Entry
Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Soulfly

 

Soulfly Font

 

BIGMOUTH STRIKES BACK

Die Geschichte von SEPULTURA war immer ein Kampf, seit den Anfängen 1985 mußte die Band sich gegen alle möglichen Widerstände behaupten, bis sie 1993 mit der CHAOS A. D. den endgültigen Durchbruch schaffte und drei Jahre später sich und dem Land, aus dem sie kamen, mit ROOTS ein Denkmal setzte. Doch es war auch Wendepunkt im Leben der Band, oder, wie sich später zeigte, das Ende, zu sehr hatten sich musikalische und persönliche Differenzen angehäuft, als das ein gemeinsames Weitermachen möglich gewesen wäre. Zu Beginn des Jahres 1997 platzte die Bombe dann: Andreas Kisser, Paulo Jr. und Igor Cavalera trennten sich von Sänger und Frontman Max Cavalera, oder umgekehrt. Danach wurde zunächst einmal nur noch schmutzige Wäsche gewaschen, beide Parteien fühlten sich von der Gegenseite ungerecht behandelt. An diesem Zustand hat sich auch bis heute nur sehr wenig geändert, auch wenn Max heute doch die Möglichkeit sieht, eines Tages wieder einmal mit seinem Bruder Igor zu sprechen. Von Außen fällt es schwer, einen " Schuldigen" auszumachen, fest steht nur, daß zum Zeitpunkt der Trennung einiges zusammenkam und die mangelnde Kommunikation von beiden Seiten dem SEPULTRIBE keine Chance mehr ließ.

Soulfly Aber das ist mittlerweile schon Schnee von vorgestern, was zählt ist die Gegenwart, und da hat es sich Max nicht nehmen lassen, als Erster wieder ein musikalisches Lebenszeichen von sich zu geben, und was für eins! Während seine Ex- Mitstreiter gerade erst einen neuen Sänger gefunden haben ( die Veröffentlichung des Albums AGAINST ist für den Herbst geplant) hat Max schon im Mai letzten Jahres die Leute um sich versammelt, mit denen er sein neues Projekt SOULFLY verwirklichen konnte. Das läßt darauf schließen, das der Mann ohne Musik wirklich nicht leben kann, das sie für ihn sicher auch eine Art Therapie ist, denn der Unfalltod seines Adoptivsohns Dana und die schwere Diabetes- Erkrankung seines 2- jährigen Sohnes Igor stellten das Aus für sein musikalisches Baby SEPULTURA noch in den Schatten. Trotzdem streckte Mad Max schon bald seine Fühler aus und nahm Kontakt zu den Leuten auf, mit denen er seinen ganz persönlichen Seelenflug machen konnte.

Gitarrist Jackson Bandeira kommt von Max` brasilianischer Lieblingsband CHICO SCIENCE und bildet an der Lead- Guitar ein wichtiges musikalisches Sprachrohr des Cavalera`schen Musikverständnisses. Bassist Marcello D. Rapp war als jahrelanger Lichtroadie von SEPULTURA seit jeher ein Vertrauter des Meisters und Drummer Roy " Rata" Mayorga kannte Max seitdem er einen Remix von REFUSE/ RESIST angefertigt hatte. Er ist übrigens der einzige US- Boy im Team, allerdings mit Vorfahren aus Ecuador. War diese Besetzung einmal gefunden, rollte der SOULFLY- Train unaufhaltsam weiter, Max arbeitete Songs aus und der Rest der Gang versammelte sich dann immer wieder im Domizil der Cavaleras in Phoenix/ Arizona, um den Songs den letzten Schliff zu geben und eigene Ideen mit einzubauen. Glaubt man den Erzählungen, so muß die Zusammenarbeit eher den Charakter eines Freiencamps gehabt haben, den einen Tag hingen alle in Max` Haus herum, tranken, sahen T. V. und spielten mit den Kindern, den nächsten versammelten sich die Herren im hauseigenen Studio und bastelten an den Songs. Besonders für Roy, den Drummer, muß es ein Paradies gewesen sein, denn zunächst einmal konnte er aus dem kalten, dreckigen und hektischen New York ins sonnige Phoenix fliehen, das angeblich fest in Metall- und HardCore- Hand sein soll, und außerdem boten sich dem Ex- Shelter Mitglied ungeahnte Möglichkeiten, diverse Rhythmusinstrumente auszuprobieren, darunter Dinge wie " Tambores", " Chocalho" und ähnliche Exotica.

