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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Filmrezensionen - AUTO FOCUS

 

Columbia Pictures
präsentiert

einen Film von
Paul Schrader

 

AUTO FOCUS

www.autofocus-der-film.de

 

 

Kinostart: 26. Juni 2003

 

Stab

Regie PAUL SCHRADER
Drehbuch MICHAEL GERBOSI
Ausführende Produktion RICK HESS, JAMES SCHAMUS
Produktion SCOTT ALEXANDER, LARRY KARASZEWSKI, TODD ROSKEN, PAT DOLLARD, ALICIA ALLAIN
Kamera FRED MURPHY
Ausstattung JAMES CHINLUND
Schnitt KRISTINA BODEN
Musik ANGELO BADALAMENTI
Besetzung WENDY KURTZMAN
   
Deutsche Bearbeitung HERMES SYNCHRON
Deutsches Dialogbuch JAN ODLE
Deutsches Dialogregie FRANK SCHAFF

BESETZUNG

Rolle Darsteller Synchronsprecher AUTO FOCUS Plakatmotiv
Bob Crane GREG KINNEAR Bernd Vollbrecht
John Carpenter WILLEM DAFOE Roland Nitschke
Anne Crane RITA WILSON Irina von Bentheim
Patricia Crane MARIA BELLO Andrea Loewig
Lenny RON LEIBMAN Thomas Fritsch
Feldman, Produzent BRUCE SOLOMON Klaus Sonnenschein
Richard Dawson MICHAEL ROGERS Frank Schaff
Werner Klemperer/Klink KURT FULLER F.O. Schenk
Robert Clary/LeBeau CHRISTOPHER NEIMAN Dirk Müller
John Banner/Schultz LYLE KANOUSE Matthias Kunze
Mel Rosen ED BEGLEY jr. Michael Christian  
Video-Executive MICHAEL McKEAN Lutz Riedel

Story

Los Angeles, 1964. Bob Crane (GREG KINNEAR) sonnt sich in seinem Ruhm als der angesagteste Morgenradio-DJ von Los Angeles. Mit pfiffigen Sprüchen und kleinen Schlagzeugeinlagen unterhält er sein Publikum Tag für Tag. Die Promis drängen danach, bei ihm auftreten zu dürfen – selbst wenn es so obskure Bekanntheiten sind wie der Darsteller des Lone Ranger, eines Westernhelden, den man nur mit Maske kennt. Bob gesteht, dass er sich nur eines erträumt: Er will einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

AUTO FOCUS Und er gibt sich alle erdenkliche Mühe, dass dies so bald wie möglich geschieht. Bei seinem treuen Agenten Lenny (RON LEIBMAN) erkundigt sich Bob, ob er endlich ein Filmangebot für seinen Klienten aufgetrieben hat, mit dem ihm der Durchbruch als Schauspieler gelingen könnte. Lenny muss Bob vertrösten: keinen Film – aber eine wunderbare Gelegenheit, das Herz der amerikanischen Öffentlichkeit mit der Hauptrolle in einer Pilotsendung für eine Sitcom zu erobern:

„Hogan’s Heroes“, ein ausgelassener Spaß, der in einem deutschen Kriegsgefangenenlager während des Zweiten Weltkriegs spielt, in dem die amerikanischen Gefangenen unter der Führung des gewitzten Colonel Robert Hogan ihr Schindluder mit den unfähigen deutschen Wärtern treiben. Bob Crane zögert, aber Lenny kann ihm das Drehbuch aufdrängen.

 

In seinem idyllischen Zuhause holt sich Saubermann Bob bei seiner perfekten Ehefrau Anne (RITA WILSON) Rat. Sie hat Vorbehalte gegen das gesamte Konzept des Projekts. Schließlich muss aber auch sie zugeben, dass die Idee urkomisch ist und das Drehbuch ihr gefällt.

