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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Pöbel & Gesocks - 23.5.98, Bottrop

 

C: Collaps; T:Trevor; E: Entry

E: Stellt Euch mal vor - wie alt, welchen Job usw.

C: Ja, Mahlzeit! Ich bin der Collaps, bin 30 und mein Job ist diese süße Band hier, Pöbel & Gesocks und ein süßes Fanzine, das Scumfuck Tradition. Ich bin also nicht arbeitslos, sondern höchstens unterbezahlt!

T: Ich bin der Trevor, 29, obwohl ich eigentlich 24 bin und bin Werkzeugmacher und spiel´ Gitarre.

C: Andy is´ 26 und hauptberuflich irre. Willi macht das Scumfuck-Label, -Mailorder und -Laden und arbeitet nebenher bei Thyssen.

E: Erzählt mal was zur Bandgeschichte und zum Line-Up!

C: Da ist der Andy, der spielt noch bis Juni bei uns Bass, der Collaps, der spielt Schlagzeug, der Gitarren-Trevor und der Willi am Gesang. Die Band gibt´s eigentlich ab 1980 als Beck´s Pistols, hörte irgendwann auf und wurde 1988 reformiert, für den ersten Tollschock-Sampler vom Daily Terror-Pedder. 1991 bin ich dort eingestiegen für den Siggi von Hallraker aus Oberhausen. 1993 hat uns dann die Beck´s-Brauerei verklagt, weshalb wir uns umbenennen mussten. Bubba und Stefan von Lokalmatadore waren Gitarre und Bass bei uns, sind dann auch 1995 auch raus und dafür ham wa jetzt die arme Wurst Trevor da und momentan noch den Andy. Wir haben grad unsere 3. reguläre CD/LP raus, die heißt ¯5.000.000¨. Stilmäßig hat sich zum Glück nie viel verändert, wir waren immer Punk-Rock mit Oi!-Einflüssen.

E: Welchen Unterschied siehst Du zwischen den alten Beck´s Pistols und Pöbel & Gesocks?

C: Der neue Gitarrist ist besser, weil wieder mehr Punkrock, zum einen. Der wichtigste Unterschied ist aber sicher, daß die Beziehung zueinander anders ist. Nämlich eine freundschaftliche Beziehung und nicht mehr eine Geschäftsbeziehung. Das macht viel aus.

T: Ich trink´ mal ´n Bier - Biertrinken ist wichtig!

Pöbel und Gesocks

C: Genau!

E: In wie weit habt ihr euch weiterentwickelt?

C: Och, weiterentwickelt... Ja, wir machens jetzt mit Cello und so (lacht). Nee, weiterentwickelt hoffentlich nicht. Vielleicht ein bißchen ausgereifter, das war´s. Bleibt ja nicht aus. Lustigerweise sind wir trotzdem wieder mehr Punk- und weniger Glamrock, als bei der vorigen Platte.

E: Mir kommt es so vor, als wäret ihr ernster geworden.

C: Ernster? Kann sein. Wir können ja nicht ewig nur Songs Marke ¯Ficken, Saufen, nicht zur Arbeit gehen¨ machen. Aber auch. Viel Texte sind deutlich persönlicher und reflektierter als früher, ohne krampfig zu werden. Es passiert halt viel Scheiße und das muß irgendwo hin.

E: Gibt es noch immer Streß und Probleme bei Euren Gigs, wie z.B. das Geto-Bar-Fiasko oder die Security-Hauerein in Bielefeld!

C: Es hat nach den Ausschreitungen beim Geto-Bar-Gig 1991 oder ´92 in Düsseldorf, als sich Redskins und Hools nach dem Gig geboxt haben, keinen nennenswerten Ärger mehr bei unseren Konzerten gegeben, auch nicht im Umfeld. Trotzdem wird uns diese Sache aber weiterhin nachgetragen. Wir haben ja aus gutem Grund damals eine lange Konzertpause eingelegt. Den Ärger mit der Security in Bielefeld damals habe ich nur am Rande mitbekommen. Es war wohl so, daß Leute, die wir nicht mehr als Security engagieren wollten, deshalb an dem Abend gestreßt haben. Anscheinend war die Entscheidung also richtig. Unsere heutige Security, das sind auch keine gekauften Typen mehr, sondern lauter Freunde von uns, die das im übrigen ohne Bezahlung tun, das muß man auch mal bemerken. Tatsächlich haben die Guten meistens aber nicht viel zu tun und sind auch sehr zurückhaltend. Die Leute würden sowieso mitfahren und nie aus eigenem Antrieb Ärger anfangen. Der einzig bemerkenswerte Ärger bei unseren Gigs ist doch wohl der angebliche Ärger, der ständig gerüchtemäßig fast heraufbeschworen wird, grad so, als würde das manchen Leuten gut in den Kram passen. Tatsächlich passiert jedoch nie irgend etwas von Belang. Schau Dich doch um... Punks, Skins, Fraggles und kein Stress. Hier ist es doch friedlicher als auf ´nem Wolfgang Petry-Konzert!

