immer irgendwelche ‘Hardcore’-Fans, die Veränderungen nicht akzeptieren können? Habt Ihr dahingehend schlechte Erfahrungen gemacht?
Oswald: ‘Schach ist nicht das Leben’ war hinsichtlich der Verkaufszahlen die bislang erfolgreichste GOETHES ERBEN-Veröffentlichung. Unser Publikum hatte mehr Probleme mit dem blauen Album, als mit ‘Schach ist nicht das Leben’. Wem ‘Schach ist nicht das Leben’ zu kommerziell ist, der kann sich gerne mit dem blauen Album auseinandersetzen. Es wird immer Menschen geben, die irgend etwas zu kritisieren haben. Diesen Menschen war das blaue Album zu schräg und ‘Schach ist nicht das Leben’ zu kommerziell. Uns gefallen beide und letztendlich geht es nur darum. Mindy und ich müssen hinter dem stehen, was wir machen. Wir sind kein Industrieunternehmen, das für ein bestimmtes Klientel maßgeschneidert produziert, sondern wir hoffen durch unsere künstlerische Arbeit, auch ein an uns interessiertes Publikum zu erreichen.
Entry: In einem Interview, welches wir vor einiger Zeit geführt haben, hast Du erzählt, daß Ihr Euch vor einer Veröffentlichung von ‘Sitz der Gnade’ noch etwas scheut, da Ihr Nick Cave dafür hättet um Erlaubnis fragen müssen. Wenig später erschien das Stück dann doch, so daß ich einmal davon ausgehe, daß Ihr ihn doch gefragt habt!? Was hat er zu dem Stück gesagt?
Oswald: Wir haben die offizielle Erlaubnis bei seinem Verlag eingeholt. Ich glaube kaum, daß Nick Cave unsere Coverversion von ‘Mercy Seat’ kennt.
Entry: Im gleichen Interview berichtetet Ihr, daß, wäre das blaue Album seinerzeit nicht positiv beim Publikum angekommen, Ihr eventuell keine weiteren Veröffentlichungen herausgebracht hättet. Wäre eine solch drastische Reaktion auch bei einem eventuellen Flop von ‘Kondition: Macht!’ möglich?
Oswald: Warum sollte man CD’s veröffentlichen, die keine interessierten Käufer finden? Sollte ‘Kondition: Macht!’ bezüglich der Verkaufszahlen ein Flop werden, werden wir die Zukunft von GOETHES ERBEN auf das Livegeschehen konzentrieren. Ich sehe GOETHES ERBEN viel lieber als Live-Event, lebendig auf einer Bühne. Es steht außer Frage, daß wir dort auch die nächsten Jahre zu sehen sein werden.
Nach der Jubiläumstour werden Mindy und ich Bilanz ziehen und den Kurs für die nächsten Monate neu bestimmen. GOETHES ERBEN werden sich mit Sicherheit nicht auflösen, warum auch, man kann auch pausieren, ohne sich zu verabschieden.
Entry: Euch liegt anscheinend sehr viel an der Resonanz des Publikums. Engt man sich damit nicht selbst ein, als das man sich sagt, ich muß irgendwo auch die Fans zufriedenstellen, also arrangiere ich etwas eher GOETHES ERBEN-typisch, als ich es eigentlich geplant habe?
Oswald: Dann hätten wir weder ‘Blau-Rebel!’ noch ‘Kondition: Macht!’ realisieren dürfen. Publikumsreaktionen sind uns wichtig, sie bestimmen aber nicht den künstlerischen Kurs von GOETHES ERBEN. Wir sind an einer Kommunikation mit dem Publikum interessiert, zu veröffentlichen heißt auch immer einen Kompromiß zwischen Anspruch und Kommerzialität zu finden. Aus diesem Grund wurde das Thema ‘Kondition: Macht!’ auch in zwei unterschiedlichen Versionen veröffentlicht, denn seit dem blauen Album wissen wir, daß wir unser Publikum zwar fordern, aber nicht überfordern dürfen. Ein gutgemachter Film kann auch das Interesse für den dem Film zugrundeliegenden literarischen Stoff wecken. Die CD ‘Kondition: Macht!’ sehe ich hier als Film, während das Doppelalbum ‘Kondition: Macht! - Das Musiktheaterstück’ das Buch darstellt.
