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| Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde |
| Keine Ahnung |
"Keine Ahnung", ein Name, der sicherlich bei einigen Leuten die Stirn in Falten legt und zu hartnäckigen Grübelorgien führt. Woher kenn’ ich diesen Namen nur??
Erinnern wir uns - 1983, Skinny Puppy wurden geboren, Bauhaus aufgelöst. Genau in jenem Jahr veröffentlicht die Mannheimer Band "Keine Ahnung" ihre gleichnahmige Debüt-LP. Die darauf enthaltenen Songs "Plastik" und "Sentimentale Jugend" geisterten fortan durch die Szene, sowohl hierzulande, als auch in internationalen gefilden (Paris, London, Barcelona, Warschau, Stockholm und San Francisco). Kurzum, die Stücke entwickelten sich zu Hits, und auch heute, 13 Jahre später, sorgen sie für volle Tanzflächen. Vor wenigen Monaten wurde nun jene legedäre LP auf Silberlingsformat wiederveröffentlicht ("Rekonstriktion", Come Back Records/Discordia), jedoch wurden die songs neu eingespielt, da die Masterbänder unbrauchbar waren. Desweiteren befinden sich auf der CD sieben Stücke aus den Jahren 1993 - 1995 (u.a. Neuversion der zwei Kultsongs), sowie der minimal arrangierte, aber doch beklemmend wirkende Track "Falsche Zeit - Falscher Ort" (unreleased) aus dem Jahre 1985. Die Musik der Band in eine Schublade zu stecken ist lobenswerterweise ein kaum realisierbares Unterfangen, seit jeher versteht es die Band, stilistisches Umherschweifen (Ambient, Minimal, Wave, Techno, Industrial,...,) gekonnt umzusetzen, von daher trifft die im Info verwendete Beschreibung "Experimenteller Techno-Pop" die Sache ganz gut. "Keine Ahnung" - eine Band, die damals wie heute in Punkto Aktualität und Kreativität zu glänzen weiß. Mehr über die Soundtüftler erfahrt Ihr im folgenden Interview mit Rolf Schmuck und Rino Galiano...
Entry: Ein kleiner Blick in Eure Bandgeschichte...
Keine Ahnung: "1981 gegründet, etliche Konzerte, 1983 1. LP, 1984 Vertrag mit Cherry Red Records, 1985 2. LP, 1988 3. LP (die letzten beiden unveröffentlicht). 1989 - 91 Performances mit vorbereiteten Soundtracks, 1992 INDUKTOR ZERO-Machine Sex LP/CD (R. Schmuck, N. Wendel, W. Barth, M. Thomé). 1995 neue feste Mitglieder; vorbereitung zu ‘rekonstriktion’."
E.: Wer gehört heute zur Band?
Keine Ahnung: "Rolf Schmuck, Rino Galiano, Mike Ehwald und Norbert Wendel. Hermann Kopp als Texteschreiber, der allerdings in Barcelona wohnt (Ebenso als Textautor wirkt Franz H. Rodenkirchen [Helsinki] mit).
E.: Warum habt Ihr damals aufgehört?
Keine Ahnung: "Haben wir eigentlich nicht. Die 83er Besetzung entwickelte sich jedoch musikalisch (und dann auch räumlich) immer weiter auseinander."
E.: Was habt Ihr während der Jahre so gemacht?
Keine Ahnung: "Zu viel und zu persönlich zum Aufzählen. Zusammenfassend gesagt: Die Lücken geschlossen, die uns damals am kontinuierlichen Weitermachen gehindert haben."
E.: Wie entstand die Idee zu "rekonstriktion"?
Keine Ahnung: "Die LP hatte nur eine kleine Auflage von 1050 Stück und die Fangemeinde riß sich darum, noch eine davon zu ergattern. Teilweise wurden bis zu 150 Mark für ein Exemplar gezahlt. Es kamen immer mehr Fans hinzu, also war eine aktualisierte Neuauflage mehr als überfällig."
E.: Welche musikalischen und nicht-musikalischen Einflüsse hattet Ihr damals?