Aber auch die Anderen versuchten sich an mehr als nur der hausbackenen Metall- Ausstattung Baß, Gitarre, Drums, Gesang. Diese Experimentierfreudigkeit hinterläßt in der Musik Spuren, die dem Album Vielfalt verleihen und die brasilianische Herkunft nie verleugnen. Gerade Max Cavaleras Einfluß war es ja zu verdanken, das SEPULTURA auf der ROOTS den eigenständigen Charakter als brasilianische Band weiter ausbauten, und das auch durch die Instrumentierung. Diesen Weg sind SOULFLY konsequent weitergegangen, und die Gastauftritte diverser Musiker, angefangen bei einigen Jungs von FEAR FACTORY über die beiden HC- Rapper DJ Lethal und Fred Durst bis hin zu Mitgliedern der brasilianischen Band CHICO SCIENCE ( um nur ein paar zu nennen), ließen eine virtuos abwechslungsreiche Platte entstehen. Für manchen Geschmack wohl ein wenig zu abwechslungsreich ( gibt`s denn so etwas auch?! ) , denn einige wenige Kritiker, vor allem aus der Metall- Ecke, vermissen das durchgehende musikalische Leitthema. Sei`s drum, für alle anderen macht gerade dies die Scheibe so interessant.   Soulfly

Aber Mr. Cavalera währe nicht er selbst, wenn sich nicht auch in den Texten der Songs seine ganz persönliche Handschrift wiederfinden lassen würde. Gemäß seiner Kritik an den zur Zeit üblichen Aussagen der meisten Metall- Songs - Max himself bevorzugt deswegen schon seit längerem eher die Texte aus dem HC- Hip Hop- Lager- gab er sich nicht mit 08/ 15 Lyrics zufrieden, sondern gab jedem Song eine intensive Aussage. Die ist mal eher persönlicher Natur, wie bei EYE FOR AN EYE ( soll eine Auseinandersetzung mit dem SEPULTURA- SPLIT sein) oder BLEED ( eine Abrechnung mit den " Mördern" seines Adoptivsohns Dana), mal gewohnt kämpferisch engagiert wie in BUMBA oder QUILOMBO ( thematische Auseinandersetzung mit einem Sklavenaufstand). Und auch hier machen einem SOULFLY unmißverständlich klar: Wir sind nicht irgendeine abgewichste " Jetzt- wollen- wir- Wohlstandsjungs- aber- auch- mal- böse- Musik- machen"- Band (??? ), sondern die persönliche Nähe der gesamten Bandmitglieder zu den Themen der Songs gibt dem Ganzen die Kraft der Glaubwürdigkeit. Auch die geographische Distanz zu Brasilien hat Max also nicht die Augen vor der Realität seines Heimatlandes verschließen lassen, diese wird in den " politischen" Songs aufgegriffen und an den Pranger gestellt. Was Brasilien aber außer einer schreienden sozialen Ungerechtigkeit noch ausmacht, ist, na was wohl, Fußball! Fußball ist eine Religion, die Nationalspieler ( mindestens) Halbgötter in Gelb- Grün. Dieser Faszination konnten sich auch Max und seine Jungs nicht widersetzten, in der Coverversion von UMBABARAUMA ( im Original vom brasilianischen Nationalheros Jorge Ben) explodiert die versammelte Begeisterung zu einem genialen Loblied auf die Helden mit dem Lederball, inklusive einer Spitzenmitgröhlfraktion, getarnt als " Los Hooligans", im Background. Eines der größten Ziele von SOULFLY ist es nach eigenem Bekunden, diesen Kracher bei der WM- Eröffnung Anfang Juni in Paris vor dem Spiel Brasilien- Schottland zum Besten zu geben, erste Gespräche mit der Fifa- Spitze um Generalsekretär Joao Havelange, seines Zeichens Brasilianer, sollen bereits laufen, einziges Problem könnte lediglich das Greisenalter der Funktionäre sein. Man kann also gespannt sein.

Zunächst geht es für die Vier aber daran, ihr auch in Übersee wohlwollend aufgenommenes Album live auf der Bühne zu präsentieren, in Europa sind einige Gigs und Festivals für Anfang Juni auf dem Programm. Die zahlreichen Aktivitäten der einzelnen Bandmitglieder müssen also zunächst ruhen, die ganze Konzentration gilt SOULFLY! Da Max nach langen Überlegungen gerade diesen Namen als Metapher für die ständige Begleitung unseres Lebens durch die Geister der toten Freunde gewählt hat, kann man nur hoffen, das ihm die Geister auch weiterhin wohlgesonnen sind und aus dem neuen Projekt irgendwann auch einmal so etwas wie den SOULTRIBE entstehen lassen.

CC

Home Zurück