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| Liquido |
Von null auf hundert in 5,8 Sekunden
Die süddeutsche Band Liquido dürfte derzeit wohl in allen Wolken schweben, nicht nur, daß Wolle (Drums), Stefan (Bass), Tim (Vocals, Guitar) und Wolfgang (Vocals, Guitar, Keys, Piano) mit Ihrer Debütsingle ‘Narcotic’ gleich bei einem Major-Label untergekommen sind. Nein, sie schafften es, noch bevor die Scheibe so richtig bekannt wurde, in die Heavy-Rotation diverser Radiostationen zu gelangen. Als ich das folgende Interview Ende September mit dem sympathischen Sänger Wolfgang führte, war es für ihn der größte Traum in die Top 100 Single-Charts einzusteigen, nur zwei Wochen später gelang ihnen das Kunststück. Mittlerweile schreiben wir Ende November, ‘Narcotic’ steht auf Platz 13 und klopft heftigst an der Tür zur Top 10.
Entry: Wie hat sich LIQUIDO eigentlich zusammengefunden?
Wolfgang: LIQUIDO gibt es seit 1996, es hat seinerzeit damit begonnen, daß der Tim und ich auf dem Balkon meiner Eltern ein Kaffeekränzchen veranstaltet haben und uns entschlossen, eine Band zu gründen. Das war mehr so eine Laune, ohne großes Zielvorhaben. Kurz darauf haben wir Wolle gefragt, ob er nicht einsteigen wollte, was er auch tat. Damit brauchten wir noch einen Bassisten und kamen so auf Stefan, obwohl er zu der Zeit noch gar nicht Baß gespielt hat, sondern Schlagzeuger war. Dann haben wir in unregelmäßigen Abständen geprobt und als wir vier ganz ansprechende Songs zusammen hatten, bekamen wir durch einen Freund die Möglichkeit, diese sehr günstig aufzunehmen.
Entry: War da ‘Narcotic’ schon dabei?
Wolfgang: Ja, das war schon mit dabei und viele Freunde haben gesagt, hey das Demo ist doch echt gut, bringt es doch auf CD raus. Gesagt, getan, auf die CD kam dann noch ein weiteres Stück und diese haben wir dann an verschiedene Agenturen, Labels und an die Presse verschickt. Daraufhin hat sich eigentlich nicht so wahnsinnig viel getan, allerdings hat das Vision-Magazin uns als unexplored Band mit auf eine ihrer CD’s genommen. Kurz darauf hat sich die Promotionagentur Brainstorm bei uns gemeldet, die zeigten Interesse und wollten etwas für uns tun. Danach lief eigentlich alles über sie, auch der Kontakt zu Virgin wurde von Brainstorm hergestellt.
Entry: Also war es eher ein Zufall, daß Ihr schließlich bei einem Major gelandet seid?
Wolfgang: Ja, absolut. Kurz nachdem wir die Demos verschickt hatten, hieß es, daß ein französisches Indielabel daran interessiert wäre. Und schon damals habe ich mich tierisch gefreut und darauf sogar ein Glas Sekt getrunken. Das mit Virgin ist natürlich noch viel größer. Obwohl, es irgendwie auch alles sehr abstrakt und kurios war, da nichts über uns persönlich lief. Wir bekamen halt gelegentlich Nachricht von Brainstorm, daß sie am verhandeln wären, haben uns aber keine so großen Hoffnungen gemacht.
Entry: Und seid Ihr bis jetzt mit der Arbeit von Virgin zufrieden?
Wolfgang: Deren Arbeit ist wirklich absolut super. Man hat ja immer diese Ängste als No Name Band zu einem Major zu gehen. Man hat halt immer die Angst, daß Versprechungen, die mündlich gemacht werden, dann doch nicht eingehalten werden. Aber bisher haben Virgin alles nur erdenkliche für uns getan und auch musikalisch haben wir alle Freiheiten, die wir uns erhofft haben. Der Erfolg, der sich bis jetzt eingestellt hat, geht dabei voll und ganz auf die Kappe von Virgin. Wir haben unsere Arbeit getan, als wir die Single aufgenommen haben und seitdem arbeitet Virgin und das wirklich unermüdlich. Mittlerweile haben sie uns auch die Option auf eine Platte gemacht, was anfangs noch nicht klar war.