Es sind so viele Sachen passiert im Umfeld der Band und von völlig Außenstehenden, die mit uns eigentlich nichts zu tun haben, aber auf uns zurückfallen. Da werden persönliche Kämpfe auf dem Rücken der Band ausgetragen und deshalb kommt es zu dieser Stillen Post-Geschichte und den Gerüchten. Wenn´s nicht so arm wäre, könnte man fast lachen. Na ja, Idioten kommen und gehen, wir haben sie alle überlebt. Wo sind sie jetzt...

T: Es gibt eben Leute, die bewußt und mit voller Absicht Gerüchte und Lügen über uns verbreiten, um uns zu schaden. Das ist keine Ausrede, sondern Tatsache. Da werden Sachen erzählt, die so nicht stimmen oder einfach erlogen sind.

C: Wir brauchen nichts richtigzustellen, denn tatsächlich machen wir nichts wirklich falsches! Immerhin sind wir aber anscheinend noch immer eine kontroverse Band und Punk sollte doch kontrovers sein! Punk ist eben nicht, nirgends unangenehm aufzufallen und überall liebzutun! Wir sind immerhin keine von den Gurken, die so den Pausenkasper oder die niedlichen Rock-Rebellen spielen, tatsächlich aber 100% MTVIVA-kompatibel sind! Das ist doch Verarschung! Wir sind eben eine Punkband und nicht so ein weichgespülter Pipikram von irgendwelchen Lustigspinnern, die irre punk tun und dabei völlig konform sind!

E: Momentan ist diese Oi!-Punk-Schiene wieder ziemlich im kommen. Meint ihr, es hat sich in den Köpfen der Leute etwas verändert, daß sie sich nicht mehr auf die alten Klischees festlegen; Oi!=böse, faschistoid usw.?

C: Es hat sich sicher viel verändert. Wenn ich dran denke, an die Oi!-Szene Mitte der 80er, das war ja zum gruseln. Und es war auch völlig unmöglich, daß Punks und Skins und sonstwer streßfrei miteinander auskommen. Oi! galt ja damals, als Hardcore grade groß wurde, in manchen angesagten Kreisen als schlechter Witz. Aber Hardcore gibt ja heute nix mehr her, außer Rucksackpflicht und Ziegenbart! Glücklicherweise definieren sich die Faschoidioten nun auch nicht mehr über Oi!, so daß Oi! wieder zu dem werden konnte, was es anfangs war, nämlich einfach Streetpunk! Die 80er waren ja auch so unglaublich verspannt, darum find´ ich das Revival auch so seltsam bis lustig... Diesen Ideologiekrampf, der damals jede Kleinigkeit zum Popanz aufgeblasen hat, gibt´s heute zum Glück kaum noch. Deshalb ist der Umgang miteinander viel selbstverständlicher. Vernünftigerweise, obwohl ich sonst ungern mit Vernunft ankomme. Letztlich ist es doch auch Zufall, für welche Subkultur sich jemand entscheidet und ob ich nun mit Iro daherlauf oder kurzgeschoren oder sonstwie, das ist doch unwichtig! Entweder man ist scheiße oder nicht, da spielen Äußerlichkeiten keine Rolle. Alles andere zu denken, ist doch schwachsinnig!

T: Es ist leider auch eine Tatsache, daß sich die Rechte manifestiert hat, massiv. Oi! kann keine rechte Musik sein! Oi! ist Punk!

E: Zu euren Texten! Wer schreibt sie, wie kommt ihr darauf und wie wichtig sind ehrliche Texte für Euch? Beck´s Pistols und Pöbel & Gesocks waren ja immer für ehrliche Texte bekannt!

T: Die Frage ist fast überflüssig, weil ich glaube, daß die Texte für sich stehen. Ich denke, wir können reinen Gewissens sagen, daß wir voll und ganz hinter allen unseren Texten stehen.