Alsbald beginnen die Proben für „Hogan’s Heroes“ mit der kompletten Besetzung: Werner Klemperer (KURT FULLER) ist Lagerkommandant Klink, John Banner (LYLE KANOUSE) seine inkompetente rechte Hand Schultz, Richard Dawson (MICHAEL RODGERS) und Robert Clary (CHRISTOPHER NEIMAN) sind Hogans Mitstreiter. Das Problem ist Bob Crane, der sich als Held der Serie viel zu sehr in Pose wirft. „Helden“, so der ausführende Produzent Edward Feldman, „versuchen nie, Helden zu sein. Sie sind es einfach.“ AUTO FOCUS

Etwaige Anlaufschwierigkeiten sind schnell beseitigt. Am 17. September 1965 wird „Hogan’s Heroes“ erstmals ausgestrahlt – und ist ein Hit: Platz fünf unter 98 Sendungen. Unter den neuen Shows belegt „Hogan’s Heroes“ sogar den ersten Rang.

Bob Crane genießt den neuen Erfolg. Doch zu Hause ziehen erste dunkle Wolken auf. Beim Aufräumen in der Garage ist Anne auf ein paar versteckte Pin-up-Magazine gestoßen. Sie ist sehr verletzt.

Bob kann sich nicht lange um seine gekränkte Ehefrau kümmern. Neue Folgen müssen produziert werden. Auf dem Studiogelände trifft er auf einen Mann, der eine neuartige technische Anlage in Richard Dawsons Wohnwagen installiert. Er stellt sich als John Carpenter (WILLEM DAFOE) vor und bietet geschäftstüchtig sofort an, auch Bobs Geräte auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Crane erwidert, dass er nicht an Musik, sondern an Fotografie interessiert sei. „Dann werden Sie Video lieben“, begeistert sich Carpenter und erklärt: Videorekorder seien wie „Taperekorder, nur mit Bildern“. Später will er sich mit Bob in dem Strip-Club Salome’s treffen, um die Einzelheiten zu besprechen.

Im Club wird Bob sofort willkommen geheißen. Er darf sogar seine Trommelkünste mit der Band vorführen, während sich die Tänzerinnen aufreizend vor ihm räkeln. Crane kann sein Glück nicht fassen. Fortan kann er zwei seiner Lieblingsbeschäftigungen miteinander kombinieren: Schlagzeug spielen und nackte Frauen betrachten.

AUTO FOCUS Doch das ist erst der Anfang. Gut gemeinte Ratschläge seines katholischen Priesters verwirft Crane – zu verlockend ist die Aussicht auf mehr. Das lässt nicht lange auf sich warten: Eines Abends bekommt Bob hinter der Bühne eines Clubs Besuch von John Carpenter, der zwei Stripperinnen – die brünette Emily (ALEX MENESES) und die blonde Elaine (CASSIE TOWNSEND) – im Schlepptau hat. Carpenter lädt alle in seine Wohnung ein, wo er Bob und den Mädchen neues Equipment vorführen will. Dort geht es schnell ans Eingemachte. Carpenter verschwindet mit Elaine. Und Emily fackelt nicht lange: Obwohl sich der Fernsehstar zunächst wehrt, erliegt er schnell ihren Verführungskünsten.

Die zweite Staffel von „Hogan’s Heroes“ wird gedreht. Die dralle Patti Olson (MARIA BELLO), die den Bühnennamen Sigrid Valdis trägt, gehört erstmals dem Ensemble an. Crane beginnt sofort einen hemmungslosen Flirt.

Wieder treibt Carpenter zwei willige Mädchen auf, die ihm begeistert zu Cranes Wohnung folgen: Um den Fernsehstar kennen zu lernen, sind sie zu allem bereit. Das hat das Machtgefüge zwischen den beiden Männern deutlich verändert: Bob ist jetzt nicht mehr der Zauderer, sondern spielt den dominanten Part, mimt den stets gut gelaunten und allzeit bereiten Entertainer.

Beim gemeinsamen Betrachten ihrer Videoaufnahmen entdeckt Crane etwas, das er nicht dulden kann: Er sieht, wie Carpenter seine Hand in der Hitze des Gefechts auf Cranes Hintern platziert. Carpenters vermeintliche Bisexualität lässt ihn ausrasten. Er verlässt Carpenters Wohnung und schwört, den Freund nie wieder sehen zu wollen.

Bob und Patti sind sich längst näher gekommen und überlegen bereits, ob sie heiraten sollen. Als Patti ihm gesteht, dass sie von den sexuellen Eskapaden Bobs weiß und nichts dagegen hat, bestärkt sie damit seinen Glauben, die Frau fürs Leben gefunden zu haben.

