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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

London After Midnight

 

London After Midnight

Nachdem London After Midnight seit mehreren Jahren erfolgreich durch die USA getourt sind, hatte das deutsche Publikum nun, dank des Zillo-Festivals und Diva Performance, endlich die Chance, diese Ausnahme Gothic-Band auf deutschen Bühnen erleben zu dürfen! Wir nutzten diese Gelegenheit, uns mit Sean Brennan (Voice), Douglas Avery (Drums), William Skye (Gitarre) und Michael Areklett (Bass) in der Zeche Carl zu unterhalten. Leider war Tamlyn (Keyboards), das 5. Mitglied der Band, auf dieser Tour nicht dabei. Jedoch wurde aus den vermeintlich kühlem Interview eine lustige Runde und die Erkenntnisse, die wir aus diesem Gespräch gewonnen hatten, könnt Ihr hier nachlesen...

 

Entry: Bezeichnet Ihr Euch als Gothicband?

Sean: "Wenn Gothic bedeutet, die Sisters, Siouxsie usw. nachzuspielen, dann nicht. Was für einen Sinn macht es, die gleichen Sachen immer wieder nachzuspielen? Das wäre dann Stagnation. Also wenn das heutzutage Gothic ist, dann sind wir es nicht. Als ich ursprünglich zum Gothic kam, gab es keine Grenzen, es war absolut offen und man konnte machen, was immer man wollte. Gothic, Industrial... egal was. Und diese Bedeutung hatte es für mich. Es war eine sehr künstlerische und offene musikalische Ausdrucksweise. Zur Zeit ist es alles verdreht. Es wird vorgegeben, was es bedeutet, wie man aussehen soll und wie man sich anhören muß, um als Gothic zu gelten. Wir haben keinen Bock auf so ‘ne Scheiße, da können wir auch gleich ‘ne Countryband sein."

Entry. Würdest Du dem Gedanken zustimmen, daß Ihr den ursprünglichen Gothicgedanken weiterführt?

Douglas: "Vielleicht tun wir das - wie alle die Gothic hören - aber das ist nicht der Punkt"

Sean: "Es ist nicht so, daß wir unbedingt versuchen, Gothic zu sein, oder etwas weiterzuführen. Es ist halt - wie ich sagte - daß ich diesen ursprünglichen Gothic-Gedanken liebe, so wie es angefangen hat, als ich Bands wie Siouxsie gehört habe. Diese Bands waren einfach absolut einzigartig und paßten in überhaupt keine Kategorie. Für mich war dieser Stil oder diese Musik immer grenzenlos. Vielleicht führen wir den Geist in diesem Sinne weiter, denn wir versuche, so ursprünglich zu sein, wie es nur geht."

E.: Wie ist die Gothicszene in den USA?

Douglas: "Ich glaube, sie ist anders als bei euch. Letztens waren wir in L.A. im ‘Alice’ und dort kam tatsächlich ‘Bela Lugosi’s dead’ und wir dachten uns ‘Hey, wann haben wir das zum letzten mal gehört?’. Es war verrückt. Mittlerweile sind die Goths alle in der Techno und Industrialszene, oder hören andere Indiesachen."

E.: O.k., Themenwechsel und mal was obligatorisches - Bandgeschichte...!

Sean: "Unser erstes Konzert war 1990. Wir hatten ein paar Umbesetzungen, aber unsere Besetzung ist nun sei 4 Jahren konstant."

E. Uns hat es sehr erstaunt, daß Ihr über 14.000 Tapes verkauft habt, und daß obwohl die Szene in den USA recht klein ist und Ihr keinen Plattenvertrag hattet. Wie erklärt Ihr Euch das? Habt Ihr viele Gigs gegeben?

b: "Nein, aber die Zahl bezieht sich ja auch auf eine Zeitspanne von 5 Jahren. Wir waren auch im ‘Propaganda Magazin’, dem größten Gothicmagazin in den Staaten und hatten auch so sehr viel Presse (Fernsehen, Radio, Magazine und Interviews). Eigentlich haben wir mit den Merchandiseständen usw. viel mehr verkauft und auch die CD wird gut verkauft. Die USA sind aber auch riesig."

