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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

mittageisen

 

mittageisen

In der Schweiz werden sie längst zu den Vorzeigebands und Aushängeschildern der New Wave Bewegung gezählt. Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer CD „...alles ist anders... nichts hat sich geändert ....“, die Aufschluß über verschiedene Phasen ihres Schaffens gibt, setzt die bedeutende Waveband der Alpenrepublik an, ihren Bekanntheitsgrad auch in Deutschland zu vergrößern. Musikalisch setzen sie auf eine Melange aus Synthesizer und Gitarren, in die sparsam-kalkulierte Bassläufe und der kalte Sound der elektronischen Rhythmusmaschine zu einer schwerfällig-pathetischen Einheit fusionieren. Das Resultat ist eine warme und düstere Atmosphäre die nostalgische Gefühle entstehen läßt, denn der packenden und faszinierenden Stimmung von Stücken wie „Automaten„ oder „Persistance de la mémoire“ kann man sich auch mehr als fünfzehn Jahre nach ihrer ursprünglichen Entstehung kaum entziehen. Der vorliegenden Zusammenstellung ihres musikalischen Schaffens zwischen '81 und `86 wurden zudem zwei unveröffentlichte Stücke, als auch die Radioversion von ihrem Hit „Automaten“ zugefügt. Das folgende Interview entstand aus organisatorischen Gründen auf dem Postweg. Für mittageisen antwortete der musikalische Kopf und Sänger Bruno Waser, der sich auch für die kritischen Texte verantwortlich zeigt.

 

Entry: Erzähl doch bitte mal was zu dem musikalischen Werdegang der Band.

Bruno Waser: „Musikalisch aktiv bin ich seit '78 mit dem Aufkommen der Punk-Bewegung. Unter anderem Fanzine-Schreiber und Macher (zusammen mit Marco R. von Grauzone; Herausgabe der Sondernummer siehe dazu auch das rororo-Taschenbuch: „Wir waren Helden für einen Tag“), Produzent der 1. CH Punk-LP (Crazy) sowie deren 2. (und letzten) Platte, häufige Konzert-Besuche in der Schweiz und London. Bei diesen Aktivitäten Kontakt zu den weiteren Gründungsmitgliedern von mittageisen und Gründung einer eigenen Band mit dem Ziel Musik mehr im Stil von Joy Division, frühe Cure, Banshees und Cabaret Voltaire, etc.. zu machen. Veröffentlichung von Platten sowie diverse Konzerte u. a. mit Propaganda, Lillipu, Vyllies, Blue China, etc... Diverse personelle Wechsel bis zum Ende im Jahr 1986 aufgrund interner (über künftigen Musikstil) und externer (Plattenfirma) Probleme.“

E: Dem Presseinfo konnte ich entnehmen, daß vor allem in Deutschland eine hohe Nachfrage nach Eurer Musik besteht. Ich hatte eher den Eindruck, daß Ihr hier weniger bekannt seid!

BW: „Diese Aussage bezog sich auf die Veröffentlichung der LP und Maxi im Jahr 83 resp. 85. Im Vergleich zu anderen CH-Bands hat mittageisen mehr Platten in Deutschland verkauft als in der Schweiz und dem restlichen Europa.“

E: Wie kam es zu der „...alles ist anders...“ Veröffentlichung, auf der sich ja vor allem älteres Material befindet? Sind sämtliche alte Veröffentlichungen bereits vergriffen? (Die „Automaten“ Maxi z.B. tauchte unlängst in einer Second Hand-Liste für Euro 30 auf!)

BW: „Da die Platten seit '91 nicht mehr erhältlich sind und weitere Anfragen u.a. auch aus Deutschland kamen, sowie die Lust wieder musikalisch aktiv zu werden.“

E: Welche Veröffentlichungen gibt es bereits von Euch und gibt es Pläne, diesen Backcatalogue zu veröffentlichen?

BW: „Dez. 81: Tape ... im Niemandsland am Ende des 20. Jahrhunderts...,

März 83: LP mittageisen',

Jan. 85: 12“ und 7“ `Automaten,

Jan. 95: CD ...alles ist anders... nichts hat sich geändert...,

Zum Backkatalog: Außer der CD sind keine Wieder-Veröffentlichungen alter Stücke geplant!“

E: Was passierte zwischen 86-94? Gab es irgendwelche Veröffentlichungen?