AUTO FOCUS

Als der Videorekorder der Cranes den Geist aufgibt, weiß Bob nur eine Rettung. Er nimmt wieder Kontakt zu John Carpenter auf. Die beiden schließen Frieden.

Einige Zeit, nachdem Bob seine Patti am Set von „Hogan’s Heroes“ geheiratet hat, wird die Show nach sechs erfolgreichen Jahren abgesetzt. Bob muss nunmehr zwei Familien ernähren. Es wollen aber einfach keine Nachfolge-Angebote kommen. Manager Lenny hat einen verzweifelten Vorschlag: Tingeln durch die Dinner-Theater der Provinz.

Crane sichert sich die Rechte an einer billigen Sexkomödie, „Beginner’s Luck“, und beginnt die Ochsentour durch die Kleinsttheater. Aber er kommt rum. Mit Carpenter an der Seite gibt es kaum ein Städtchen, in dem die beiden nicht Sex mit ständig wechselnden Frauen haben.

Endlich! Eine Filmrolle. In der Familienkomödie „Superdad“. Doch es gibt Probleme. Fotos von Saubermann Bob beim Verlassen eines Strip-Clubs kursieren in der Boulevardpresse. Lenny warnt seinen Klienten, dass seine privaten Obsessionen ihn beruflich in die Sackgasse führen könnten. Aber Bob will und kann die gut gemeinten Ratschläge nicht befolgen.

AUTO FOCUS Die Abwärtsspirale setzt sich fort: Patti fühlt sich vernachlässigt. Nach kurzen heftigen Streits verlässt sie ihren Ehemann. Bob hat die Talsohle fast erreicht und auch die Beziehung zu seiner ersten Frau und den gemeinsamen Kindern unwiderruflich zerstört. Als er dann bei einem Auftritt in einer TV-Kochshow nur peinliche, sexistische Sprüche bringt, muss er aus dem Studio komplimentiert werden. Bob Crane ist endgültig ein Aussätziger der Unterhaltungsindustrie geworden. Wenn er wieder auf die Beine kommen will, muss er seinen Freundeskreis verändern, ist der letzte Ratschlag seines getreuen Managers.

In Scottsdale, Arizona, will sich Crane endgültig von John Carpenter lossagen. Der fühlt sich ausgenutzt und hintergangen.

Später, in der Nacht, öffnet sich die Tür zu Bob Cranes Hotelzimmer. Ein Schatten schlüpft hinein ...

 

 

Facts and Rumors - Betrachtungen

PRODUKTIONSNOTIZEN

1999 arbeitete Autor Michael Gerbosi bei Jerry’s Deli. Als er gerade unterwegs war, um Bestellungen auszuliefern, erwähnte ein Kunde namens Todd Rosken, dass es eine fabelhafte Idee wäre, aus dem Tatsachenroman ”The Murder of Bob Crane” einen Spielfilm zu machen.

Gemeinsam erwarben Rosken und Gerbosi die Option und arbeiteten die Geschichte zu einem Treatment aus, in dessen Mittelpunkt Cranes Bekanntschaft mit John Carpenter stand. „Ganz ehrlich, dies ist eine Moralgeschichte über Bekanntheit und Berühmtheit, denn ich bin fest davon überzeugt, dass Bob nur deshalb in Schwierigkeiten geriet, weil Frauen auf Grund seines Bekanntheitsgrades an ihm interessiert waren“, sagt Gerbosi.

Gerbosi musste schnell feststellen, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob man lediglich ein Treatment schreibt oder tatsächlich jemanden in Hollywood dazu bringt, es auch zu lesen. „Ich bot das Projekt in der ganzen Stadt an und erhielt die Art von Reaktion, wie man sie nur Verrückten entgegenbringt“, erinnert sich Gerbosi. Er ließ sich dennoch nicht entmutigen. Schließlich wandte er sich an das Autorenduo Scott Alexander und Larry Karaszewski, das sich mit Filmbiografien über bizarre Berühmtheiten wie Ed Wood, Andy Kaufman und Larry Flynt einen Namen gemacht hatte. AUTO FOCUS