E.: Ihr habt in Europa auch fast schon einen Kultstatus. Habt Ihr keine Angst, ausverkauft zu werden? Heute hattet Ihr z.B. ein Interview mit 1 Live, habt Ihr keine Angst mit sowas Euren Kultstatus zu zerstören?

London After Midnight: "Fahrvergnügen" (nachdem wir etwas auf Deutsch sagten!)

E: Das scheint wirklich das einzige Wort zu sein, was wirklich jeder Ami kennt! (Anm.: aus einer US-amerikanischen VW-Werbung)

London After Midnight: "Hey, wir haben uns wirklich Gedanken gemacht, was das heißen könnte..." (nach unserer Erklärung): "Wie war die Frage?"

E.: Euer Status, bla bla... Heute hattet Ihr z.B. ein Interview mit einer völlig gewöhnlichen Radiostation. Habt Ihr keine Angst vorm Ausverkauf?

Sean: "Also wir wissen wirklich nicht, was wir machen, wer uns interviewt usw. Wir wissen gar nicht, wer die alle sind. Selbst, wenn wir verdammt viele Tapes verkauft haben, so haben wir immer noch Verbindungen zum Underground, zu unserem Publikum, was viele Bands einfach nicht machen, z.B. über den Gashlygrumb (Newsletter von LAM). Ich glaube, das ist eine wichtige Sache. Wenn ich ein Fan von einer Band wäre, hätte ich auch lieber Informationen direkt von der Band, als von ihrem Label."

Um mal ein Beispiel zu geben, auch wenn ich es immer wiederhole: auf dem letzten Siouxsie-Album sind ein paar echt phantastische Songs drauf, selbst wenn es jetzt eine Riesenband ist. Und viele Goths stimmen jetzt an, daß sie ausverkauft wurden, und daß das für sie kein Goth mehr ist - aber warum nicht? Sie sind immer noch eine klasse Band. Sie haben heute genauso viele schlechte Lieder wie damals auch, aber eben auch genauso viel Gute. Es ist halt eine Einstellungssache, wie man sich einer Band nähert und es hat nichts mit Styling zu tun, oder daß sie vor großem Publikum spielt. Aber nur weil eine Band sehr beliebt wird, heißt das noch lange nicht, daß sie ausverkauft wird. Die Gothic-Szene ist so verdreht und verrückt, sie ist in Bezug auf ihre Musik sehr beschützend, und wenn mehr Leute anfangen, solche Musik zu hören, wird sie sehr böse. Diese Art zu denken ist so zerstörerisch. Es hämmt einen doch. Immer dieses ‘wenn Gothic im Radio läuft, wenn sie groß rauskommen...’ Goths sollten sich doch freuen, daß ihr Stil die Aufmerksamkeit zuteil wird, die es verdient. Wenn Goth versteckt wird, wird er nur stagnieren und er kann keine neue, gute Band mehr hervorbringen. Leute, die sich darüber aufregen, daß wir mit Radioleuten sprechen, sind für mich keine Goths, weil sie so engstirnig sind, als wären sie ein Redneck (Anm.: Bezeichnung für die als rechts-konservativ bekannten Südstaatler) oder KKK-Miglied. Oder einfach irgendein Idiot, der den Arsch nicht hochkriegt, weil er von Stereotypen besetzt ist."

E: Wo Du gerade von KKK sprichst, ist die Gothic-Szene in den Staaten in irgendeiner Hinsicht politisch?

Douglas: "Viele engagieren sich im Tierschutzbereich"

Sean: "Auf der anderen Seite kenne ich nur zwei Bands, die sich für den Tierschutz stark machen: Einmal Skinny Puppy und dann wir. Es gibt sogar Leute, die uns angegriffen haben, weil wir eine klare Meinung zum Tierschutz haben. Wahrscheinlich wollten sie nur Aufmerksamkeit haben, da fällt mir nur ‘Fuck you’ ein, so fühle ich eben. Irgendwie ist die Gothic-Szene Anti-Alles. Goth ist so... richtig dumm. Die Goth-Szene ist - tut mir leid - einfach dumm in den Staaten."

London After Midnight

William: "Ich glaube die europäische Goth-Szene ist völlig anders."