BW: „Platten von mittageisen gab' s in dieser Zeit keine, da sich die Gruppe 86 auflöste. Ich war jedoch insofern aktiv, als ich eine Compilation-CD der bereits genannten Punk-Band veröffentlichte, sowie zusammen mit Markus S. (Gitarrist aus den Mittageisen-Anfängen) DarkWave-Discos und einige „Kunst“-Projekte durchführte, so zuletzt Teilnahme an der „ars electronica“ ´95 in Linz mit einem Videobeitrag.“

E: Die CD ist in der Schweiz ja bereits vor einem Jahr erschienen. Wie kommt es, daß Ihr mit Subtronic erst jetzt eine deutsche Lizensierung bekommen habt?

BW: „Die CD wurde in der CH Ende '94 veröffentlicht und in Deutschland Ende '95. Gründe liegen darin, daß wir die 1. Hälfte ´95 dazu nutzten, einen geeigneten Vertriebspartner in Deutschland zu finden. Das heißt einen Vertrieb wie Subtronic welcher sich auch für die CD engagiert, siehe z.B. die Compilation-CD `sophisticated.“

E: Wie kommt es, daß Ihr nach so langer Pause wieder aktiv seid?

BW: „Die CD-Veröffentlichung ist ein Musikbeitrag im Rahmen meiner verschiedenen „kulturellen“ Aktivitäten, welche unter dem Namen mital U laufen! Die CD ist ein Rückblick und musikalischer Neuanfang... wobei nicht mehr als Band mit festen Mitgliedern, sondern mehr in Projektform mit verschiedenen Leuten.“

E: Wird man Euch in Deutschland mal live sehen können?

BW: „...aus genanntem Grund nicht mehr als Band, jedoch je nach Inhalt und Rahmen bei entsprechender Gelegenheit gerne... Konzept und Pläne für die Durchführung eines `abendfüllenden´ Programms bestehen, durchgeführt wurde es bisher u.a. aus zeitlichen Gründen nicht!“

E: Aus welchen Gründen habt Ihr den Bandnamen „Mittageisen“ gewählt, der ja auf eine Fotomontage von John Heartfield zurückgeht, der in den 30ern gegen das Hitlerregime kämpfte?

BW: „1981 aus Sympathie mit Siouxsie & the Banshees (=> Single mittageisen) sowie John Heartfield und seiner Arbeit sowie der Kunstbewegung Dada in der Hearfeld zu Beginn ebenfalls aktiv war... und weil´s ein nicht 08: l5 Name ist!“

E: Versteht Ihr Euch bewußt als politische Gruppe?

BW: „Nein... jedoch insofern, als alle Personen/Bands als Teil eines politischen Systems auch eine Rolle darin spielen, welche, das ist dann jedem selber überlassen...“

E: Wie erklärt Ihr Euch, daß die Waveszene, deren Ursprünge ja hochpolitisch waren, heute eher unpolitisch geworden ist?

BW: „Ich denke nicht mehr als früher, damals war es ein Teil des Images, entsprechend oft auch nur eine, Pose/Attitüde. Heute ist sie, wo vorhanden, sicher persönlicher und ehrlicher.“

E: Wie beurteilt Ihr die Entwicklung der Szene?

BW: „ ...schade, daß nicht mehr mittageisen im Radio und TV gespielt wird ... Im Ernst: Realität ist, daß eine Aufsplittung von wenigen in viele Szenen stattgefunden hat, mit dein Ergebnis, daß - verstärkt durch die relativ günstigen Produktionskosten und veränderten Jugend-Interessen, die CD-Auflagen sinken und somit eher ein Überangebot an Musik vorhanden ist. Aber was soll's, wie eine große chinesische Katze mal gesagt hat: 'laßt hundert Blumen blühen'...“

E: Welche Musik bevorzugt Ihr privat?

BW: „Viele verschiedene Bands seit ´72 Roxy, Bowie, Velvet Underground, dann ab '78 New Wave-Bands wie Banshees, Joy Division, Cure, Sisters, Wire etc.! Highlights heute: von Pulp bis Leftfield, aber auch immer noch Morrissey und Jesus & Mary Chain...“

E: In einem Zeitungsartikel wird behauptet, daß „Automaten“ (das als Technopop bezeichnet wird) und die anderen Stücke (von ´85) nichts mehr mit dem düster-melancholischen Stil Eurer frühen Tage gemeinsam haben. Da kann ich überhauet nicht zustimmen, Ihr?

