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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

JUD

-Auch in Kalifornien kann es regnen-

 

Venice, CA. - damit assoziiert man gemeinhin Sonne, Surfen, gute Laune und Westcoast-Hardcore bzw. HipHop. Doch in diesem Falle liegt man da völlig falsch, denn JUD leben zwar in Venice, machen aber alles andere als fröhliche Strandmucke für europäische Pools. Düster und bedrohlich klingen sie meistens, eher als kämen sie aus dem verregneten Seattle. Eine Email mit David Judson Clemmons:

E: Für eine in Deutschland noch ziemlich unbekannte Band ist es ja immer die alte Leier: Zuerst muß sie mal erzählen, wie sich von den ersten Tagen an alles entwickelt hat. Also: Legt los!

JUD: O.K., wir waren schon seit langer Zeit befreundet, seitdem wir Kinder sind, und kommen aus Virginia im Osten Amerikas. Vor fünf Jahren haben wir dann unter dem Namen JUD offiziell angefangen und sind seitdem recht beschäftigt: viele Aufnahmen, Demos, Shows, einige Touren in den USA, schon drei Touren in Europa - und jetzt kommt unsere dritte CD, "Chasing California", am 2.9. in Europa ‘raus.

JUD

E: Die "Innermission"-E.P. war das erste, was ich von JUD gehört habe, so vor etwa einem Jahr muß das gewesen sein. Die hat mir damals ehrlich gesagt nicht so gut gefallen, und deswegen seit Ihr bei mir auch etwas in Vergessenheit geraten. Als ich jetzt "Chasing California" gehört habe, war ich extrem positiv überrascht und habe Euch fast nicht wiedererkannt. Welcher Sound ist denn nun typischer für JUD?

JUD: Live sind JUD typischerweise laut und aggressiv, aber in einem ruhigen Sinne.

E: Und warum hat sich Euer Sound zwischen den beiden Scheiben so stark verändert?

JUD: Ich glaube, daß "verändern" im Zusammenhang mit Kunst oder Musik kein guter Begriff ist. Konstante "Evolution" ist passender. Für mich ist Musik Kunst, und Kunst ist Kreativität, einzig und original, und nie dasselbe. Manche mögen damit nicht einverstanden sein, aber ich schreibe, was ich fühle, und ich fühle mich nun ‘mal manchmal unterschiedlich - ich hoffe, daß das bei jedem so ist. Ich bin stolz auf "Innermission", als Songschreiber und Künstler. Das Wichtigste ist die Befriedigung, etwas Anderes gemacht zu haben, etwas Interessantes.

E: "Chasing California" ist für mich ein perfektes Album in der Tradition von Bands wie KYUSS, MONSTER MAGNET oder vielleicht auch SOUNDGARDEN. Siehst Du das auch so, oder wie würdest Du über Euren Stil urteilen?

JUD: Das sind großartige, klassische Bands, und natürlich sind sie als Einfluß in meinem Gehirn. Aber ich würde noch die visuelle Inspiration hinzufügen, die mir so mancher cooler Film gegeben hat, und düsterere Künstler, auch aus dem Trance-Bereich, nicht nur gradliniger Rock. Das trifft jedenfalls auf mich zu...

E: Ihr wohnt ja in Venice, CA., was ja zumindest in Europa mit Sachen wie Sonnenschein, Surfen, fröhliches Leben, Hardcore und Funpunk assoziiert wird. Dennoch ist Eure Musik oft sehr düster. Ist mein Westcoast-Bild vielleicht doch nur ein Klischee, oder steht Ihr wirklich in gewisser Weise im Gegensatz zur typischen Westcoast-Szene?

JUD: Das Einzige, was wir mit Surfen zu tun haben, ist, daß Hoss, unser Schlagzeuger, es erst kürzlich ein- oder zweimal versucht hat und sagte, daß es ziemlich schwer sei. Yeah, aber natürlich fahren wir Motorrad und gehen zum Strand, aber wir sind halt nicht die echten Ortsansässigen. Wir sind Rednecks aus Virginia, Südstaaten-Jungs, und wir leben wegen der Clubs und der Chicks in LA.

