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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Filmrezensionen - City of God

 

Walter Salles und Donald K. Ranvaud

präsentieren eine

O2 Filmes und VideoFilmes und Hank Levine Film Produktion

in Zusammenarbeit mit

Globo Filmes, Lumière, Studio Canal und Wild Bunch


Ein Film von Fernando Meirelles

City of God

 

Kinostart: 8. Mai 2003

 

Stab

Produktion Andrea Barata Ribeiro, Mauricio Andrade Ramos
Koproduktion Daniel Filho, Donald K. Ranvaud, Globo Filmes, Hank Levine, Juliette Renaud, Marc Beauchamps, Vincent Maraval (Wild Bunch/Studio Canal), Walter Salles
Regie Fernando Meirelles
Co-Regie Katia Lund
Drehbuch Bráulio Mantovani
Kamera César Charlone (ABC)
Kostüme Bia Salgado
Casting Fátima Toledo
Schnitt Daniel Rezende
Ton Zeta Audio: Martin Hernandez Guilherme Ayrosa, Paulo Ricardo Nunes
Musik Antônio Pinto, Ed Côrtes

BESETZUNG

Die Hauptcharaktere:  
City of God
Buscapé (als Kind) Luis Otávio
Buscapé (als Erwachsener) Alexandre Rodrigues
Dadinho (auch 'Löckchen' genannt) Douglas Silva
Locke / Zé Pequeño (Dadinho als Erwachsener) Leandro Firmino da Hora
Bene (als Erwachsener) Phelipe Haagensen
Sandro Cenoura (auch Karotte genannt) Matheus Nachtergaele
Mane Galinha Seu Jorge
   
Die 'Wild Angels':  
Cabeleira (Älterer Bruder von Bené) Jonathan Haagensen
Marreco (Älterer Bruder von Buscapé)  Renato de Souza
Alicate Jefechander Suplino
   
In weiteren Rollen:  
Bérénice Roberta Rodriguez Silvia
Tiago Daniel Zettel
Filé com Fritas Darlan Cunha
Angélica Alice Braga
Cabeçao Mauricio Marques
Paraíba Gero Camilo
Buscapés und Marrecos Vater Edson Montenegro
Marina Cintra Graziala Moretto
Rogério Reis Gustavo Engracia
   
u.v.a.  

Story

Die Cidade de Deus ist eine Barackensiedlung am Rande von Rio de Janeiro – fern der Postkartenbilder der Zuckerhut-Metropole. In einer langen Rückblende erfahren wir die Geschichte zweier Jugendlicher, Zé Pequeño und Buscapé, deren Lebenswege sich mehrfach kreuzen. Am Ende ist der Tod des Gangsters Zé Pequeño der Anfang der Karriere von Buscapé als Fotoreporter.

City of God So beginnt der Film: ein großes Schlachtermesser wird rhythmisch über den Schleifstein gezogen, Zé Pequeño, genannt Locke, feiert mit seiner Gang ein Fest. Doch eines der Schlachttiere, ein Huhn, kann sich befreien und rennt in panischer Hast davon. Auf seiner Flucht durch diese verdreckte, wimmelnde Barackenstadt wird es von Zé Pequeños grölender Gang verfolgt, für die diese Jagd ein Heidenspaß ist. Plötzlich treffen sie auf Buscapé, der auf Zé Pequeños Befehl das Huhn einfangen soll. Als am anderen Straßenende die Polizei aufzieht, steht Buscapé zwischen den Uniformierten und Zé Pequeños schwer bewaffneter Gang.

Mit einer kreisenden, wirbelnden Bewegung umfährt die Kamera Buscapé und dieser Strudel zieht uns zurück an den Beginn der Geschichte, in die späten sechziger Jahre, als Buscapé und Zé Pequeño, der damals noch Dadinho hieß, Kinder waren.

Damals wurde mit städtischen Mitteln eine neue Barackenstadt, die Cidade de Deus errichtet, um den durch die Wirtschaftskrise verarmten Mittelstand und die Arbeiterschaft in geordnete Verhältnisse – in Wirklichkeit ein geordnetes Elend – zu führen. In dieser auf dem Reißbrett entwickelten Barackensiedlung, stehen an baum- und strauchlosen Wegen die kleinen Hütten ordentlich aufgereiht. Die Väter gehen noch ihren Berufen nach, arbeiten als Fischhändler, Wirtsleute oder auch in einer Fabrik – die Söhne jedoch, darunter auch Buscapé, Marreco, Bené, Cabeleira und Aicate, träumen vom schnellen Reichtum.