Pöbel und Gesocks

 

 

C: Die Texte schreiben Wili und ich. Auf der letzten LP auch der Zonenpeter von Verlorene Jungs. Ehrlichkeit? Ehrlichkeit ist sowieso das wichtigste überhaupt.

T: Collaps ist der Intelektuelle bei uns.

C: Ja, hehe... Ich bin für die Sozialkritik zuständig oder so.

T: Ehrlichkeit ist bei Punk sowieso eine Grundvoraussetzung.

C: Ich setze Ehrlichkeit generell erst einmal voraus. Leider wird man nicht nur da zu oft enttäuscht.

E: Was meint ihr, weshalb so viele Leute, die früher aktiv waren, mittlerweile nur noch auf Konzerte gehen von Bands mit ¯großem Namen¨, die gerade ein Revival feiern wollen? Dieses Couchpotatoe-Syndrom, diese Volkskrankheit!

T: Die Leute sind halt älter geworden, sind nicht mehr so wild wie vorher. Die haben dann nur noch Interesse an Sachen, die sie schon kennen, nicht mehr an neuen.

C: Bei den meisten Leuten schleicht sich so ab ca. 25 langsam der Altersschwachsinn ein.

T: Dann kommen so Sprüche wie ¯die gute alte Zeit¨!

C: Ja, genau. ¯Früher war alles besser¨ und so ein Schwachsinn. Mein Lieblingsspruch! Sollte ich den einmal ernsthaft ablassen, erschieß ich mich!

E: Früher war´s genau so scheiße wie heute!

Pöbel und Gesocks

C: Ja, selbstverständlich, liebe Güte! Ich weiß noch genau, wie ich mich vor 10, 15 Jahren gefühlt habe, nämlich scheiße! Im nachhinein wird gern alles verklärt und die schlechten Sachen vergessen. Schlimm ist wirklich, wenn man älter wird und die Augen verschließt für alles, was neu ist, oder angeblich neu. Für das, was passiert! Man muß ja nicht alles annehmen, aber mitkriegen sollte man schon, was geht. Wenn man nur in der Vergangenheit lebt, das ist ein Verbrechen an sich selbst! Das ist Lüge und wird mir hoffentlich nie passieren.

T: ¯Früher¨, das ist für die Leute auch eine gute Entschuldigung, daß sie heute einfach nicht mehr so straight drauf sind. Wir brauchen das nicht.

C: Ich sag mal, ich bin jetzt auch nicht mehr so einfach umerziehbar. Ich weiß wie ich bin, was ich will, was nicht und dabei bleibt´s die nächsten Jahre ganz bestimmt. Ich will ja gar nicht ausschließen, daß sich das mal ändert, aber momentan ist das für mich schwer vorstellbar.

E: Die Einstellung geht auch unter, ein bißchen. Traurig, daß Bekannte von mir so Sprüche ablassen wie ¯damals, ja damals war noch alles heile Welt¨.

C: ¯Einstellung¨ macht man sich aber auch gerne vor, um sich in irgendwas zu flüchten.

T: Es gibt einmal so Leute, die das mehr oder weniger in ihrer Jugend machen und dann ablegen und dann die Restbestände, die dabei bleiben, die es komplett durchziehen, weil es ihre Lebenseinstellung ist.

E: Bei vielen Bands fehlt mir heute die Geschichte, der Hintergrund.

C: Na ja, Punk ist ja in vielen Belangen heute Big Buisness. Daher kommt dieses Posertum, das ich vorhin meinte – wenn man so tut als ob, aber sich schon lange verkauft hat. Andererseits darf man aber nach 22 Jahren Punkrock hier auch nicht irgendetwas irre revolutionäres mehr erwarten. Schlimm ist nur, wenn man so tut und es steckt nichts dahinter.

T: Wir legen auch überhaupt keinen Wert darauf, irgendwie populär zu sein. Wir machen unser schmutziges Ding und fertig!

E: Was war mit dieser Bankräuber-Geschichte? Hat es da irgendwelche Nachwirkungen gegeben?