Entry: Wie bereits erwähnt, geht es im März/April zum Jubiläum ‘10 Jahre Goethes Erben’ wieder auf Tour, sind diese ‘normalen’ Konzerte nach ‘Kondition: Macht!’ nicht irgendwo ein Rückschritt für Euch? Oder freut Ihr Euch darauf, alles etwas weniger ‘gigantisch’ zu haben?
Oswald: Ich würde ein Jubiläum nicht als Rückschritt betrachten, sondern als erreichtes Etappenziel. Wir, und es scheint auch unsere Hörer, freuen uns auf diese Tour. Auf vielen Konzerten wird es ein Wiedersehen mit ehemaligen GOETHES ERBEN Mitstreitern geben. Das Programm wird ein Streifzug durch unser bisheriges Schaffen und wir werden uns nicht nur auf die sogenannten Hits konzentrieren. Wir suchen diesmal gezielt den Dialog mit dem Publikum, da wir 10 Jahre GOETHES ERBEN auch mit den Menschen feiern möchten, die uns seit langer Zeit begleiten. Wir haben mit GOETHES ERBEN noch nie auf der Stelle getreten, sondern waren immer auf der Suche nach Neuem. Wir kennen keine musikalischen Grenzen, alles ist möglich.
Entry: Es verschlägt Euch auf dieser Tour auch ins benachbarte Ausland. Wie ist die Akzeptanz dort? Immerhin lebt Eure Musik ganz entscheidend von den Worten und da diese in Deutsch gehalten sind, dürften die Zuschauer dort wohl einige Verständnisprobleme haben?
Oswald: Auf die Größe des Landes gesehen sind GOETHES ERBEN in Belgien bekannter, als in Deutschland. Konzerte in Belgien sind für uns immer etwas besonderes, irgendwie ist das Publikum dort wesentlich begeisterungsfähiger, als in Deutschland. Wir machen eine sehr extrovertierte, auf Optik ausgerichtete Performance und so scheint es auch kein Problem zu sein, wenn die Texte dort nicht wortwörtlich verstanden werden. Die Stimmung ist das entscheidende. Bei Konzerten in Deutschland reagiert das Publikum extrem unterschiedlich, nie euphorisch, manchmal distanziert und oftmals kaum einschätzbar. Aber irgendwie liebe ich es auch, das Publikum am Reagieren zu hindern, indem ich mich einfach sofort auf den Folgetitel konzentriere und durch gesprochene Überleitungen die Spannung aufrechterhalte. Mir ist der Schlußapplaus wichtiger, als der Szenenapplaus nach jedem Stück.
Entry: Wie wird es mit GOETHES ERBEN nach dieser Tour weitergehen? Gibt es in absehbarer Zeit ein neues ‘normales’ Album?
Oswald: Wir werden sporadisch auf einigen Festivals zu sehen sein, den weiteren Kurs von GOETHES ERBEN werden wir aber erst nach der Tour bestimmen. Ein neues Album ist derzeit nicht in Planung, das kann sich aber auch ganz schnell ändern.
Entry: Habt Ihr schon mit dem Gedanken gespielt, eventuell erneut ein Theater vom Umfang der ‘Kondition: Macht!’-Aufführung auf die Beine zu stellen?
Oswald: Nein, denn vorerst fehlen uns für ein solches Unternehmen die Mittel.
Entry: Blickt man zurück auf die ‘Kondition: Macht!’-Zeit, wenn Ihr vor der Wahl stehen würdet, würdet Ihr alles noch einmal genauso machen?
Oswald: Bis auf Kleinigkeiten: Ja!, denn das Doppelalbum spricht für sich.
Entry: Ihr habt neben GOETHES ERBEN noch eine ganze Menge weitere Projekte, an denen Ihr mehr oder weniger intensiv beteiligt seid, verliert man da nicht leicht den Überblick? Und besteht nicht die Gefahr, daß man das eine oder andere Projekt zwangsläufig vernachlässigt?