In diesen frühen Tagen wird das Leben der Kids in der Cidade de Deus von einer Jugendgang, den 'Wild Angels' beherrscht: neben Aicate sind das Buscapés Bruder Marreco und Cabeleira, der große Bruder von Bené. Ihr Motto ist ein ungebändigtes Toben, immer hart am Rande der Legalität – oft auch jenseits davon. City of God

Von Dadinho, dem besten Freund Benés, werden die 'Wild Angels' zu einem Überfall angestiftet, der die Verhältnisse in der Cidade de Deus nachhaltig erschüttert: Dadinho will einmal ein gefürchteter Gang-Leader sein und bewundert die 'Wild Angels'. Er stiftet sie an, ein Bordell zu überfallen und die Freier und Huren zu berauben. Aber, obwohl er der Ideenlieferant ist, soll 'Der Kleine' lediglich Wache schieben. Nachdem die Großen drinnen bereits mehrere Freier überfallen und niedergeschlagen haben, warnt ein Schuss von Dadinho das Trio vor der Polizei und sie fliehen.

Drei Monate später: nach dem Überfall auf das Bordell hat die Polizei die Razzien und Kontrollen in der Cidade de Deus drastisch verschärft. Buscapé und sein Bruder Marreco ziehen von Haus zu Haus und verkaufen von einem Handwagen Fisch. Aber der ältere Marreco bändelt auch mit den frustrierten Hausfrauen an und wird dabei von einem misstrauischen Ehemann ertappt. Zwei Menschen müssen dafür sterben. Die Epoche der 'Wild Angels' ist zu Ende.

Ein Zeitsprung in die siebziger Jahre: in der heruntergekommenen Barackensiedlung haben Dadinho und Bené, inzwischen selbst junge Erwachsene, mittels brutaler Liquidationen fast den gesamten Drogenhandel unter ihre Kontrolle gebracht. In einer reportageartigen Sequenz erfahren wir die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre: Um für den Unterhalt ihrer Familie zu sorgen, organisierten einst Hausfrauen von ihren Wohnungen aus den Drogenhandel bis sie von ihren nun erwachsen gewordenen Lieferantenjungen mit Gewalt verdrängt wurden. Daran anschließend, wie ein Exempel dieser allgemeinen Entwicklung: die Erzählung des legendären Aufstieges des Dealers Sandro Cenoura, genannt Karotte. Er ist ein Freund Benés, und der einzige der 'alten' Drogenbarone, den Dadinho und Bené – zumindest vorerst noch – neben sich dulden.

City of God In einer dieser Drogenwohnungen will sich Buscapé gerade einen Joint kaufen als Dadinho mit seiner Gang auftaucht. Anlass für den Erzähler des Films, noch einmal zurück zu blenden und die Geschichte von Dadinho zu erzählen, der sich irgendwann von einem Schamanen in Zé Pequeño 'umtaufen' ließ:

Vor zehn Jahren hatte er den 'Wild Angels' den Tip zum Überfall auf das Bordell gegeben. Weil er sich ärgerte, dass er dabei nur Schmiere stehen sollte, hatte er das Trio mit einem Schuss fälschlich vor der Polizei gewarnt, um nach deren Flucht die verschreckten Freier und Huren mit geiler Mordlust zu erschießen. Wegen der darauf folgenden Polizeirazzien verschwanden Dadinho und Bené von der Bildfläche und trieben sich in den kommenden Jahren anderswo in Rio herum, lebten von Überfällen und Gaunereien. Als Marreco, Buscapés älterer Bruder, sie einmal zufällig trifft, wird er von Dadinho kaltblütig erschossen. Dadinho und Bené, inzwischen vielleicht 18 Jahre alt, beschließen in die Favelas zurückzukehren und dort das Drogengeschäft zu übernehmen.

Von dieser Bereinigung der Machtverhältnisse profitieren die Einwohner der Favelas in ihrer Art, denn die Auseinandersetzungen der einzelnen Gangs waren immer wieder Anlass für Gewalt und Aufstände. Nun, da sich Zé Pequeño und Bené fast als Alleinherrscher in der Cidade de Deus durchgesetzt haben, ist eine kriminell verordnete Ruhe eingekehrt. Lediglich einige Kinderbanden terrorisieren noch die Läden und Passanten, provozieren dadurch Razzien der Polizei und stören so den reibungslosen Ablauf der Geschäfte. So überfällt Zé Pequeño eine dieser Kinderbanden und statuiert an ihnen ein grausames Exempel: Obwohl die Kinder schon kapituliert haben, zwingt er einen der Jungs, einen anderen zu erschießen.