E: Woher kommt denn die Inspiration für die Musik und die Texte?

JUD

JUD: Vor allem vom Leben. Ich höre mir keine Pop- und Rockmusik an, auch keinen Hardcore. Nicht, daß ich gar keine populäre Musik mag, aber ich höre mehr dunkle, persönlich Sachen. Ich mag zum Beispiel PORTISHEAD und die skandinavischen SIEGMAN, auf die mich ein netter Freund aufmerksam gemacht hat. Von den älteren Sachen BLACK SABBATH, NEIL YOUNG, BOB DYLAN natürlich, LED ZEPPELIN und MILFORD T aus Hannover - ein cooles Mädel, das so ziemlich die besten Sounds macht, die ich je gehört habe.

E: Und was wollt Ihr vor allem mit Eurer Musik ausdrücken?

JUD: Die Würdigung guter Tage, die Anerkennung des Blödsinns, Ironie, Unterdrückung und Einsamkeit.

E: Wenn man Eure Credits liest, dann scheint es für Euch immer etwas ganz Besonderes zu sein, wenn Ihr auf Tour seid; es scheint, als hättet Ihr in dieser Zeit immer viele Freunde gemacht. Ist das so, und was waren Eure besten Erfahrungen on tour?

JUD: Großartigen Leuten vorgestellt zu werden, die anders auf das Leben blicken als die Leute, mit denen ich normalerweise zu tun habe. Ich liebe es, mit meinen Freunden zu tun zu haben und neue kennenzulernen; für mich ist das der endgültige Moment des Glücklichseins. Mit einigen guten Freunden zusammenzusitzen, etwas zu essen oder zu trinken dabei, einfach über nichts reden, ohne Arbeitsdruck - und ohne Getratsche! Ich kann mich an so viele Erfahrungen während dieser letzten drei Touren erinnern, auf denen wir Zeit mit guten Freunden aus Berlin, Kassel, Hannover und Nuenchritz (Anm.: ??? Meint er evtl. München?!) verbracht haben, daß es schwer ist, eine oder zwei hervorzuheben: Aber das beste war wohl, als wir eine kleine Stadt Namens Schmalkalden verlassen haben und überall Eis und Schnee war: Unser Roadie Sol schlief, unser Fahrer fing an, von der Straße zu rutschen und sagte "Oh Scheiße" - in einer ruhigen, aber hilflosen Art - und ich blickte hoch und wir rutschten auf den Straßengraben zu, der bestimmt zwei Meter tief war. Hoss weckte also Sol auf und rief "Sol! Wir bauen einen Unfall!", und dann lagen wir auch schon im Graben. Zum Glück war nichts kaputtgegangen, und Ralf ist dann zum nächsten Bauern getrampt, kam mit so einem kleinen Traktor wieder - sah lustig aus, denn Ralf ist über zwei Meter groß - und hat uns dann mit einer Kette wieder aus dem Graben gezogen. Das war eine interessante Erfahrung, und zum Glück wurde niemand physisch verletzt, nur im Kopf waren wir alle etwas durcheinander.

JUD

E: Seht Ihr Euch eigentlich mehr als eine Studio- oder als ein Live-Band?

JUD: Als Live-Band" Wir lieben es, Konzerte zu geben und hassen das Üben. Aber im Studio sein ist auch cool, nur haben wir fast nie genug Geld, um unsere Platten aufzunehmen, wodurch wir natürlich Streß im Studio bekommen. Aber das Beste ist und bleibt, live zu spielen.

E: Mal abgesehen von Musik, was interessiert Euch sonst noch so? Wie verbringt Ihr Eure Tage, wenn Ihr gerade keine Musik macht?

JUD: Ich arbeite gerne mit Holz, denn mein Vater ist Tischlermeister, und ich versuche Sachen zu machen, die fast so gut sind wie seine, nur bin ich leider nicht ganz so gut. Steve macht Computergrafiken, bastelt an seinem 69er Pontiac Firebird herum und treibt Sport. Hoss mag es, auf meinem Motorrad durch Venice zu kurven, an seinem 72er Dodge Pickup zu arbeiten und Whiskey zu trinken.