Oswald: Wir aktivieren unsere Nebenprojekte immer nur dann, wenn GOETHES ERBEN ruht. ERBLAST und STILL SILENT sind unser Ausgleich zu der künstlerischen Arbeit bei GOETHES ERBEN. Hier realisieren wir Ideen, die nicht in das strenge Konzept von GOETHES ERBEN passen.
Entry: Dann bleibt zumindest das Privatleben auf der Strecke?
Oswald: Welches Privatleben?
Entry: Okay, zum guten Schluß noch das obligatorische Schlußwort?
Oswald: GOETHES ERBEN kann man eigentlich nur durch einen Konzertbesuch schätzen lernen. Unsere Veröffentlichungen repräsentieren uns nur eindimensional, denn unsere Stärke liegt eindeutig in unserer Livepräsenz.
Entry: Vielen Dank für das Interview.
Thorsten Kübler
Lange hat man nichts von ihnen gehört - und doch sind sie nicht tot. Das Totgeglaubte länger leben, sieht man an Goethes Erben. Allen Gerüchten zum Trotz, bestehen sie weiter, wie wir bei einem Besuch in Bayreuth erfahren konnten. Zugegeben, geehrt fühlen wir uns ja doch, daß wir als Einzige in diesem Jahr ein Interview mit ihnen geführt haben.
Goethes Erben bestehen seit 1989. Zur Erstbesetzung gehörten Oswald Henke und Peter Seipt. 1990 verließ Peter die Band, 1991 stoßen Mindy Kumbalek und Conny R. dazu. Heute bestehen Goethes Erben nur aus Oswald und Mindy. Soviel zu den allgemeinen Daten.
Für Oswald Henke war Goethes Erben der erste musikalische gehversuch, während Mindy bereits im Alter von 9 Jahren anfing, Instrumente wie Gitarre und Saxophon zu erlernen.
Oswald Henke: Vor Goethes Erben habe ich bei einem Cabaret-/Varietétheater mitgewirkt. Als mir der Sinn nach etwas ernsthafteren stand, wurden Goethes Erben gegründet.
Entry: Eine Frage, die uns brennend interessiert, ist der Sinn eures Bandnamens.
O.H.: Goethe steht für den Inbegriff der deutschen Sprache. Genauso gut hätte ich den Namen Schiller verwenden können, jedoch hat man mit dem Namen Goethe die größte Assoziation zur deutschen Sprache. Der Name erhebt keinen literarischen Anspruch, wir wollen uns in keinster Weise mit Goethe vergleichen. Der Zusatz Erben dient einzig der Provokation.
Oswald Henke beschreibt seine Band wie folgt:
"Goethes Erben ist ein musikalisches Theater, in dem die deutsche Sprache im Mittelpunkt steht. Es ist eine in Wort und Musik gefaßte Gefühlswelt. Die Texte und die Musik passen oft nicht zueinander. Diese Disharmonie ist kein Unvermögen, sondern soll den Hörer zum selbst denken anregen."
E.: Viele interessiert, wie eure Stücke entstehen.
O.H.: In der Regel entsteht erst die Lyrik und dann werden musikalische Farben gesucht und mit dem Text zusammengesetzt. Die Texte entstehen aus dem Leben und Erleben. Die Dramaturgie des Inhaltes liegt an dem Sinn, ein Musiktheater darzustellen, indem es um die Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod geht. Texte sind Reflektionen von Gedanken und Gedanken bereiten Schmerzen. Ich versuche mit Goethes Erben etwas Positives zu geben, auch wenn die Gedanken negativ sind.
E.: Kannst Du uns anhand einiger Beispiele den Sinn und die Entstehung der Texte näher bringen?