In den Umkreis und Sog der Drogenhändler werden aber nicht nur die Jugendlichen der Favelas gezogen, sondern auch einige Kinder aus bürgerlichem Elternhaus, die sich ihren Drogenkonsum mit Botengängen zu verdienen suchen. Einen dieser Jungs, Tiago, erwählt Bené praktisch zu seinem Assistenten. Er ist dafür zuständig, ihn in allen Fragen des Stils – so die Wahl der Klamotten, der Uhren und der Haarfarbe - zu beraten. City of God

Hier deutet sich auch ein tiefer Konflikt zwischen Zé Pequeño und Bené an: für Bené sind die enormen Geldsummen, die er mit dem Drogenhandel 'verdient', nur das einfachste Mittel, sich ein schönes Leben zu machen; für Zé Pequeño dagegen sind Kontrolle und straflose Gewalt das höchste Ziel seines Lebens.

Mit zwei weiteren Exkursen zeigt der Film auch Buscapés Bemühungen, mit einfacher Arbeit oder kleinen kriminellen Aktionen Geld zu verdienen – und er zeigt, wie ihm beides nicht gelingt: aus dem Kaufhaus, in dem er sich einen Job beschafft hat, wird er hinausgeworfen, weil man ihn verdächtigt, mit Ladendieben gemeinsame Sache zu machen, und bei Überfällen entwickelt er regelmäßig zuviel Mitgefühl und Sympathie für die Opfer. Darüber hinaus hat er auch das Mädchen, in das er sich am Strand verliebt hat, inzwischen an Bené verloren. Ihretwegen will Bené sogar aus dem Drogengeschäft aussteigen und organisiert zum Abschied eine große Party, zu der er alle rivalisierenden Gruppen der Favelas eingeladen hat.

Ein Tanz auf dem Vulkan: Zé Pequeño will nicht akzeptieren, dass sein Freund Bené die Liebe dem brutalen Räuberleben vorzieht, und im weiteren Trubel der Nacht wird Bené durch einen Schuss, der eigentlich Zé Pequeño galt, erschossen. Dieser Mord beginnt das gesamte Machtverhältnis der Favelas aufzubrechen. Sandro Cenoura („Karotte“), der einzig verbliebene Konkurrent, stand bisher immer unter dem Schutz von Bené, nun muss er sich gegen Zé Pequeño wehren.

City of God Erneuter Exkurs: Um sich für die Zurückweisung einer begehrten Frau zu rächen, demütigt Zé Pequeño deren Freund, Mane Galinha, und spitzt diesen Privatterror immer weiter zu: Während er die Frau von seiner Gang vergewaltigen läßt, zwingt er Mane Galinha, der Misshandlung zuzusehen und überfällt anschließend auch noch Mane Galinhas Haus. Bei der Auseinandersetzung fallen schließlich sein Bruder und sein Onkel der brutalen Gewalt Zé Pequeños zum Opfer – willkommener Anlass für Sandro Cenoura, sich den Hass von Mane Galinha zu Nutze zu machen und ihn als Verbündeten gegen Zé Pequeño zu rekrutieren.

Anfang der achtziger Jahre: Der Bandenkrieg eskaliert. 'Vernünftige' Geschäfte sind nicht mehr möglich. Mit Überfällen auf Waffenhandlungen rüsten die rivalisierenden Banden auf. Immer mehr Unschuldige werden Opfer in diesem brutalen Machtkampf, und Mane Galinha, der früher ein äußerst friedliebender Zeitgenosse war, entwickelt sich zu einem mindestens ebenso berüchtigten Gangster wie Zé Pequeño und Sandro Cenoura. Als Mane Galinha bei einem Überfall angeschossen und im Krankenhaus behandelt wird, berichten die Medien in großer Aufmachung über diesen kriminellen Star. Zé Pequeño ist wütend über die 'Gute Presse' für die Konkurrenz – denn wenn hier einer der Star ist, dann doch wohl er!

Erneute Rückblende: kurz bevor Bené auf seinem Abschiedsfest erschossen wurde, hatte er Buscapé einen Fotoapparat geschenkt, der ihm gerade für ein paar Joints angeboten worden war. Für Buscapé ist damit die Erfüllung seines Traumes näher gerückt: eine eigene Kamera zu haben, um als Foto-Reporter das Leben der Stadt einfangen zu können. Immerhin arbeitet er inzwischen schon als Laufbursche bei einer großen Tageszeitung.

Als Buscapé zufällig Zé Pequeño und seinen Leuten begegnet, will sich der sofort von Buscapé fotografieren lassen: richtig groß, wild, gefährlich und böse will er aussehen, eben so, wie er sich einen kriminellen Star vorstellt. Durch einen Irrtum werden diese Fotos von Zé Pequeño und seiner Gruppe in der Tageszeitung veröffentlicht, aber während Buscapé noch befürchtet, damit sei etwas Schlimmes passiert, erfüllt sich genau Zé Pequeños eitler Wunsch. Nun ist er der Star! Jetzt prangt sein Foto von den Titelseiten der Tageszeitungen! City of God

Kein Fotograf hatte sich bisher in die Favelas getraut, um ein Foto der rivalisierenden Gangster zu bekommen. Aufgrund dieses meisterlichen Schnappschusses kann Buscapé fortan als regulärer Fotograf für die Zeitung arbeiten. Bei einem seiner Streifzüge durch die Cidade de Deus, seinem Zuhause, begegnet er schließlich wieder Zé Pequeño, der mit seiner Bande gerade das entlaufene Huhn jagt.