Trotz ihrer Vorliebe für „Biopics über Menschen, die sich in den Randbezirken der Popkultur häuslich eingerichtet haben“, waren Alexander und Karaszewski zunächst alles andere als begeistert von der Geschichte Cranes. Alexander erklärt: „Als unser Agent uns mitteilte, dass Michael und Todd sich die Rechte an ,The Murder of Bob Crane’ gesichert hatten, mussten wir lachen. Aber dann ließen wir uns von Michael einige Treatments vorlegen und merkten, dass wir uns mehr und mehr von Bob Cranes merkwürdiger Welt angezogen fühlten.“

Alexander und Karaszewski erklärten sich bereit, das Projekt als Produzenten zu betreuen und arbeiteten mit Gerbosi die nächsten eineinhalb Jahre an der Ausarbeitung des Drehbuchs. „Unsere Philosophie ist es“, so Alexander, „sich die Geschichten dieser obsessiven Randfiguren, die sich mit ihren Taten völlig gegen die Konventionen der Gesellschaft stemmen, vorzunehmen und sich auf ihre Seite zu stellen.“

AUTO FOCUS Während er und Karaszewski sich um die Finanzierung des ungewöhnlichen Projekts bemühten, stolperte Alexander in der „Los Angeles Times“ über ein Interview mit Greg Kinnear, das von einem Foto illustriert wurde, auf dem Kinnear haargenau so aussah wie – Bob Crane. „Greg beklagte sich in dem Interview darüber, dass man ihn ständig in diesen leichtgewichtigen Rollen besetzen würde und dass es sein Wunsch wäre, mehr und mehr als ernst zu nehmender Schauspieler akzeptiert zu werden, der auch komplexeres Material meistern kann. Das ist im Grunde nichts anderes, als das, was Bob im Drehbuch ebenfalls sagt“, meint Alexander.

Natürlich war den Produzenten bereits aufgefallen, welch überragendes komödiantisches Talent Kinnear besitzt. Karaszewski sagt: „Durch diesen Film ziehen sich einige ziemlich düstere Themen. Gleichzeitig ist er auch sehr humorvoll. Und dazu trägt Greg in besonderem Maße bei. Er hat eine großartige leichte Ader, die den Film längst nicht so furchteinflößend wirken lässt, wie es anfangs klingen mag.“

Diese clevere Mischung aus Humor und Dunkelheit gab schließlich den Ausschlag für Kinnear, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, einen seiner Kindheitshelden darzustellen: „Als ich aufwuchs, war ,Hogan’s Heroes’ wie eine Religion für mich. Hogan war so cool, weil er wusste, wie man den Deutschen auf sehr komische und heldenhafte Weise die Stirn bot. Aber Bob Crane war wie die meisten Menschen: komplex, voller Widersprüche. Und an einem bestimmten Punkt traf seine Libido mit seiner Leidenschaft für Fotografie zusammen. Von da an fiel es ihm zunehmend schwerer, seinen Appetit zu zügeln.“

Nicht minder spannend fand Kinnear die symbiotische Freundschaft Cranes mit John Carpenter: „John ist die Art von Person, die man in seinem Leben besser niemals getroffen hätte. Hätte Bob John damals nicht kennen gelernt, wäre diese Veranlagung vermutlich niemals zum Vorschein gekommen. Er wäre diesem Lebensstil vermutlich nie nachgegangen. Ich glaube, ihr Zusammensein war das, was Bob antrieb. Gleichzeitig hat es ihm einen unendlich großen Schaden zugefügt.“

Um sich in die Rolle zu versetzen, ließ sich Kinnear sein Haare schwarz färben und farbige Kontaktlinsen anfertigen. Gleichzeitig arbeitete er sich kistenweise durch Hintergrundmaterial, um mehr über den Menschen Bob Crane zu erfahren. Dazu gehörten Aufnahmen seiner Radiosendung, Zeitungsartikel, Home-Movies mit der Familie und – natürlich – die berühmt-berüchtigten Porno-Aufnahmen, die ihm letztendlich das Rückgrat brachen. „Ich versuche, diese Figur so wahrhaftig wie nur möglich darzustellen“, erklärt Kinnear. „Ich sprach mit vielen Menschen, die Crane gekannt hatten, und machte mich mit seinen Shows vertraut. Aber an einem gewissen Punkt muss man sich von all dem freimachen und das Drehbuch für sich selbst sprechen lassen.“