Entry: Ich denke, ‘Narcotic’ dürfte recht erfolgreich werden.
Wolfgang: Ich hoffe es auch.
Entry: Bei uns im Radio läuft es mittlerweile rauf und runter.
Wolfgang (begeistert): Hey geil!
Entry: Und auch in meinem Bekanntenkreis wurde es sehr positiv aufgenommen.
Wolfgang (noch begeisterter): Hey super!
Entry: Es ist ja oft so, daß junge Bands mit ihrem ersten Stück einen relativ großen Hit landen können und danach wieder in der Versenkung verschwinden.
Wolfgang: Das stimmt, aber damit will man natürlich nicht rechnen.
Entry: Würdet Ihr musikalisch trotzdem so weitermachen, oder würdet Ihr für den Erfolg Kompromisse eingehen?
Wolfgang: Auf jeden Fall würden wir unseren Stil beibehalten. Es wäre dann nur fraglich, ob wir weiter bei einem Major veröffentlichen dürften. Aber Du hast schon Recht, daß es in den Charts so einige One-Hit Wonders gibt. Von daher wäre es mir z.B. an Stelle von den GUANO APES ein wenig unheimlich, sofort einen solchen Erfolg zu haben. Ehrlich gesagt möchte ich einen solchen Erfolg gar nicht haben, der ist ja kaum noch zu toppen.
Entry: Man wird halt immer daran gemessen. Das sieht man ja auch bei Joachim Witt, der es mit ‘Die Flut’ nun endlich wieder geschafft hat.
Wolfgang: Genau, und das nach 16 Jahren. Von daher wäre ich schon mit Platz 99 in den Charts zufrieden. Das wäre das I-Tüpfelchen für uns, aber sicher nicht Platz 5 oder so. Das ist wirklich etwas, wobei ich Bedenken hätte, daß uns jetzt der große Wurf gelingt und wir das nicht mehr toppen könnten. Allerdings sind wir selbstbewußt genug, zu sagen, daß wir genügend Potential haben, um gute neue Songs zu schreiben.
Entry: Wo Du selbst auf Eure Musik zu sprechen kommst. Eure Synthies erinnern ein wenig an die Pop-Wave Bands der 80er Jahre. Habt Ihr Vorbilder in dieser Richtung?
Wolfgang: Nein, nicht wirklich, allerdings orientieren wir uns beim Songwriting schon an diesen kompakten Popsongs, die in den 70ern und 80ern geschrieben wurden. Diese eingängigen Melodien, die sich ins Ohr fressen und Dich nicht mehr loslassen.
Entry: Was gab es bei Euch zuerst, Synthies oder E-Gitarre?
Wolfgang: Also, wir haben zuerst in einer ganz normalen Rockbesetzung gespielt, noch ohne Keyboard. Dann habe ich irgendwann mal das Keyboard mitgebracht, welches ich damals schon gut zwei Jahre besaß. Allerdings hatten wir nicht das Ziel, damit eine Synthie-Pop Band zu werden, sondern wollten einfach mal ausprobieren, wie es sich zu den E-Gitarren anhört. Ich habe dann auf dem Keyboard die Melodie zu ‘Narcotic’ gespielt und konnte mir diese fetten Gitarren ganz gut dazu vorstellen. Also brachte ich das Keyboard zu einer Probe mit, habe die Melodie vorgespielt und bin ausgelacht worden. Gemacht haben wir den Song dann trotzdem.
Entry: Wird man das Keyboard bei Euch auch in Zukunft wiederfinden?
Wolfgang: Ja, natürlich. Wie dominant es im Endeffekt sein wird, wird sich zeigen. Allerdings wird es sicher auch Songs geben, die ganz ohne Keyboard auskommen werden. Wir möchten nicht unbedingt jeden Song damit zukleistern.
Entry: Was möchtest Du mit ‘Narcotic’ sagen?