In einer großen Kreisbewegung sind wir so fast wieder am Anfang der Filmerzählung angekommen: Als am anderen Straßenende die Polizei auffährt, steht Buscapé zwischen den beiden schwer bewaffneten Gruppen... doch die Polizei zieht sich vor der Gang zurück, die sich im Rausch dieses Erfolgs nun wieder stolz von Buscapé fotografieren lässt.

Nur kurz darauf: Sandro Cenoura und Mane Galinha locken Zé Pequeño und seine Bande in einen Hinterhalt. Der Kampf eskaliert. Während sich die Gang-Mitglieder gegenseitig erschießen, will Buscapé das eine, das alles zusammenfassende Foto von diesem Ghetto-Krieg bekommen. Er kennt die Schleichpfade und Abkürzungen in diesem Labyrinth und verfolgt in wilder Jagd die Gegner. Mane Galinha wird tödlich getroffen, erschossen vom Bruder eines seiner früheren Opfer, und nicht weit davon entfernt, verhaftet die Polizei schließlich Sandro Cenoura und Zé Pequeño... Hier wie dort ist Buscapé zur Stelle, um mit seinen Fotos zu zeigen, was passiert. Die Verhaftung zweier mächtiger Gangster? Nein, die Polizei braucht nur Sandro Cenoura; „als Futter für die Medien“, sagen sie.

Kaum aber ist Zé Pequeño frei – gegen ein gehöriges Handgeld für die Polizei – , da macht sich eine Kindergang mit großkalibrigen Waffen über den großen Verbrecher her. Buscapé wird erneut Zeuge, wie eine Etappe in der Cidade de Deus zu ihrem Ende kommt. Der durchlöcherte Körper eines Mitzwanzigers in der Rinne einer schäbigen Gasse. Achtlos davonziehend: eine Horde Jungs, die anderswo die Grundschule besuchen würden. Ihre schweren Revolver stecken in kurzen Hosen...

 

Facts and Rumors - Betrachtungen

FERNANDO MEIRELLES ÜBER CITY OF GOD

 

Die Anfänge des Projekts

Ein Freund gab mir Paulo Lins' Roman „Cidade de Deus“ zu lesen und versuchte bei dieser Gelegenheit auch, mein Interesse für eine Verfilmung dieses 600 Seiten starken Buches zu wecken. Ehrlich gesagt habe ich keinen Moment lang ernsthaft geglaubt, dass das überhaupt möglich wäre. Ich wusste, dass der Roman von den Anfängen des Drogenhandels in Rio de Janeiro handelt – eine gleichermaßen brutale wie hoffnungslose Geschichte, die ausschließlich in den Favelas spielt. Hinzu kommt, dass ich selbst niemals Kokain genommen habe, kein spezifisches Interesse an dem Thema entwickeln konnte, sehr wenig über die Favelas und die Organisation des Drogenhandels dort wusste und mir außerdem gar nicht vorstellen konnte oder wollte, meine Familie in Sao Paulo zurück zu lassen, um einen Film in Rio zu drehen.

City of God Das Buch habe ich dennoch – auch wegen der großartigen Kritiken, die es bekommen hatte – gelesen. Spätestens nach hundert Seiten musste ich meinem Freund beipflichten, dass der Roman tatsächlich eine ungemein spannende Geschichte erzählen würde. Nach weiteren hundert Seiten begann ich mir hier und da ein paar Stellen anzustreichen.

Zum Schluss hatte ich mir auf der Innenseite des Buches eine umfangreiche Liste der wichtigsten Schauplätze und Charaktere zusammen geschrieben und war absolut begeistert von dieser Geschichte. Heute weiß ich, daß nicht ich entschieden habe, den Roman zu verfilmen, sondern dass das Buch mich zu seiner Geisel nahm und regelrecht von mir verlangte, es zu verfilmen.

 

 

Weshalb ich „Cidade de Deus“ verfilmen wollte

Das Buch war für mich eine Offenbarung – die Offenbarung einer mir bisher unbekannten Seite meines Landes. Ich hatte natürlich andere Bücher und Artikel über die Favelas und den Drogenhandel gelesen, ich dachte auch, eine halbwegs präzise Vorstellung von der sozialen Apartheid zu haben, die die brasilianische Gesellschaft bestimmt, aber das Buch hat dies alles weit hinter sich gelassen und konkrete Vorstellungen dieser abgeschirmten Welt geweckt.