O.H.: Zum Beispiel ist "5 Jahre" in einer Zeit entstanden, in der ich in meiner Ausbildung zum Krankenpfleger auf der Psychiatrie gearbeitet habe. Das in dieser Zeit erlebte habe ich in Worte gefaßt. Absolut aus dem Rahmen fällt ein Stück wie "Iphigenie". Es beruht auf einer Geschichte, ähnlich wie "Stumme Zeugen", die aus einer wahren Begebenheit hervorgeht. Im 2. Weltkrieg gab es irgendwo in Deutschland ein Dorf, in dem es grundsätzlich Fleisch gab. Und das war einfach sehr eigenartig zu einer Zeit, in der man nichts mehr bekommen konnte. Durch dieses Dorf gingen viele Flüchtlingsfamilien und es verschwanden vorwiegend Kinder. Bis irgendwann jemand in einem Keller die Knochen der Kinder fand. Ich habe diese Geschichte zum Anlaß genommen, eine eigene Geschichte zu konstruieren und habe Goethes "Taures" dazu benutzt. Viele Leute, gerade die Presse, haben dieses Lied als kannibalistisch und aufreisserisch dahingestellt. Dies war eigentlich nie so gedacht. "Iphigenie" ist eines der bitterbösesten Stücke, die wir geschrieben haben und es wurde vollkommen falsch verstanden.
Das Stück "Die letzte Nacht" ist ein sehr persönliches Lied, eine Art Liebeserklärung an eine unerfüllte Liebe das ist meine Art, so etwas umzusetzen und auszudrücken.
Oswald Henke sieht sich zwar als Teil der Gothic-Szene, versteht aber nicht, wie man Das Ich und Goethes Erben zusammen in die Schublade "neue deutsche Todeskunst" stecken kann.
O.H.: Man kann Das Ich und Goethes Erben weder musikalisch, noch textlich zusammenbringen. Genauso gut könnte man uns mit Herbert Grönemeyer vergleichen. Überhaupt, was ist eine "Neue deutsche Todeskunst"? (Auf diese Frage konnten wir Oswald leider auch keine Antwort geben. Tatsache ist, daß dieser Begriff von Das Ich geprägt wurde - Anm. d. Red.) Die ganzen Schubladen wurden von der Presse gemacht, um ihnen ihre Arbeit zu erleichtern. Überhaupt bin ich ziemlich sauer auf die deutsche Presse! Ich verstehe nicht, wie man Personen eine Rezension über eine Band schreiben lassen kann, zu deren Musikrichtung sie keinen Bezug haben. Für die "Tote Augen sehen leben" wurden keine Anzeigen geschaltet und auch keine Promo-CD´s an die Presse geschickt. Ich sehe nicht ein, der Presse die CD´s in den Rachen zu schmeißen, damit sie uns wieder zerreißen. Zudem wird sie momentan sowieso mit einer Reihe von schlechten Neuerscheinungen überflutet.
E.: Wie siehst Du die Gothic-Bewegung?
O.H.: Die Gothicbewegung ist ein Lebensgefühl. Die Szene besteht aus denkenden Individuen, die "schwarze" Musik bevorzugen. Ich
stehe der Szene jedoch teilweise sehr kritisch gegenüber, aber Intoleranz gibt es überall.
Auf unsere Frage, ob sie nicht ein wenig Angst hätten, von dem Klischee nicht mehr loszukommen und den Leuten immer als Goethes Erben in Erinnerung zu bleiben, antworteten sie: "Wir sind Goethes Erben und es wird auch immer Goethes Erben geben. Wir möchten gar nichts anderes machen."
E: In diesem Jahr wurde die CD "1. Kapitel" veröffentlicht. Auf dieser CD sind die Stücke der ersten beiden Tapes zu finden. Warum wurde diese CD eigentlich veröffentlicht?
O.H,: Ich wollte keine Tapes mehr veröffentlichen und die Nachfragen nach den alten Stücken wurden einfach zu groß. Ich bin der Meinung, daß wenn jemand sich für bestimmte Stücke interessiert, sollte er auch die Gelegenheit haben, sich diese besorgen zu können. Daher halte ich nichts von Veröffentlichungen, die streng limitiert sind.
Für Sammler haben wir die "1. Kapitel" als limitierte Schallplatte herausgebracht, ansonsten ist sie normal als CD erhältlich.
E.: Auch für die "1. Kapitel" wurde keine Werbung gemacht. Warum?
O.H.: Dies ist vollkommen bewußt geschehen. Der Interessierte wird die CD auch ohne Werbung finden.
E.: Wie siehst Du die Zusammenarbeit mit Artwork?
