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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Filmrezensionen - Epsteins Nacht

 

Constantin Film

zeigt

eine Produktion der

Medien & Television München GmbH und

Constantin Film Produktion GmbH

in Co-Produktion mit

Dschoint Ventschr Filmproduktion Zürich

Filmhaus Films Wien

 

Epsteins Nacht

 

Kinostart: 07. November 2002

Länge: 85 Minuten

 

Stab

Regie Urs Egger
Drehbuch Jens Urban
Kamera Lukas Strebel
Schnitt Hans Funck
Ton Thomas Szabolcs, Frank Tenge
Musik Christoph Gracian Schubert
Kostümbild Birgit Hutter
Maske

Gerlinde Kunz, Paul Schmidt, Michaele Orlia

Szenenbild Peter Manhardt
Casting Lucky Englander, Fritz Fleischhacker
Produktionsleitung

Tim Greve, Ulrike Hauff, Karin Schmatz

Co-Produzenten Samir, Dschoint Ventschr Filmproduktion Zürich, Dr. Wolfgang Ramml, Filmhaus Films Wien
Produzent Andreas Bareiß
Produktion

Medien & Television München GmbH, Constantin Film Produktion GmbH

 

BESETZUNG

Jochen Epstein Mario Adorf
Epsteins Nacht
Adam Rose Bruno Ganz
Groll / Giesser Günter Lamprecht
Karl Rose Otto Tausig
Hannah Liebermann Annie Girardot
Paula Nina Hoss
Katharina Josephina Vilsmaier
Der Film wurde gefördert mit Mitteln der Filmboard Berlin-Brandenburg GmbH, des FilmFernsehFonds Bayern (FFF), der Filmförderungsanstalt Berlin (FFA) und des BKM..

 

Story

Epsteins Nacht

Berlin, Frühling 2000. Ein vierschrötiger, ungepflegt wirkender Mann geht mutterseelenallein durch eine belebte Berliner Straße. In den Händen hält er einen Koffer und eine große Plastiktüte. Der Mann schwitzt, denn es herrschen frühsommerliche Temperaturen und er trägt einen schweren Wintermantel. Er betritt eine leer wirkende, stattliche Altbauwohnung und beginnt sich umzusehen. Der Mann heißt Epstein.

Plötzlich steht eine ältere Dame in der Wohnung und spricht ihn auf Französisch an. Auf Jochen Epsteins ruppig und abweisend geäußerte Frage, wer sie sei und ob sie nicht Deutsch spreche, antwortet die Dame prompt: "Du hast nach mir suchen lassen: Hannah Liebermann (ANNIE GIRARDOT)".

Berlin, Weihnachten 1985.

In den verschneiten Straßen sind drei ältere Männer unterwegs. Jochen Epstein (MARIO ADORF) und Adam Rose (BRUNO GANZ) tragen einen großen Weihnachtsbaum. Der dritte der Gruppe, Karl Rose (OTTO TAUSIG), ein angesehener Anwalt, geht einfach nur untätig nebenher. Vorbeikommende Passanten grinsen freundlich. Karl brummt: "Die Leute glotzen schon. Drei Juden mit einem Weihnachtsbaum." Sie streiten und flachsen wie alte Kumpel. Epstein, der Schrotthändler, mokiert sich darüber, dass Adam sämtliche Nachbarn der Roses zur Weihnachtsfeier eingeladen hat. Doch die anderen bezeichnen ihn als "verfressenen alten Schrotthändler".

Adam und Epstein schmücken noch den Baum, als bereits die ersten Gäste eintreffen. Paula (NINA HOSS), die Haushaltshilfe, öffnet die Tür. Sie hat zugesagt, heute an Heiligabend zu helfen. Und Adam musste ihr dafür versprechen, ihre sechsjährige Tochter Katharina (JOSEPHINA VILSMAIER) in die Christmette nach Spandau zu bringen. Denn Katharina singt dort heute Abend im Kirchenchor.

Die kleine Göre quengelt bereits. Adam bittet Karl mitzukommen und das Auto zu fahren, denn Adam hat keinen Führerschein. Doch Karl fühlt sich überrumpelt und lehnt entschieden ab. Epstein erklärt sich bereit, zu fahren. Endlich geht es los. Die Kleine freut sich riesig. In ihrem Übermut haut sie auf den Lichtschalter. Völlige Dunkelheit. Ein Schrei. Das Licht geht wieder an und Paula sieht beklommen, wie sich der verängstigte Adam in Epsteins Arme geflüchtet hat und am ganzen Leibe zittert.