Sean: "Ja, in den Staaten ist es viel mehr auf Techno ausgerichtet"

E.: Aber hier in Europa ist es eigentlich auch so, daß immer mehr Leute sich für elektronische Musik interessieren.

William: "Warum sollte man auch nur an einem Stil festkleben?"

William: "Ich finde die US-Leute sind alle auf diesem Rozz Williams-Ding festgeklebt."

E: Hier teilt sich die Szene eher in Gothic und Electro. Und bei Euch?

Sean: "Nein, die Goths und die Industrialleute sind so ziemlich die gleichen Leute. Die Goths sind eigentlich immer total jung und wenn sie aufwachsen, hören sie Industrial und Techno. Es ist echt verrückt. Aber ich finde es großartig, wenn Leute einen offenen Musikgeschmack haben, ich hasse diese Trennung, daß man entweder Gothic oder Industrial mag. Warum nicht beides?"

E.: Könnt Ihr von der Musik leben?

Sean: "Wir leben relativ von der Band. Ich meine wir leben auch praktisch im Studio. Eigentlich schreiben wir immer Lieder. Außerdem, guck mal wie dünn wir sind. Eigentlich essen wir auch gar nicht."

E: Tiere könnt Ihr jedenfalls auf keinen Fall essen...

Sean: "Nee!"

E.: Warum habt Ihr angefangen, Musik zu machen?

Sean: "Es ist einfach natürlich. Jeder in der Band ist in irgendeiner Art ein Künstler. Also abgesehen von der Musik, die für uns alle das kraftvollste überhaupt ist. Wir machen alle noch etwas anderes nebenbei."

William: "Wir haben alle ziemlich jung angefangen. Ich habe z.B. mit 8 Jahren angefangen, Klavier zu spielen."

Sean: "Wir machen zwar alle etwas, wie z.B. Malen, aber Musik war das Wichtigste überhaupt. So ist es nur natürlich, daß wir angefangen haben, zusammen Musik zu machen. Es ist die einfachste und befriedrigenste Art, sich auszudrücken."

E.: Was wollt Ihr mit Euren Songs ausdrücken?

Sean. "Du mußt nach einem speziellen Stück fragen, unsere Lieder sind alle sehr unterschiedlich."

E.: Dann erzählt doch mal was zu "Sacrifice", wir glauben, das ist der Lieblingssong von vielen Leuten.

Sean: "Es ist ein Lied über unerwiderte, unglückliche Liebe. Es ist ein tragisches Liebeslied. Es wird niemals funktionieren und... eigentlich ist es wirklich ein simples Liebeslied."

E: Wie entsteht Eure Musik?

Douglas: "Die meisten Ideen gehen auf Sean zurück. Er hat von Anfang an mitgemacht, all die ganzen Jahre. Jetzt, nachdem die Band einige Jahre zusammen ist, hat sich alles etwas gleichmäßig verteilt, so daß jeder mal mit ‘ner Idee ankommt..."

Sean: "...oder was eigenes schreibt. Wie die Musik genau entsteht, ist schwer zu sagen. letzte Nacht bin ich z.B. aufgewacht und hatte ein Lied im Kopf."

E.: Wir haben gehört, es gibt einen Fluch, der auf London After Midnight liegt. Seid Ihr verdammt?

Douglas: "Oh ja, aber ich würde nicht direkt ‘verdammt’ sagen, es ist wie ein kleiner Fluch."

Sean: "Es passiert immer etwas verrücktes, wenn London After Midnight etwas unternehmen. Da ist irgendeine Kraft, die es uns so schwer macht, wie es nur eben geht. Vor ein paar Tagen haben wir z.B. in Leipzig gespielt, und alles was nur schiefgehen konnte, ging auch schief. Aber wir haben das Konzert trotzdem gegeben und es war klasse. Das geht jetzt seit 6 Jahren so. Von dem Studio, in dem wir üben, sagt man auch, daß es verhext ist. Es ist in L.A., ein sehr altes Gebäude, in dem mal ein Bordell war."

Douglas: "Es ist direkt neben Paramound Pictures, dem Filmstudio."

Sean: "Darunter liegt ein Tunnel..."

Douglas: "... und ich bin mir sicher, daß dort Menschen ermordet wurden usw."

Sean: "Jedenfalls passieren immer verrückte Sachen und irgendwas geht mit unserer Band immer schief."