O.H.: Bei Artwork bin ich einzig und allein als Gastmusiker tätig. Es ist ein Ausgleich zu Goethes Erben und außerdem eine gelungene Art, sich humorvoll auszutoben. Artwork ist eine Rockband im weitesten Sinne, während die Musik von Goethes Erben absolut ausgefeilt ist. Außerdem wurde das Cover der CD von mir gemacht.
E.: Könnt Ihr Euch vorstellen, Teile eurer Stücke als Remixe neu zu veröffentlichen?
O.H.: Es wird nie Remixe geben. Wir arrangieren die Stücke teilweise nur um und spielen sie live. Vladimir Ivanoff, er selbst kommt aus der Klassik, wollte mit uns musikalisch zusammenarbeiten. Wir überlegten, was wir zusammen machen könnten und so haben wir die Stücke für "Leben im Niemandsland" umarrangiert und als Livealbum mit Hilfe von Vladimir veröffentlicht.
E.: Gerüchten zufolge soll Goethes Erben mit Beendigung der Trilogie gestorben sein. Offensichtlich ist das nicht der Fall. Wie sieht die weitere Zukunft aus?
O.H.: Im November beginnen die Aufnahmen zu unserem 4. Studioalbum "Blau-Rebell". Was genau dabei musikalisch herauskommen wird, wissen wir selbst noch nicht genau. Das Album wird ebenfalls von Vladimir produziert und erscheint vorraussichtlich im April/Mai auf Dark Star.
Bisher waren die Inhalte und Texte immer ähnlich. Das neue Album wird völlig anders klingen. "Blau-Rebell" besteht aus zwei Stücken / 20 Minuten. Eventuell wird es noch ein Schlußstück geben.
Im Dezember wird auf dem neuen Zillo-Sampler das Stück "der Wandel" von unserer Mini-CD "Der Die Das" veröffentlicht. Die Mini-CD erscheint im Januar.
E.: Wie sieht es mit Liveauftritten aus?
O.H.: Im April wird eine Konzertreihe unter dem Namen "Blau-Rebell" stattfinden. Wir planen eine Theateraufführung in zwei Kurzgeschichten mit Cello, Chor, Geigen u.s.w. (Sie planen - Amn. d. Red.). Für diese Konzertreihe benötigen wir eine Bühne von mindestens 4m Höhe.
Da das Zwischenfall in Bochum leider keine Bühne mit dieser Höhe hat, findet dort am 20.01.95 ein Konzert besonderer Art statt. Im Vorfeld werden die fünf beliebtesten Stücke ermittelt, die an diesem Abend in jedem Fall gespielt werden. An dieser Aktion kann sich jeder beteiligen. Man sende einfach eine Postkarte mit fünf Titeln an eine der folgenden Adressen: (Ha, Ha, Ha, jetzt doch nicht mehr!!! Anm. der Red.)
Am 20. Januar werden Goethes Erben von drei Gastmusikern verstärkt: Troy wird, an der Gitarre beschäftigt sein, Harald Lindemann am Cello und Susanne Reinhardt von COMMON SPRING wird mit ihrem Violinspiel neue Akzente setzen.
Wir kamen bereits in den Genuß, das neue Stück "der Wandel" zu hören und sind gespannt, welche Schublade nun für Goethes Erben erfunden wird. Vielleicht wird man nach "der Wandel" den Begriff, "Neue Deutsche Todeskunst" einfach umwandeln. Entgegen ihren Absichten wird das Stück sicherlich ein Tanzflächenfüller. Vielleicht gibt es aber den einen oder anderen, der den wahren Sinn dieses Stückes erkennt.
Zum Schluß sei noch gesagt, daß Oswald Henke nicht nur ein hervorragender Musiker ist, sondern daß er als DJ auch sehr gute Fähigkeiten besitzt. In der "ETAGE" in Bayreuth ist er u.a. für die Musik zuständig. Dieser Laden ist übrigens ein guter Tip für alle Anhänger der düsteren Musik.
Wir möchten uns auf diesem Wege noch einmal für das Interview und das nette Wochenende bedanken.
Michaela Böttcher / Michael Wehmeier