Epsteins Nacht

Es dauert lange, bis Epsteins großer Mercedes die Kirche erreicht. Epstein und Adam setzen sich ganz nach vorn in die fünfte Reihe. 20 Kinder, darunter Katharina, strömen herein und postieren sich auf den Altarstufen. Dann betritt der Geistliche (GÜNTER LAMPRECHT) mit zwei Ministranten den Kirchenraum. Die Gläubigen erheben sich. Der Priester tritt ans Mikrofon, begrüßt die Gemeinde und gibt der Chorleiterin ein Zeichen.

 

Epsteins Nacht Epstein ist merklich irritiert. Alle setzen sich wieder, als der Chor "Ihr Kinderlein kommet" zu singen beginnt. Adam sitzt zusammengesunken in der Bank und hält eine brennende Taschenlampe in der Hand, die er auf den Boden und die Umsitzenden richtet. Sein Banknachbar ist darüber verärgert und beschwert sich. Als Adam weiterhin mit der Lampe spielt, nimmt der Nachbar Adam die Lampe aus der Hand. Das Lied klingt aus, erneut tritt der Priester ans Mikrofon. Epstein ist sichtlich verzweifelt und stößt Adam in die Seite. Der guckt kurz auf und senkt erneut seinen Blick.

Alle erheben sich. Ein neues Lied. Diesmal singen alle mit, auch der Priester, dessen laute, angenehme Stimme dominiert und den übrigen Gesang überlagert. Danach deutet der Priester den Gläubigen mit einem Handzeichen an, Platz zu nehmen. Epstein bleibt als Einziger stehen. Der Priester fordert ihn freundlich auf, ebenfalls Platz zu nehmen. Adam zupft ihn am Ärmel, denn er hat Angst vor diesem Mann mit seiner freundlichen Stimme. Nach einigem Hin und Her verlässt Epstein mit schnellen Schritten das Kirchenhaus. Adam läuft hinterher. Völlig verunsichert springt auch Katharina auf und folgt den beiden.

Viel zu früh kommen Epstein, Adam und die weinende Katharina nach Hause. Epstein fragt Paula nach dem Namen des Gemeindepfarrers. "Groll", antwortet Paula. Karl zieht sich mit Epstein in die Bibliothek zurück. Epstein sagt: "Er war es, Karl. Der Priester in der Kirche. Es war SS-Hauptsturmführer Giesser." Karl kann diese unwahrscheinliche Geschichte nicht glauben. Der Mann, der sein, Adams und Epsteins Leben zerstört, und im KZ Birkenau unmenschliche Grausamkeiten verübt und ihre Familien getötet hat, soll der katholische Gemeindepfarrer sein - der im übrigen gar nicht Giesser, sondern Groll heißt. Adam kommt hinzu: "Vielleicht weiß er, wo Hannah ist." Er wirkt schüchtern und melancholisch, als er das sagt. Hannah war seine große Jugendliebe. Im Lager hatte er ihr oft Liebesbriefe geschrieben, obwohl dies strengstens verboten war.

"Hannah ist tot", sagt Karl und verliert endgültig die Geduld. Doch es ist zu spät. Die Vergangenheit ist wieder erwacht. Epstein erinnert seine Freunde daran, wie sie vollgestopft mit salzigem Hering an die Decke gehängt wurden... und wie Giesser den drei Häftlingen neben Adam kaltblütig in den Kopf schoss. Und das nur, weil jemand Brot ins Lager geschmuggelt und Giesser den Schuldigen finden wollte.

Karl erinnert sich plötzlich an "Groll", denn so hieß der schlesische Priester im Lager. Der Gemeindepriester scheint der inhaftierte Pfarrer aus dem Lager zu sein. Doch Epstein ist nach wie vor überzeugt, dass es sich nur um Giesser handeln kann. Es klopft. Die Gäste und das Büffet warten. Während Karl Rose gute Miene zum bösen Spiel macht und charmant mit den Gästen parliert, sitzt Epstein gedankenverloren am Tisch und trinkt ein Bier nach dem anderen.

Spätabends ist die Feier vorbei. Der angetrunken wirkende Epstein steigt in seinen Mercedes und fährt nach Hause. Frühmorgens wird er unsanft geweckt. Es klingelt Sturm. Karl steht aufgeregt vor der Tür. Adam sei gestern nacht von einem Spaziergang nicht nach Hause gekommen und die Pistole aus seinem Schreibtisch auch weg.

Epsteins Nacht

Adam betritt eine Stunde vor der Frühmesse die Kirche. Pfarrer Groll bereitet gerade den Gottesdienst vor, als ihn Adam anspricht: "Herr Hauptsturmführer?" Adam ist höflich, er will wissen, wo Hannah ist, ob sie noch lebt. Groll versteht nicht. Doch er gibt sich fürsorglich, will diesem verwirrten Mann helfen. Dann zückt Adam die Pistole. Groll behält die Nerven. Langsam geht er auf ihn zu, nimmt ihm die Waffe aus den Händen, legt sie zwischen die Bankreihen.