E: Könnt Ihr eigentlich von Eurer Musik leben, oder habt Ihr nebenbei noch Jobs?

JUD: Wir wünschten, wir hätten Jobs, aber niemand will uns mehr, denn alle wissen, daß wir eh nach einiger Zeit wieder gehen. Deshalb machen wir nur etwas Gelegenheitsarbeit.

E: Eine kulturelle Frage: Wenn Ihr die USA mit dem Europa, das Ihr kennengelernt habt, vergleicht - welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten könnt Ihr feststellen?

JUD: Ich bin der Meinung, daß die Amerikaner ein bißchen naiv sind. Sie wissen zwar viel über Information, aber sie verstehen es nicht so gut wie die Europäer, Spaß am Tag zu haben. Durch das Fernsehen sieht es so aus, als wäre jeder in Amerika glücklich, aber die meisten Leute, die arbeiten, hassen ihre Jobs. Sie arbeiten und schlafen und arbeiten und schlafen und arbeiten... und meinen, ewig leben zu können, wenn sie fettfreies Essen zu sich nehmen und Hähnchen und nicht rauchen und nicht trinken und keinen Kaffee trinken. Nur, um alt und furchtbar zu werden? Das ist meine Meinung zu den Amerikanern!

E: Wenn Ihr Euch so die Welt anschaut, welchen Rat würdet Ihr ihr gerne geben? Was denkt Ihr über die gegenwärtige Situation der Menschheit?

JUD: Eine gute Frage für mich! Ich mag es nicht, wenn Leute sagen, daß die Welt heute so beschissen ist und daß wir wieder zu den guten alten Zeiten zurückkehren müßten. Weißt Du was das für Zeiten waren? Keine Frage, im Vergleich zur Vergangenheit ist es heute viel besser, die Leute sind bewußter für Dinge wie Rassismus, Glück und das Bedürfnis nach Gleichheit und Frieden. Wenn die Medien ein kleines Erdbeben oder eine Schießerei zeigen, dann sieht gleich die ganze Welt aus wie Armageddon. Ich sage: Werft einen Blick in die Geschichtsbücher und vergleicht! Die Amerikaner sagen, daß die 50er toll waren, aber das ist Mist. Es gab damals so viele Vorurteile. Und wir mußten erst den 2. Weltkrieg durchmachen, um alle von ihren Ärschen hochzukriegen und etwas zu tun. Wie auch immer, ich meine, man muß ein Beispiel dafür sein, daß man versteht, daß das Schlechte existiert und existieren muß, um eine Basis für das Gute zu bilden. Sonst könnte man unser Glück überhaupt nicht bewerten. Es ist besser zu versuchen, die unerfreulichen Dinge, die geschehen, zu verstehen und akzeptieren (und wenn möglich zu versuchen, sie zu verhindern), als sie mit Haß und kindischen Urteilen zu bekämpfen.

E: Gibt es noch irgend etwas Spezielles, daß Ihr unseren Lesern gerne mitteilen würdet?

JUD: Wenn Ihr über JUD und deren Mitglieder lest, dann wißt, daß es ein langer, langer Weg war, auf unser heutiges Level zu kommen, auch wenn das noch nicht viel ist und wir hoffen, noch weiter zu kommen. Aber wir haben versucht, unsere Musik einzigartig und durch das Leben inspiriert zu erhalten, anstatt uns am Pop oder am Geschäft oder an der Mode zu orientieren. Ich kann nur hoffen, daß die Fans das gutheißen und wissen, daß wir für sie da sein wollen, um Spaß zu haben, verrückte Shows zu spielen und unsere Tage zu genießen...

Soviel aus dem sonnigen Kalifornien, während hier langsam der Herbst einbricht... Ganz liebe Grüße an Marita von Vielklang! 2xR

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