Rolf Schmuck: "Damals? 1983? Da in der Band immer recht unterschiedliche Positionen vereinigt waren und wir aus dem etwas Neues machen wollten, versuchten wir uns von Vorbildern möglichst frei zu halten. Wesentlicher waren nicht-musikalische Einflüsse: Filme von Bunuel & Jarman, Schriftsteller wie Camus, Burroughs, Beckett, Breton, Genet und Kafka. Kunstrichtungen die DADA, PopArt und Konstruktivismus, an Künstlern Joseph Beuys. Ebenso Nachrichtensendungen, die europäische Geschichte von 1910 bis 1940 und das ‘everyday living’. Musikalisch interissiert hat uns Industrial (Throbbing Gristle, SRL, NON, Z’EV & SPK), afrikanische und balineseische Musik, sogenannte Neue Musik (Varèse, Stockhausen [nur die Elektronik]), Can, Popsongs aller Art und Aspekte von unterschiedlichen Dingen, angefangen bei Chansons, Easy Listening, Schlager der 50iger über Soundtracks zu Alltagsgeräuschen."
E.: Was haltet Ihr von der heutigen Musik? Gibt es Bands, die Ihr mögt?
Rolf Schmuck: "Die heutige Musik ist für mich immer interessanter als die vergangene. Bands zu benennen ist schwierig; ich höre derzeit fast gar keine Musik. Wenn ich mich schon festlegen soll, dann: afrikanische Musik (ein weites Feld), Dub, John Cage, Luigi Nono und Steve Reich. Ansonsten: Mark Stewart, Ministry, Painkiller, Bootsys Rubber Band, Laurie Anderson und die vielfältigen Aktivitäte von Bill Laswell."
Rino Galiano: "Die heutige Musik wirkt auf mich inspirierend. Sie wird immer experimenteller und somit vielseitiger. Wenn ich schon Namen nennen soll, dann diese sehr persönliche Auswahl. Dee Litel, KLF und Björk."
E.: Wie seid Ihr zu Eurem außergewöhnlichen Bandnamen gekommen?
Rolf Schmuck: "Die Standard-Anekdote: Vor KEINE AHNUNG haben wir uns für jedes Konzert anders genannt. Franz fragte mich, wie wir uns für das nächste Konzert nennen sollen... Da dieser Name für recht viele Kontroversen sorgte, beschlossen wir, ihn beizubehalten (Mit der Idee, so populär zu werden, daß dieser schreckliche Ausdruck aus der deutschen Sprache verschwindet).
E.: "Plastik" und "Sentimentale Jugend" sind ja auf eine Art Kultsongs geworden, was für ein Gefühl habt Ihr dabei?
Rolf Schmuck: "Gar keins. Mich persönlich freut das für ‘Sentimentale Jugend’ mehr, weil es ein extrem reduziertes, direktes Stück ist und sehr schnell geschrieben und aufgenommen wurde. ‘Plastik’ klingt natürlich nach Kraftwerk und hatte mit unserem Liveprogramm überhaupt nichts zu tun. Wir wollten einen kommerziellen, sehr simplen Song machen, und gefallen hat mir daran, daß sowohl die Szene, als auch Kids oder Hausfrauen den Song mochten."
E.: Könnt Ihr einmal auf die textlichen Inhalte dieser Songs eingehen?
Rolf Schmuck: "‘Plastik’ sollte einerseits tough, andererseits ironisch sein. Der Rap ist in einem Satz herunterschrieben. Wir wollten positionen darstellen und nicht bewerten. Der Text wurde unterschiedlichst interpretiert und ich möchte das auch weitehin so belassen." ‘Sentimentale Jugend’: Wenn es da eine Maxi gegeben hätte, wäre vornedrauf ein Foto von Sophie Scholl gekommen. Der Text entsprang der Wut darüber, wie frustrierte alte Säcke die Jungend vom Neuentdecken der Welt abhalten und sie in ein Regelwerk pressen, das so nicht sein muß. Ein Abgesang an alle totalitären Herrscher im Kleinen und im Großen und ihre Methoden, Macht auszuüben."