BW: „Nein ...die Aussage bezog sich u.a. auf die Musik, welche im Gegensatz zu frühen mittageisen Stücken bewußt tanzbar „komponiert“ wurde...“

E: In Euren Texten habt Ihr immer ein düsteres Bild von der Gesellschaft gezeichnet, aber auch die Hoffnung auf Veränderung zum Ausdruck gebracht. Wie kommt es, daß Ihr gerade von so einem pessimistischen (nein, realistischen) Stück wie „persistance de la mémoire“ eine Neufassung aufgenommen habt? Ist das vielleicht auch ein Zeichen von Resignation?

BW: „Weil's ein guter Song ist ...nur die Basis-Tracks waren aus den letzten unveröffentlichten Mittageisen-Aufnahmen im Jahr '86 noch vorhanden und wurden '94 für die CD neu bearbeitet sowie mit neuem Text und Stimme versehen. Übrigens wurde die Veränderung des Textes sehr bewusst vorgenommen. Resigniert? Nein ...im Gegenteil... Motivation und Energie für neue Projekte ist mindestens soviel wie früher vorhanden ...das einzige Problem alle Ideen umzusetzen, ist die - beruflich bedingte - fehlennde Zeit.“

E: Was wollt Ihr mit den bewußt in Deutsch gehaltenen Texten - die somit jeder verstehen kann - erreichen?

BW: „Daß sie verstanden werden... in dieser Form könnte ich mich in Englisch nicht ausdrücken, obwohl ich die Sprache und das Land sehr mag...“

E: Wie kamt Ihr auf die Idee, einen Brief von der RAF-Aktivistin Ulrike Meinhof musikalisch umzusetzen, die zu dem Entstehungszeitpunkt des Briefes in Isolationshaft („weißer Folter“) „gehalten“ wurde?

BW: „Weil Ulrike Meinhof und ihr Weg einen faireren Umgang verdient hätte / haben...“

E: In „Automaten“ geht es um die Angst vor rasanter technischer Entwicklung (oder?).Wie verträgt sich das mit Euren Plänen, eine Homepage (die ich nicht finden konnte) im WorldWideWeb einzurichten?

BW: „Nein... es geht um die Situation, daß viele Menschen wie Automaten funktionieren... Technik ist „nur“ ein Hilfsmittel, welches von Menschen für die Umsetzung der Ziele/Ideen eingesetzt wird... Ohne Computertechnologie könnte ich jedenfalls nur einen kleinen Teil meiner Ideen umsetzen... das WorldWideWeb sehe ich als eine zusätzliche Möglichkeit, mit geographisch weit entfernten Personen und selben Interessen in Kontakt zu kommen und so z.B. meine Arbeiten weiter bekannt zu machen!“

E: Soweit meine Fragen. Liegt Euch noch was auf dem Herzen?

BW: „...ich denke fürs Erste ist's genug... investiert ein paar Mark in die Mittageisen-CD und ihr habt den Soundtrack zum Interview... ansonsten ab Mitte Januar könnt Ihr über die unsere HomePage die Diskussion weiter führen... Vielen Dank für das Interesse, bis bald...“

An dieser Stelle bedanke ich mich bei Bruno und bei Manuela von Subtronic für die vielen Mühen ...Beim Lesen der Antworten sind bei mir - wie soll es auch anders sein - natürlich einige Zusatzfragen aufgetaucht, z.B. bezüglich der neuen Projekte von ihm, aber dann werde ich das nächste Interview wohl übers Internet führen, schließlich ist er eine geographisch weit entfernte Person!

Trotzdem hoffe ich, daß bei dem einen oder der anderen durch das Interview Interesse an mittageisen geweckt wurde. Hinzuzufügen wäre noch, daß es von „Automaten“ jetzt auch ein Video gibt. Ansonsten:

„Gefangen in einer Welt voll Verworrenheit,

gemeinsame Wärme löst vereiste Gefühle

unsere Zeit ist gekommen“.

(aus „Wir")

In diesem Sinne.

L.S.

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