Paulo Lins ist selbst in der Cidade de Deus aufgewachsen und beschreibt in seinem Buch Figuren, mit denen er in Berührung kam, wenn er nur aus dem Fenster sah. Diese endlose Reihe der in der Blüte ihres Lebens getöteten Jugendlichen und die Geduld, mit der diese Gewalt von denen, die hier leben, ertragen wird, hat mich am stärksten an diesem Buch fasziniert und bewegt. Sechzehnjährige wissen, dass sie die besten Jahre ihres Lebens bereits hinter sich haben und mit Glück noch drei oder vier Jahre leben werden. City of God

Sie wissen, dass sie sehr wahrscheinlich jung sterben werden und sie akzeptieren diesen Tod wie ein unausweichliches Schicksal.

Diese Verschwendung von Leben ist das Thema des Films.

 

Adaption

Es ist alles andere als einfach, ein Buch von 600 Seiten und mit 300 Figuren in einen Film von zwei Stunden Länge zu 'übersetzen'. Wir hatten von Anfang an beschlossen, aus dem Roman keinen einzelnen Handlungsstrang zu isolieren, denn an dem Buch beeindruckte mich vor allem der Überfluss an Figuren und Geschichten. Mir schwebte daher weniger der klassische Aufbau in drei Akten vor, sondern eine Fülle verschiedener in- und gegeneinander verlaufender Geschichten, in denen man die Atmosphäre und Stimmung des Buches wiederfinden würde. Es war ebenfalls wichtig, dass der Film bereits Ende der sechziger Jahre begann und bis in die achtziger Jahre reichte. So gewann die Geschichte das Format einer großen Saga anhand derer wir die Entstehung des Drogenhandels in Rio nachzeichnen konnten.

City of God Der Roman selbst hat keine Hauptfigur, aber mein Drehbuchautor Bráulio Mantovani und ich waren von Anfang an der Meinung, daß im Film Buscapé diese Hauptfigur darstellen sollte. Buscapé ist vielleicht ein Alter Ego von Paulo Lins, jedenfalls ein aufmerksamer und sensibler Beobachter/Erzähler, der sich nicht aktiv einmischt, aber dennoch Teil des gesamten Geschehens ist.

Die schwierigste Aufgabe bei dieser Adaption war die konsequente und rigorose Reduktion: aus dem Überfluss einzelner Szenen die entscheidenden Entwicklungen heraus zu arbeiten, einzelne Dinge aufzugeben und zwei oder drei Figuren zu einem einzigen Charakter zusammenzufassen. Es brauchte vier Drehbuchfassungen, bis ich den Eindruck hatte, dass der Film wirklich realisierbar sein würde. Danach begannen wir mit den konkreten Vorbereitungen, aber in den folgenden zwölf Monaten hat das Drehbuch noch acht weitere Stadien durchlaufen. Katia Lund, die den Alltag der Favelas gut kennt, begann mit uns zusammenzuarbeiten und wusste wertvolle Ratschläge beizusteuern. Unser Kameramann César Charlone arbeitete ebenfalls bereits mit uns zusammen, und letztlich entwickelten alle Mitarbeiter bei den Proben neue Situationen und schrieben die Texte neu.

Paulo Lins beriet uns ebenfalls, wenn wir Zweifel bekamen, was die Glaubwürdigkeit und Authentizität eines bestimmten Verhaltens, einer Geste oder auch einem Detail der Ausstattung anging. Braulio Mantovanis Aufgabe war es dann, all die Vorstellungen unserer Mitarbeiter zusammenzubringen und abzugleichen. Die zwölfte Fassung war schließlich die, mit der wir drehten. Aber selbst da gab es noch viele Änderungen. Nach zwei Wochen Dreharbeiten verlor ich gar mein eigenes Buch. Ich kümmerte mich aber erst gar nicht um einen Ersatz, denn ich hatte inzwischen so lange und so intensiv damit gearbeitet, gelebt, geschlafen und geträumt, ich hatte die meisten Szenen wieder und wieder, und jedes mal anders, durchgespielt, dass ich den Film bereits vollständig im Kopf hatte.

 

Das Konzept der Besetzung

Die Zuschauer von CITY OF GOD sollten die Darsteller unmittelbar mit ihren Figuren im Film identifizieren. Sie sollten in dem Darsteller von Zé Pequeño nicht nur eine herausragende schauspielerische Leistung bewundern, sondern glauben, sie beobachten Zé Pequeño selbst. Daher stammt die Idee, mit unbekannten Darstellern zu arbeiten. Ich wusste, dass das die schwierigste Aufgabe sein würde: Hunderte von jungen Burschen im Alter zwischen zwölf und neunzehn Jahren zu finden; meistens Mischlinge oder Schwarze; sensibel, charismatisch, intelligent, großherzig und ungebunden.