E: Bedeutet Euer Band Name etwas spezielles?

London After Midnight (gemeinsam): "Nein!"

E.: Okay...

Douglas: "Eigentlich wollten wir uns ‘The funky Flabjockmachine’ nennen..."

Sean: "Der Name stammt aus einem Film aus den 20er Jahren und er paßte ganz gut zu unserer Musik, aber der Name war ein kleines bißchen zu dumm - zu sehr."

Douglas: "Er war zu bezeichnent. Wir machen ja nicht nur Funkmusik."

E.: Was ist mit -Eurer neuen EP "Kiss"?

William: "Es ist wahrscheinlich das Beste, was unsere Band je gemacht hat. Und wahrscheinlich wird es von jetzt an auch noch besser werden."

Sean: "Wir sind recht glücklich damit, es war halt eine sehr spontane Sache."

Douglas: "Wir brauchten die Sachen sehr schnell und so machten wir sie auch sehr schnell, wir sind praktisch durchgeeilt."

E.: Ich hab’ mir eben ein Tape von Euch gekauft, daß auf 1996 datiert ist...

William: "Dann hast Du es ja noch gar nicht! Wir machen die Dinge in der Zukunft und schicken sie in die Zeit zurück."

Sean: "Nee, ich glaube, das liegt daran, daß wir’s erst ‘96 veröffentlichen wollten. Naja, scheißegal!"

E.: Zukunftspläne?

Sean: "Wir werden wohl im Frühling wieder hier touren und auf einigen Festivals in England spielen."

E.: Was für’n Eindruck habt Ihr von der schwarzen Szene hier bekommen?

Douglas: "Einen recht guten. Es gibt ein paar gute Bands, wie wir gehört haben. Auch wenn einige nach Skinny Puppy klingen..."

E.: Magst Du Skinny Puppy?

b): "Ja, aber Skinny Puppy sind eben Skinny Puppy. Es ist wie in England, wo sich viele Bands nach den Sisters anhören. Vielleicht sind sie sogar gut, aber das hat halt schon mal jemand gemacht."

E.: Spielt Ihr gerne live, oder seht Ihr Euch eher als eine Studioband?

Sean: "Das kann man nicht vergleichen,da es zwei völlig verschiedene Dinge sind. Eine Live-Performance ist etwas sehr spontanes und einmaliges, egal, was man macht, es wird sich nie wieder genauso anhören. Im Studio hast Du viel mehr Zeit, um alles x-mal zu wiederholen, oder etwas anderes zu versuchen. Das ist was ganz anderes. Aber ich glaube, beides ist in etwa gleich befriedigend."

E.: Erzähl doch mal was zum Gashleycrumb...

Sean: "Der Gashleycrumb ist unser Newsletter. In ihm sind Informationen über uns enthalten, als auch eine Mailorderliste. Es haben immer so viele Leute geschrieben und nach Informationen gefragt, daß es superlange dauerte, diese Zuschriften zu beantworten, so daß wir uns entschlossen hatten den Newsletter aufzubauen und die Leute somit zu informieren. Wir haben auch einfach nicht die Zeit, jede Zuschrift individuell zu beantworten."

E.: Plant Ihr, einen solchen Newsletter auch auf Deutsch zu veröffentlichen?

Sean: "Ja, einige Leute haben uns das auch schon gefragt. Eigentlich könnten wir das ja machen, wir bräuchten nur jemand zum Übersetzen, weil mein Deutsch... (hüstel, lach)...

E.: Was erwartet Ihr von Europa, speziell von Deutschland?

Sean: "Wir haben eigentlich keine bestimmten Erwartungen."

E.: Ihr scheint in Mexiko ja tierisch gut anzukommen. Wie erklärt Ihr Euch das und wie ist Euer Publikum dort im Vergleich zu den USA?

(nach allgemeinem Schwärmen über die weiblichen Fans...)

Sean: "Allgemein ist das Publikum in Mexiko echt phantastisch und wenn sie etwas mögen, dann rasten sie einfach aus und haben ihren Spaß. Es ist phantastisch."

William: "Das Publikum ist ständig in Bewegung, springt auf die Bühne..."

L.S. + M.B. + R.R.

 

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