E.: Und welche Themen greift Ihr sonst noch auf?
Rolf Schmuck: "Die theoretische Physik, in Alltagssprache übersetzt (‘Il Demonia di Laplace’), das Thema des Reisenden (was ‘Voyager’ meint, nicht die gleichnamige Raumsonde), aktuelle Nachrichten (‘Beirut’, 1983, Unobomber 1996, ‘Bosnien’ 1991). Meist hat Hermann die Ideen, aber der ist nicht hier. Uninteressant für uns ist der direkte Ausdruck von Gefühlen."
E.: Was verbindet Ihr mit dem Begriff "zeitlose Musik"?
Rolf Schmuck: "Musik ist wie wohl alle Kunst ein Ausdruck der jeweiligen Zeit. Wenn man diesen Aspekt ignoriert, hängt man bezuglos im leeren Raum. Aber ich denke, daß man das überhaupt nicht kann; es kommt dann allenfalls rüber, daß einer sich in seiner Zeit nicht zurechtfindet und gerne woanders wäre. ‘Zitlos’ kann es eigentlich nicht geben. Gemeint ist damit wohl, daß man etwas nach Jahren imer noch hören kann und es einen nicht gleich an all die unangenehmen Dinge von damals erinnert. Man hört etwas immer wieder neu, auch wenn es nicht so auffällt."
Rino Galiano: "Ich glaube nicht an zeitlose Musik. Es gibt Musik, die man jahrelang hören kann, egal wie alt sie ist - aber das ist nicht dasselbe."
E.: Welche Vor- und Nachteile seht Ihr im heutigen High-Tech Zeitalter?
Rolf Schmuci: "Wir haben ja für uns den Begriff ‘low tech terror’, was bedeutet, daß wir an die richtige HighTech gar nicht rankommen, aber mit den verfügbaren Mitteln ganz brauchbare Ergebnisse erzielen können. Computer sind natürlich klasse, wenn man sie nicht überschätzt (oder nur Spiele darauf laufen läßt). Für uns nur Vorteile, wir können von unseren Aufnahmen & Daten einzelne Cds machen, was die Sache einfacher und eleganter macht. Das InterNet begrüße ich auch sehr, obowhl es sicherlich überbewertet wird. Aber zieht man den ganzen Hype ab, bleibt noch eine ganze sehr nütztliche Menge. Musikalisch könnte man vielleicht beklagen, daß durch die billigen Produktionsmethoden viel Schrott auf den Markt kommt, aber das finde ich eigentlich gar nicht schlecht, denn so kann sich etwas entwickeln, was anders gar keine Chance gehabt hätte, und ich bin immer eher an Vielfalt interessiert. Sicherlich ist unreflektierte Technikeuphorie genau so falsch wie Technikfeindlichekeit, man muß da das rechte Maß finden. Wir befinden uns in einem Umbruch durch die Technik und ich halte das für eine spannende Phase."
E.: Stichwort: analoge Synthesizer...
Rolf Schmuci: "Haben wir auch noch welche und benutzen sie auch. Ein Werkzeug wie digitale Synthese oder Sprache. Mit dem Einen kann man Dinge tun, die mit dem Anderen nicht gehen und umgekehrt."
E.: Wie geht es nun weiter mit KEIER AHNUNG? Plant Ihr ein neues Album?
Rolf Schmuck: "Ein neues Album ist in Arbeit, wie lange es dauert, kann ich noch nicht sagen. Ebenso geplant sind Liveauftritte, da wir dabei bestimmte Sachen planen (hauptsächlich Visuelles) kann das ebenfalls noch dauern. Wir machen auf jeden Fall weiter und haben nicht die Absicht, so schnell wieder aufzuhören."
E.: Last words are yours...
Keine Ahnung: "Besucht unsere Internetseite: http: \\members.aol.com\k ahung\kaonline.htm
Vielen Dank für das Interview und die Idektor Zero-CD (sounds great!). Ich wünsche Euch alles Gute für die Zukunft, good luck!
AX
P.S.: Interessierte wenden sich an Come Back Records, Tel.: 0621/1220044, Fax: 0621/28238