Wolfgang: Bei dem Text handelt es sich um die Verarbeitung des Endes einer Beziehung. Ich denke, das kann man heraushören, obwohl ich sehr viel in Bildern gesprochen habe. Ich möchte gar nicht jedem auf die Nase binden, wie es mir damals ging, oder was für Gefühle ich mit der Zeit damals verbinde. Das Lied ist eine Bestandsaufnahme, ein Gefühl dieser Nacht, als ich den Text geschrieben habe.
Entry: Wie seid Ihr eigentlich auf den Namen LIQUIDO gekommen?
Wolfgang: Das ist eine gute Frage.
Entry: Ihr paddelt nicht stundenlang in irgendwelchen Pools herum?
Wolfgang: Nein, wir wären halt alle ganz gerne liquide. Quatsch, also eigentlich dachten wir, wir hätten ein gelungenes Wortspiel aus Libido und Liquid gebildet. Was wir nicht wußten, war, daß es das Wort Liquido bereits im Spanischen gibt. Es bedeutet dort einfach Flüssigkeit oder flüssig.
Entry: Wozu das CD-Cover dann auch ganz gut paßt.
Wolfgang: Ja klar, man assoziiert auch im Deutschen das Wort Liquido mit Flüssigkeit, selbst ohne zu wissen, daß es das Wort im Spanischen wirklich gibt. Aber, wie gesagt, geplant war es als Wortspiel zwischen Libido und Liquid, allerdings ohne großen Hintergrund. Wir fanden es schön und dachten, wir hätten ein tolles Wort geschaffen. (lacht) Das war dann nicht so.
Entry: Letztens habe ich das Video zu ‘Narcotic’ gesehen. Da erscheint Ihr irgendwie als die lieben Jungs von nebenan. Ist das ein Image, das Ihr repräsentieren möchtet?
Wolfgang: Nun, das Video geht nur bedingt auf unsere Kappe. Zwar konnten wir selbst bestimmen, wie wir auftreten, doch es war schon interessant, wie die Leute von der Videofirma ein Lied, das ich geschrieben habe, umgesetzt haben. Aber die lieben Jungs von nebenan?
Entry: Paßt auch nicht ganz zur Musik, da müßtet Ihr die Gitarren wohl ganz weglassen.
Wolfgang (lacht): Ja, stimmt. Aber ich finde das witzig, wie wir so dastehen, so ganz hilflos und verloren. Okay, wir geben mit diesem Video unsere erste Visitenkarte ab. Die Leute sehen uns das erste Mal und denken sich vielleicht, was sind das für Vögel, tragen da so komische Pullunder. So erregen wir zumindest schon einmal Aufmerksamkeit und mittlerweile ist es zu unserem Bühnenoutfit geworden, diese Pullunder, die vom Speicher meines Vaters stammen.
Entry: Also doch die lieben Jungs von nebenan?
Wolfgang (lacht): Also ich ziehe ab und zu einen Pullunder an und bin eigentlich nicht der liebe Junge von nebenan. Wir sind allerdings auch nicht diese Rock’n’Roll Stars, die irgendwelche Zimmer kaputtschlagen, das sind wir auf keinen Fall und werden wir auch hoffentlich nie werden. Trotzdem hatte ich nie vor, ein bestimmtes Image zu haben (lacht) und ganz bestimmt nicht als Junge von nebenan.
Entry: Wahrscheinlich macht Ihr das nur, um die Mütter der Teenies zu beruhigen?
Wolfgang: Ja genau, laßt die Kinder das mal hören ...
Entry: Steht schon fest, wann die CD rauskommt?
Wolfgang: Ins Studio gehen wir ab dem 21. Oktober und ganz fertig inklusive Mischen und Mastering wird es wohl erst kurz vor Weihnachten. Wenn wir realistisch sind, wird es wohl frühestens Ende Januar erhältlich sein.
An dieser Stelle vielen Dank an Wolfgang für das nette Gespräch, von dem hier aus Platzgründen leider nur ein Teil abgedruckt werden konnte.
Thorsten Kübler