Mit Kinnear als Hauptdarsteller an Bord, nahmen die Produzenten einen Mann ins Visier, dessen gesamte Karriere auf der Auseinandersetzung mit ewig getriebenen Figuren – von Travis Bickle in Taxi Driver (1976) bis Wade Whitehouse in Affliction (Der Gejagte, 1997) – beruht. „Paul Schrader war schon in viele Projekte involviert, die unserem Film in Bezug auf Besessenheit, Abhängigkeit und Absturz in ein Loch, aus dem man nicht mehr herauskommt, ähneln“, berichtet Scott Alexander. AUTO FOCUS

„Wir hatten die Hoffnung, dass die Kombination aus Greg und Paul, die so etwas wie Yin und Yang darstellen, zu einem sehr düsteren, witzigen und durchweg anspruchsvollen Film führen würde.“

Wie die Produzenten vermutet hatten, war Schrader fasziniert von den unterschiedlichen Polen in Bob Cranes Leben. „Ich liebe Menschen, die das Richtige aus den falschen Gründen und das Falsche aus den richtigen Gründen tun“, sagt Paul Schrader. „Was Bob Crane so interessant macht, ist, dass er sein Leben lang ein netter Typ sein und niemanden vor den Kopf stoßen wollte – während er einen stetig wachsenden Rattenschwanz von Dingen hinter sich herzog, der Indiz für das genaue Gegenteil ist – den er aber komplett aus seiner Wahrnehmung verdrängte.“

Wie Kinnear sah Schrader gewaltiges dramatisches Potenzial in der Dynamik der Crane-Carpenter-Beziehung, die er durch das Überarbeiten des Drehbuchs noch stärker zur Geltung bringen wollte. „Das Drehbuch von Michael war eher ein sehr geradliniges Biopic, doch dahinter versteckte sich eine sehr interessante Beziehung zwischen diesen beiden Männern. Durch das Überarbeiten wollte ich mehr eine Folie à deux daraus machen, eine Geschichte über die Macht gewisser Freundschaften, die es uns erlauben, gewisse Dinge zu tun, die wir alleine niemals tun würden.“

Um sicherzustellen, dass das Leben von Bob Crane so akkurat wie möglich dargestellt wurde, setzte sich Schrader mit Bob Crane jr. in Verbindung, der als technischer Berater verpflichtet wurde. „Paul und ich arbeiteten uns durch jede einzelne Seite des Drehbuchs. Wir überprüften Namen, Orte, Dialoge – was mein Vater anders, was er niemals gesagt hätte. Ich habe ein gutes Gefühl, was den Film betrifft, weil er sich mit den guten und schlechten Seiten auseinander setzt.“

Nachdem die emotionale Spannung in der für den Film entscheidenden Beziehung stärkere Konturen erhalten hatte, kam Schrader auf eine entsprechende Besetzungsidee, mit der er sicherstellen wollte, dass sich das Geschriebene perfekt auf die Leinwand übertragen lassen würde. „Eines Tages betrachtete ich Fotos von Carpenter und stellte eine gewisse Ähnlichkeit mit Willem Dafoe fest“, erinnert sich Schrader. „Also dachte ich mir: Warum sollten wir nicht ihn besetzen. Das würde die Arbeit um einiges vereinfachen, weil er auch privat ein guter Freund von mir ist.“

Dafoe ließ sich nicht zweimal bitten, nach Affliction (Der Gejagte, 1997) und Light Sleeper (1991) erneut mit Paul Schrader zu arbeiten. „Mit Paul fühle ich mich immer ausgesprochen wohl, weil ich immer darauf vertraue, dass für ihn persönlich viel von seinen Stoffen abhängt“, meint Dafoe. „Selbst wenn ich nicht sofort eine Verbindung zu dem Material verspüre, höre ich ihm gerne zu, was er darüber zu sagen hat. Dann sage ich fast immer zu.“

Diesmal musste man ihn nicht weiter überzeugen: Nachdem Dafoe das Drehbuch gelesen hatte, sagte er sofort zu. „Dieses Material las sich wie Szenen einer Ehe – mal abgesehen davon, dass es sich hier um zwei heterosexuelle Männer dreht, die eine starke Intimität und Abhängigkeit voneinander verspürten. Ich sah mir Aufnahmen von Carpenter aus der Zeit an, als er 1992 wegen des Mordes an Bob Crane vor Gericht stand, und hatte den Eindruck, dass er die Persönlichkeit eines Vertreters hatte: wohlmeinend, warmherzig, gut gelaunt. Ich glaube, seine Kreativität fand in seinem sozialen Verhalten und seinen Beziehungen zu vielen verschiedenen Frauen Ausdruck.“