T: Ich bin da vorgeladen worden, zu den Bullen... Die haben sich dann noch richtig erkundigt, die Kacker, wer da unseren Kapuzer gekauft hat und ich sag nur: ¯Ja, weiß ich doch nicht, alle, die ich kenne, haben ihren noch!¨ Nannten mich dann ¯Herrn Trevor¨ und so, die kannten also seltsamerweise meinen Spitznamen. Wollten dann die Adressen und Namen von meinen Bandmitgliedern wissen und ich hab´ dann erzählt: ¯Die kenn ich nicht, also der eine heißt "Collaps", wir reden uns ja nur mit Spitznamen an!¨ Fragen die: ¯Wo wohnt der denn?¨ Ich: ¯In Oberhausen!¨ Die: ¯Welche Straße?¨ Und ich wieder: ¯Weiß ich doch nicht!¨ Und so weiter, war schon zum Lachen!

C: Schon genial, wenn Du im Internet ¯Pöbel & Gesocks¨ als Suchbegriff eingibst und dann bei der Kripo Wuppertal landest! Das Telefonabhören war nicht ganz so spaßig...

T: Die waren beim Scumfuck im Laden und wollten die Kundenkartei und haben sie nicht bekommen, die waren bei Trash Mark... Waren also richtig hinterher. Mein Anrufbeantworter war jedenfalls voll mit Leuten, die mich gefragt haben, ob ich schon Zeitung gelesen hätte und mit dem Pöbel-Kapuzer konnte man da schon richtig gut Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Na ja, kann man ja auch so.

E: Musikalische Einflüße? Was hat euch bewogen, ¯andere¨ Musik zu machen?

C: Ganz klar, als allererstes Sex Pistols, die hat mich umkrekrempelt, als ich so 12 war, ¯Bollocks¨-LP. Momentaner Favorit sind Killing Joke. Ansonsten: Alles, was einfach ist, in jeder Musik. Ich hör´ so viel... Ehrlichkeit erreicht man halt nur mit Einfachheit. Alle relevanten Dinge sind einfach! Deshalb will ich lieber Oi!-Punk oder ganz simplen Deutschpunk als dämlichen Crossover oder Heavy-Punk mit ewig Sologedudel und lieber Minimaltechno als kitschige Tranceflächen.

T: Ganz am Anfang hab´ ich eher Wavekram gehört, später kam dann Deutschpunk dazu und englischer Oi! Ich kann aber nicht sagen, daß ich eine bestimmte Band am wichtigsten fand. Ich würde viele Sachen nicht mehr machen, die ich damals gemacht habe, so ¯Bullenschweine¨ und so was, aber grundsätzlich ist es dabei geblieben.

E: Was haßt ihr?

T: Was ich habe?

C: Ja genau, wat hast Du denn eigentlich?

(allgemeines Gelächter)

E: Was ihr nicht mögt oder so...

C: Verrat.

T: Leute, die nur nach der Mode gehen und alles tun und nachmachen, was ihnen vorgebetet wird.

E: Was mögt ihr?

C: Aufrichtigkeit, Loyalität.

T: Mädchen fesseln.

E: Ah, noch so´n SMler!?

T: Nicht wirklich. Ich mag die Spiele.

C: Ficken für ´ne Mark.

E: Wie heißt Eure nächste LP und wann kommt die raus?

C: Unsere nächste LP heißt ¯5.000.000¨ und kommt vor 6 Wochen raus.

E: Bezogen auf 5 Millionen Arbeitslose?

T: Genau. Das Lustige daran ist, daß Collaps mit dem Text ankam und wir dachten ¯Na ja, 5 Millionen Arbeitslose, so weit kommt´s ja nicht¨, und nun, wo die draußen ist, haben wir genau diese 5 Millionen!

C: Dem Cover nach zu urteilen eher 5 Millionen Unterhosen...

E: Pläne, Ziele für die Zukunft? Was kommt nach der neuen CD?

T: Die nächste CD. Wir machen da gar keine großen Pläne, wir leben einfach und machen und das war´s.

C: Genau: Schaun´mer mal! Paar Sampler stehen an, für die APPD, Eastend. Grad raus ist der ¯Oi! Gegen Faschismus¨ -Sampler. Bissi proben mit dem neuen Basser, Konzerte. Schick wird die Tour mit Daily Terror. Ansonsten: Weiter ganz normal bleiben und mich nicht auf den Scheiß einlassen.

E: Eine Lebensweisheit, ein Zitat zum Abschluß!

C: ¯Alles kauen und verdauen, das ist rechte Schweine-Art! Ständig I-A sagen, das lernte nur der Esel und wer seines Geistes ist!¨ Friedrich Nietzsche.

T: Ich mache manchmal Pipi und AA!

C: Nachts ist es meist dunkel, hell wird es dann am Tag!

C.S.

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