Für diese Arbeit benötigten wir ein ganzes Jahr, und erst nachdem wir mit den Ergebnissen wirklich zufrieden waren, wollten wir mit den technischen Drehvorbereitungen beginnen. Für einen Regisseur der aus Sao Paulo stammt und der Mittelschicht angehört, ist es nicht gerade einfach in den Favelas von Rio geeignete Darsteller zu finden. Ich brauchte jemanden, der mir hier die Türen öffnen konnte. Und dieser Schlüssel war vor allem Katia Lund. City of God

Katia hatte bereits mehrere Filme in den Favelas von Rio de Janeiro gedreht. Sie hatte Freunde und viele andere Kontakte und kannte auch die strengen Codes der Drogenhändler. Sie stammt ebenfalls aus Sao Paulo, ist ein Kind amerikanischer Eltern, und wirkte mit ihren roten Haaren und einer ungewöhnlich weißen Haut in den Gassen der Favelas wie eine Außerirdische. Aber Katia war vollkommen in ihrem Element. Ich besuchte sie und wie ich es erwartet hatte, war sie von Anfang an für dieses Projekt begeistert. Sie kniete sich förmlich in dieses Projekt und brachte schließlich noch mehr ein als ich überhaupt erwarten konnte.

Guti Fraga war ein weiterer 'Schlüssel'. Er ist Schauspieler, der aber mit einer außergewöhnlichen Willenskraft in der Favela Vidigal eine Theatergruppe gegründet und geleitet hat. Fast ohne irgend eine Unterstützung hat er es geschafft, in den Favelas einen Workshop aufzubauen, an dem 300 Studenten in den verschiedensten Bereichen – Literatur, Tanz, Musik, Kino und Theater – teilnehmen. Er war unser Mann. Wir luden ihn ein, unser Projekt zu unterstützen ohne hoffen zu können, dass er selbst sich in dieses Projekt einbringen würde. Aber das war glücklicherweise ein Irrtum. Fraga las das Drehbuch, war begeistert und beschloss sich selbst dafür einzusetzen, obwohl er bereits ein unglaubliches Arbeitspensum zu bewältigen hat. Damit wusste ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

 

Die Auswahl der Schauspieler

Vom Fundicao Progresso, einem der aktivsten Kulturinstitute in Rio, erhielten wir mannigfache Unterstützung. Dort richteten wir auch unsere Produktionsbüros ein. Inzwischen waren wir sechs Mitarbeiter, die täglich in die verschiedenen Favelas von Rio ausschwärmten: Rocinha, Cantagalo, Chapeu, Cidade de Deus, Dona Marta, Vidigal und andere. Wir informierten die Nachbarschaftseinrichtungen, dass jeder, der an einem Schauspielkurs teilnehmen wollte, einen Aufnahmetest ablegen könne, ohne dabei aber unser Filmprojekt zu erwähnen.

City of God Zu diesen Terminen erschienen oft Hunderte von Interessenten, von denen wir Probeaufnahmen machten. Wir besuchten auch Theatergruppen und Sozialeinrichtungen für Kinder. Nach vierzig Tagen hatten wir bereits 2.000 Probeaufnahmen gemacht. Diese Probeaufnahmen haben wir dann zusammen angesehen und eine Vorauswahl getroffen, bei der 400 Kandidaten übrig blieben. Die Auswahlkriterien waren dabei sehr subjektiv: „Der Typ hat ein komisches Gesicht, den könnten wir nehmen.“

Oder: „Der sieht ziemlich traurig aus, den brauchen wir nicht.“ Vielleicht auch: „Der wirkt sehr aggressiv, der gefällt mir.“ Jeder wählte seine Kandidaten aus, ohne ein Vetorecht bei der Wahl der anderen.

In den darauf folgenden zwei Wochen verabredeten wir uns mit diesen 400 Kandidaten. Guti ließ sie ein bisschen vor der Kamera agieren und schlug dann eine gemeinsame Improvisation vor. Alles wurde auf Video aufgezeichnet und ausführlich dokumentiert. Danach sahen wir uns gemeinsam diese Aufnahmen an und wählten erneut 200 Kandidaten aus, die dann an Gutis Workshop teilnehmen sollten. Diese 200 Kinder oder Jugendlichen unterteilten wir entsprechend ihrem Alter und ihren Fähigkeiten in acht Gruppen. Sie kamen zwei mal pro Woche und erhielten dafür ein Mittagessen und die Fahrtkosten erstattet. Es gab vier Schichten mit insgesamt elf Schulstunden täglich. Guti leitete diese Arbeit mit der Unterstützung von zwei Assistenten. Dazu kamen noch Katia und ich.