AUTO FOCUS Das Duo Dafoe und Kinnear, die in ihrem Auftreten und ihrer Haltung gar nicht unterschiedlicher sein könnten, verlieh dem Unterfangen einen zusätzlichen Hauch von Wahrhaftigkeit. „Greg und ich haben völlig unterschiedliche Hintergründe“, weiß Willem Dafoe. „Deshalb geben wir vor der Kamera ein gutes Team ab, weil eben auch Bob und John völlig unterschiedliche Hintergründe hatten.“

Schrader fügt hinzu: „Greg hat diese Forschheit und das Auftreten, wie es Menschen aus Los Angeles haben, während Willems Wurzeln und kreatives Leben im experimentellen Theater von New York zu finden sind. Das ist ein guter Mix.“

Für die Rolle der Anne Crane, die mit Bob 21 Jahre lang verheiratet war, wandten sich die Filmemacher an Rita Wilson, die sich von den komplexen Themen des Projekts sofort angesprochen fühlte. „Eines der interessanten Motive des Films ist die Untersuchung, welche Nebeneffekte Popularität und Bekanntheit haben können. Ich glaube, dass Bob und Anne am Anfang womöglich gedacht haben: ,Ist es nicht toll, einen Job in Hollywood zu bekommen?’ Aber niemand kann vorhersehen, wie der Einzelne auf Berühmtheit reagieren wird.“

Um sich auf die Rolle vorzubereiten, ergriff Rita Wilson die Gelegenheit beim Schopf, als Anne Crane ihr anbot, sich mit ihr zu treffen: „Wenn sich die Gelegenheit bietet, sich mit der Person zu treffen, die man spielen soll, dann muss man genau abwägen, ob das eine gute oder eine schlechte Sache ist. In diesem Fall dachten wir, dass es uns zum Vorteil gereichen würde, weil Anne eine ganz eigene Eleganz und Integrität ausstrahlt, die ich unbedingt in meiner Darstellung rüberbringen wollte.“

Anders als Wilson hatte Maria Bello nicht das Glück, ihr reales Gegenüber kennen zu lernen: Cranes zweite Ehefrau Patricia zog es vor, sich nicht an diesem Filmprojekt zu beteiligen. Glücklicherweise fand die Schauspielerin im Drehbuch genügend Anhaltspunkte für die Darstellung ihrer Figur. „Patricia ist im Skript sehr genau definiert“, berichtet Bello. „Von Anfang an bekommt man das Gefühl, dass sie ein Freigeist ist. Sie ist echt und witzig und voller Leben.“

Diese Offenheit erstreckte sich bis ins Sexualleben des Paares. Bello stellte sich diesen Szenen mit ihrer typischen Unerschrockenheit: „Ich habe ein oder zwei Szenen, die ein bisschen haarig sind und nackte Haut erfordern. Das macht mir allerdings nichts aus, denn das spiegelt nur die damalige Zeit wider, als man unbedingt an freie Liebe und die Freiheit des Körpers glaubte. Ich liebe es, dass alle Schauspieler diesem Umstand in diesem Projekt Rechnung tragen. Wir haben die Figuren und Ereignisse nicht im Entferntesten nach heutigen moralischen Standards betrachtet.“

Nachdem die Besetzung komplett war, machten sich Schrader und sein Produktionsteam daran, das Los Angeles der damaligen Zeit nachzustellen – alles andere, als eine leichte Aufgabe, da die meisten Locations von damals längst nicht mehr existieren. Herstellungsleiterin Alicia Allain sagt: „Digital Film Lab klemmte sich hinter den Film und unterstützte uns, den Sunset Strip der 60er Jahre mit Hilfe von CGI zu neuem Leben zu erwecken. Wir waren in der Lage, Kontakt zu der Frau aufzunehmen, deren verstorbener Ehemann den Classic Cat Club besaß. Sie fand ein Foto des Clubs, das uns bei der digitalen Auferstehung des Clubs als Vorbild diente.“