Epsteins Nacht

Epstein und Karl stürmen in den Kirchenraum. Es kommt zum Disput, in dessen Verlauf Jochen Epstein den vermeintlichen Pfarrer niederschlägt. Groll antwortet: "Sie haben in Birkenau viel gelernt, Herr Epstein." Nur Karl bleibt sachlich und konzentriert, verwickelt Groll in ein Gespräch.

Es stellt sich heraus, dass Groll der Lagerpriester war, so behauptet er es zumindest. Groll spricht über das KZ. Ja, er habe Giesser gekannt, auch Hannah, und er erinnere sich auch an die Roses und Epstein. Zum Beweis seiner Identität zeigt Groll sogar die Nummernfolge, die ihm als Zeichen seiner politischen Inhaftierung in den linken Arm tätowiert worden war. Der Pfarrer erzählt von seiner Flucht aus der Schreibstube Giessers, für den er während der Lagerzeit gearbeitet haben will.

 

Alle Zweifel scheinen beseitigt, als ihm Karl eine Falle stellt. Weil der angebliche Priester jedoch freudig auf die falsche Geschichte eingeht, sind sich die Freunde sicher, den echten Giesser vor sich zu haben. Doch der beteuert vehement, ein einfacher Häftling gewesen zu sein.

Es entbrennt ein erbitterter Streit zwischen Jochen Epstein und dem vermeintlichen Pfarrer. Schmerzhafte Geheimnisse werden enthüllt. Keiner der vier Männer verlässt die Kirche so, wie er sie wenig zuvor betreten hat...

Epsteins Nacht

 

Facts and Rumors - Betrachtungen

Interview mit Mario Adorf

 

Würden Sie das Thema des Films als schwierig bezeichnen?

Es ist wahrscheinlich weniger das Thema des Films, das man als schwierig bezeichnen könnte, ich sehe vielmehr die Schwierigkeit, ja, die Gefahr darin, dass der Film in das aktuelle politische Umfeld gestellt werden könnte. Ich meine damit sowohl die Antisemitismusdebatte, die Herr Möllemann in den deutschen Medien, in Verbindung mit den Wahlen vom 22. September, losgetreten hat als auch die Kritik an der Politik des Staates Israel. Der Film aber handelt von Juden im heutigen Deutschland, ihrer Konfrontation mit der KZ-Vergangenheit.

Die Figur des Epstein ist Opfer und Täter zugleich. Welche Emotionen haben Sie bewegt diese Rolle anzunehmen?

Mich hat in erster Linie die Geschichte interessiert. Sie könnte unwahrscheinlich klingen, beruht aber durchaus auf Tatsache. Dass Nazitäter sich nach dem 2. Welt-krieg in den Schutz der Kirche eingeschlichen haben, ist belegt. Während der Dreharbeiten in Wien bin ich selbst auf die wahre Geschichte eines jüdischen Email-Fabrikanten namens Adler gestoßen, der gemeinsam mit Freunden an einer Wiener Straßenbahn-Haltestelle seinen KZ-Folterknecht als Priester verkleidet wiedererkannte. Sie konnten damals eine Streife der britischen Besatzungsmacht herbeirufen, die den Mann festnahm. Die Engländer haben übrigens mit ihm kurzen Prozess gemacht und ihn aufgehängt. Es waren weniger Emotionen, die mich bewegten, die Rolle anzunehmen. Epsteins Nacht

Für mich galt es vielmehr, die Problematik eines Menschen verständlich zu machen, der ein Opfer war, der in einer unmenschlichen Situation, um das Gute zu tun, nämlich das Leben seiner Freunde zu retten, das Böse tun musste.

Hat nun heute in unserer aufgeklärten Gesellschaft jemand das Recht darüber zu Richten, was Epstein im Dunkel des menschlichen Dschungels beging?

Epsteins Nacht Es ist immer ein Dilemma, wenn man mit den Kategorien unserer heutigen Rechtsprechung über eine Schuld urteilen soll oder muss, die in einer unvorstellbaren, unmenschlichen Situation vielleicht gar nicht Schuld genannt werden kann. Dort nämlich, wo in der Hölle der Vernichtungsmaschinerie alle menschlichen Verhaltensregeln außer Kraft gesetzt waren, denn Epstein hatte eben nicht die Wahl, die ihn schuldig werden oder unschuldig bleiben ließ. Er fühlte sich schuldig, litt jahrzehntelang unter dieser Schuld. In einem solchen extremen Fall glaube ich, hat niemand das Recht, sich zum Richter über ihn aufzuwerfen.

Win wahrhafr ergreifender Film... Ihr solltet ihn Euch nicht enrgehen lassen!

M.V.

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