Wir erzählten aber keinem der Kinder, dass wir einen Film drehen würden. Als sie dann doch merkten, daß wir die Regisseure waren, hatten sie sich bereits an uns gewöhnt und waren selbstbewusst genug, um uns zu widersprechen, wenn sie mit unseren Vorstellungen nicht einverstanden waren oder wenn sie eigene Ideen einbringen wollten. Nach zwei Monaten bekamen einige auch Einzelunterricht.
Über die gesamte Zeit dieser Workshops hielt ein großartiger Enthusiasmus die Gruppen zusammen und ermöglichte uns, diesen unruhigen Haufen zu unterrichten.

 

Schauspielunterricht

Während der ersten Unterrichtsstunden sollten sich die Kinder vor allem entspannen und mit ersten Übungen beginnen. Guti wollte ein gegenseitiges Verständnis entwickeln. Ein Teamgefühl sollte entstehen, ihre unterschiedliche Herkunft sollte dabei an Gewicht verlieren. Von Anfang an ließen wir dabei auch eine Kamera laufen, um die Kinder daran zu gewöhnen. Nach einiger Zeit begannen wir mit freien Improvisationen und noch später auch mit Improvisationen einzelner Filmszenen. Die Gruppen wurden nochmals unterteilt, die jeweils einzelne Szenen vorbereiteten, um sie dann vor laufender Kamera der ganzen Gruppe vorzuspielen. Die kritische Beurteilung dieser Szenen durch die Kinder zielten immer auf den Wahrheitsgehalt der Darstellung. Sie wollten von ihren Mitspielern keine Interpretation, sondern dass ihr Spiel authentisch wirkte.

Am Ende dieser Kurse nahmen wir von allen Teilnehmern einige Statements auf. Für die meisten war die Erfahrung eine Bereicherung. Viele fanden, dass ihnen dieser Unterricht Disziplin und Konzentration gelehrt hatte. Die nachfolgende Besetzung der einzelnen Rollen verlief deutlich konventioneller: Die wichtigeren Nebenrollen oder die der Erwachsenen übertrugen wir meistens professionellen Schauspielern, wobei wir aber darauf achteten, dass sie nicht allzu bekannt waren. City of God

Der Beitrag der Schauspieler

Während des Workshops wurde jede Szene von den einzelnen Gruppen mehrfach geprobt. Jedesmal wurden dabei einzelne Sätze gestrichen oder hinzugefügt, Reaktionen oder Späße eingefügt oder die Absichten verdeutlicht. Diese Beiträge wurden dann an Bráulio Mantovani weitergereicht, der diese Vorschläge in eine neuere Fassung einarbeite und wieder zu den Proben zurückschickte. Er kam öfters nach Rio um diese Proben zu beobachten und die Sprache der Kinder besser zu verstehen.

City of God

Aber was wir unseren Kids wirklich verdankten war weit mehr: falls eine Situation oder ein Dialog nichts in ihnen zum Klingen brachte, falls ihre Welt einfach nicht auftauchte darin, wurde sie gestrichen. Dann hatte sie kein Existenzrecht mehr.

Als ich die einzelnen Dialoge für die englischen oder französischen Untertitel aufschrieb, wurde mir erst deutlich, wie viel die Kids zu ihren Texten beigesteuert hatten. Ihre Sätze sind oft nur sehr kurz, telegrammartig, manchmal wiederholen sie sie zwei- oder dreimal.

Aber jede Zeile steckt so voller Erfindungen und Slangausdrücke! Kein Drehbuchautor könnte an seinem Computer diesen Sprachrhythmus erfinden, er könnte sich noch so sehr anstrengen.

 

Die Dreharbeiten

Der Film erzählt von der Zeit – Anfang der siebziger Jahre – als die Drogenbarone die Herrschaft in den Favelas übernahmen. Das spielte sich in allen Favelas sehr ähnlich ab. Heute wird jede Gemeinde von einem 'Eigentümer' regiert, der seine eigenen Gesetze macht und spricht.

Als ich zum ersten Mal die Cidade de Deus besuchte, ließ ich mein Auto in einer sehr belebten Straße stehen und ging, begleitet von einem Jungen, der für die Drogenbarone arbeitete und mich vor Ärger beschützen sollte, zu Fuß weiter. Nach nicht einmal dreißig Metern presste mir ein Kind eine riesige Pistole in den Rücken. Er hätte sicher geschossen, wenn mein Begleiter nicht eingriffen hätte. Der Junge mit der Pistole verschwand sofort. Mein Herz schlug bis zum Hals und mir wurde klar, dass Paulo Lins in keinem Detail übertrieben hatte.