Auch bei den Innenaufnahmen erlaubten sich die Filmemacher einige Freiheiten. Dazu gehörten nicht nur die Clubs, sondern auch zahllose Hotelzimmer, in denen Crane und Carpenter ihre sexuellen Eskapaden auf Video aufzeichneten. „Die Besitzer des The Deep an der Ecke Hollywood Boulevard und Vine Street sind Freunde von mir. Sie gestatteten uns, ohne offizielle Erlaubnis bei ihnen zu drehen“, erklärt Allain. „Und wir nutzten das Ambassador Hotel in der Innenstadt als Ersatz für das Salome’s und den Classic Cat. Unsere Designer leisteten hervorragende Arbeit. Sie nahmen sich diese heruntergekommenen Räume vor und hauchten ihnen wieder Leben ein.“

Wie es der Zufall – und das Internet – wollte, gelang es dem Produktionsteam, genügend alte Videogerätschaften aufzutreiben, um der gewaltigen Sammlung von Bob Crane zumindest ansatzweise gerecht zu werden. Allain sagt: „Wir gingen online und stöberten einen Mann in San Jose auf, der sich bereit erklärte, uns ein paar großartige alte Kameras zu spenden. Und dann fanden wir bei jemandem in Tucson den ersten Farbprojektor, den Sony jemals hergestellt hatte.“

Weil sich AUTO FOCUS in besonderem Maße mit dem Niedergang von Bob Cranes Leben befasst, war eine ganz spezielle Abstufung der visuellen Darbietung vonnöten, die den jeweiligen Stand der Degeneration widerspiegeln sollte. Schrader erläutert: „Die Idee war, die Qualität des Filmmaterials Stück um Stück herabzusetzen. Das sollte aber jeweils an Stellen stattfinden, die vom Zuschauer nicht wahrgenommen werden können. Dann ging es nur noch darum, die verschiedenen Stadien dieses Bogens genau festzulegen und herauszufinden, wie sich das jeweils auf die Farben, die Beleuchtung, die Kameraarbeit und die Garderobe auswirken sollte.“

Was Letztere anbetrifft, setzte sich Schrader mit der Kostümdesignerin Julie Weiss in Verbindung, die bereits mehrfach mit dem Regisseur gearbeitet hat und ihr Handwerk überaus philosophisch sieht: „Wenn man diese Figuren anzieht, stellt man sich die gleichen Fragen, die man sich auch bei einem zeitgemäßen Stoff stellen würde. Denn unabhängig von meinen Interessen als Designerin müssen die Kostüme letztendlich wie eine glaubwürdige Garderobe wirken. Also betrachte ich jede einzelne Figur sorgfältig und frage mich, für wen sie sich anzieht, was sie verdient, wie innovativ sie ist, wie sie gesehen werden will und so weiter.“

Weiss kam zu der Überzeugung, dass Bob und Anne Crane auch dann noch den Inbegriff des Konservativen verkörperten, als sich ihr Privatleben vor ihren Augen aufzulösen begann: „Bob war ein Mann, dem es stark auf seine Erscheinung ankam, also kleidete er sich auch so, wie es die Öffentlichkeit von ihm erwartete. Er trug Alpaca-Pullover, gestrickte Hemden, Khakihosen und wechselte langsam über zu Polyesterhosen, bedruckten Nylonhemden und ausgetretenen Loafers. Er gehörte nicht zu den Leuten, die mit ihrer Kleidung einen visuellen Präzedenzfall setzen wollten, weshalb sein Lebensstil so unvereinbar mit seinem Aussehen war. AUTO FOCUS

Anne hingegen nahm ihre häusliche Verantwortung sehr ernst. Also machte sie sich für ihren Ehemann schick und wollte ihren Kindern mit gutem Beispiel vorangehen. Was auch immer in ihrem Leben vorging: Sie hatte diese Fassade, hinter der sie sich verstecken konnte.“

Wenn es eine Figur in AUTO FOCUS gibt, deren Outfit die freigeistige Haltung der 70er Jahre auf den Punkt bringt, dann ist das Bobs zweite Frau Patty. Weiss erklärt: „Es war eine Zeit, in der man sich selbst feierte. Entsprechend fällt auch die Mode aus, für die Patty steht. Dabei geht es nicht darum, ihre Brüste mehr zum Vorschein zu bringen oder viel Haut zu zeigen. Aber ihre Mode hat eine sehr lässige, fast nachlässige Qualität, die es ihr erlaubt, sich frei zu fühlen und andere mit ihrem Auftreten zu verzaubern.“