Für einen Außenstehenden, sind die Favelas eine vollkommen unbekannte Welt. Es gibt keine staatliche Gewalt, die normalen Gesetze haben hier keine Gültigkeit, statt dessen gibt es andere. Die Polizei wird einzig als Bedrohung erlebt, die nur Konflikte und Unruhe schafft. Die 'Eigentümer' sind in den Favelas vieles zugleich, zum Beispiel auch Richter, die ebenso über persönliche oder familiäre Belange entscheiden wie über öffentliche Angelegenheiten. City of God

So wurde ich zufällig Zeuge, als der Bürgermeister der Cidade de Deus einen Assistenten des Drogenbarons anrief und um die Genehmigung bat, einige Glühbirnen der Straßenlampen in einem Bezirks auswechseln zu dürfen. Nun wollte er wissen, wann er die Lastwagen schicken könnte. Die Drogenbarone entschieden, ob wir filmen durften, nicht die städtische Verwaltung. Um innerhalb der Favelas zu filmen, braucht man die Hilfe eines einheimischen Produzenten, der weiß, wie man gegebenenfalls den 'Eigentümer' erreichen kann und an welche Regeln man sich halten muss.
Man hat mir berichtet, dass unser Drehbuch bis in das Hochsicherheitsgefängnis von Bangu gelangt ist und erst dort von einem 'Entscheidungsträger' genehmigt werden musste – übrigens mit der Auflage, dass wir keinen amerikanischen Film drehen, sondern die Wirklichkeit der Favelas zeigen, wie sie ist.

Ursprünglich wollten wir tatsächlich in der Cidade de Deus drehen. Doch zu unserem großen Glück hatten wir bereits vor sechs Monaten dort einen Kurzfilm gedreht und erlebt, dass es vollkommen unmöglich sein würde, dort länger zu bleiben. Während der wenigen Wochen, an denen wir unseren Kurzfilm drehten, mussten wir uns mit endlosen Problemen herumschlagen. Am ersten Drehtag, hatte der 'Eigentümer' beschlossen, dass wir nicht drehen dürften, weil er unser Drehbuch als zu gewalttätig erachtete. Er ließ uns mitteilen, dass ein Film keine Drogenhändler zeigen sollte, damit die Jugend sich daran kein schlechtes Beispiel nehme. Wir improvisierten Drehorte und mussten jeden Tag neue Probleme lösen. Das endlose Geknalle von Schusswaffen, die beschämende Unfähigkeit eines Polizeioffiziers, der uns beschützen sollte, die allgegenwärtigen, schwerbewaffneten Drogenhändler um uns herum ließen uns schließlich davon Abstand nehmen, unsere City Of God in der wirklichen Cidade de Deus zu drehen.

City of God Den ersten Teil des Films drehten wir schließlich in einem noch unfertigen Siedlungsprojekt, der Nova Sepetiba, dem die Cidade de Deus der sechziger Jahre sehr ähnelt. Die Drogenhändler hatten diese Siedlung noch nicht übernommen und warteten statt dessen bis die Bauarbeiten abgeschlossen waren. Für die weiteren Szenen drehten wir in einem anderen Siedlungsprojekt, das ungefähr in der gleichen Zeit wie die Cidade de Deus entstanden ist, aber auf der anderen Seite von Rio liegt.

Der größte Vorteil war hier, dass der 'Eigentümer' bereits 40 Jahr alt war und damit etwas gesetzter als die neunzehnjährigen Jugendlichen, die anderswo die Favelas kontrollieren. Dieser 'Eigentümer' wollte das Drehbuch sehen und einige Absprachen festlegen: wir sollten möglichst viele Jobs für die Einwohner der Favelas anbieten, wir sollten unsere Wagen peinlich genau kennzeichnen und unsere Ankunft und Abfahrt exakt festlegen. Außerdem bestimmte er die Mietpreise für die einzelnen Drehorte und weitere Extras. Alle diese Verhandlungen wurden über eine Reihe von Boten abgeschlossen, da der Gentleman zu dieser Zeit in einer Zelle im Hochsicherheitsgefängnis von Bangu residierte.

Nachdem all diese Punkte vereinbart waren, gab es keine weiteren Probleme. Wir wurden mit offenen Armen begrüßt und man tat alles, um uns die Arbeit zu erleichtern. Die modernen Wagen wurden weggefahren, wir konnten Garagen mieten, oder auch ihre Wohnungen nutzen, um aus deren Fenstern zu drehen. Keiner beschwerte sich über unseren Krach und es fehlte uns an nichts. Wir mussten nichts unterschreiben – ein Handschlag und ein Wort hatten deutlich mehr Gewicht.

M.V.

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