Nachdem Schrader sich um all die nötigen Designelemente gekümmert hatte, wandte er sich an den erfahrenen Kameramann Fred Murphy, um der Ästhetik des Films den letzten Schliff zu verpassen. Durch einen ständigen Wechsel des Filmmaterials, der Entwicklungstechniken und der Ausleuchtungsstrategie gelang es Murphy, den inneren Wandel Cranes visuell zu reflektieren. Murphy sagt: „Paul wollte, dass der Anfang ganz klar und hell ist wie in einem Technicolorfilm. Also benutzten wir sehr sattes, saturiertes Filmmaterial und offene Schatten. Als Bob dann beginnt, Strip-Clubs zu frequentieren, wird der Film dunkler, die Kontraste werden stärker. Das erreichten wir, indem wir hellere Scheinwerfer einsetzten und lichtempfindlicheres Filmmaterial benutzten. Für die abschließende Szene, in der Bobs Leiche gefunden wird, wurde das Negativ einem Bleichungsverfahren unterzogen, das einen ausgebrannten, monochromen Look erzeugt.“

„Meine visuelle Strategie war ziemlich simpel“, gesteht Fred Murphy, „und doch ist sie sehr effektiv: einfach der Übergang von sauberen Linien zum Durcheinander, von einer stabilen, beinahe unbewegten Kamera zu verwackelten Aufnahmen, von gesättigten zu entsättigten Farben. Ein vollständiger schrittweiser Übergang: Die Welt wird immer unstabiler, weniger vorhersehbar.“

AUTO FOCUS

Erstmals in seiner Karriere setzte Schrader hierfür eine Handkamera ein: „Ich habe anfangs so gedreht, wie ich es immer mache: von Schnitt zu Schnitt, organisiert, durchgeplant. Aber dann kamen Szenen, die wir quasi aus der Hüfte geschossen haben, in denen wir dem Zufall eine Chance gaben. Wir filmten einfach mit der Handkamera und ordneten das Durcheinander erst im Schneideraum.“

Für die Szenen, in denen Crane und Carpenter ihre sexuellen Abenteuer auf Video bannen, besorgten sich Schrader und Murphy eine alte Röhrenkamera, die der Kamera, die Crane damals tatsächlich benutzte, sehr ähnlich war. Diese ließ man Seite an Seite mit der regulären Kamera laufen. „Das Bild war wirklich fürchterlich – verzerrt und verschwommen“, sagt der Kameramann.

„Und wir setzten noch einen Diffusionsfilter vorne drauf, um den Effekt zu verstärken, weil wir nicht wollten, dass das Publikum die Bilder klar erkennen kann.“

Für den Filmscore arbeitete Schrader mit dem langjährigen David-Lynch-Mitstreiter Angelo Badalamenti zusammen, der dem Regisseur bereits die Musik für The Comfort of Strangers (Der Trost von Fremden, 1989), Witch Hunt und Forever Mine komponiert hatte. Schrader berichtet: „Bisher haben Angelo und ich ein Jazzscore und zwei klassische Filmscores miteinander gemacht. Betrachtet man all die Scores, die er für mich geschrieben hat, dann kommt dieser am ehesten an das heran, wofür er bekannt ist: Es ist eine Art Synthesizermusik wie für einen Lynch-Film, eine Mischung aus Jazz und Synth.“

Dass die Filmemacher innerhalb der knapp bemessenen Drehzeit von 33 Tagen so viel leisten konnten, ist laut Allain vor allem der akribischen Vorbereitung und dem teamorientierten Arbeitstil von Paul Schrader zu verdanken: „Paul ist ungeheuer präzise. Er weiß, wann er die Aufnahmen im Kasten hat, die er braucht. Er versteht die Zurückhaltung, die man auf Grund von Budgetbedürfnissen walten lassen muss. Gleichzeitig ist er sehr fair und hört auf die Meinung seines Teams – erst dann trifft er die endgültigen Entscheidungen.“

 

M.V.

 

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