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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Eine wundersame Verwandlung

 

Es war einmal eine kleine Raupe, die war immer sehr traurig. Tag für Tag kroch sie über Gräser und Blumen und war allein. Wie gern erinnerte sie sich an frühere Tage, an denen sie noch mit ihren Geschwistern spielte und den großen Schmetterlingen beim Fliegen zusah und wie sie sich gegenseitig übertrumpften, wer bald der Größte und Schönste von ihnen sein würde.

Doch nun war sie ganz allein.

Schon lange ist es her, daß ihre Brüder und Schwestern sich verpuppten, um hinaus in die weite Welt zu fliegen, als prächtige Schmetterlinge. Doch die kleine Raupe war immer noch so winzig und die Tage strichen dahin, ohne daß sie so recht wachsen und älter werden wollte.

Und so kam es eines schönen Abends, daß sie schluchzend über die Wiesen kroch, trostlos ein paar Grashalme anknabberte und sich wieder einmal fragte, warum sie nicht schon längst so groß und schön war wie ihre Geschwister. Und als sie so schlenderte, hörte sie plötzlich ein finsteres Geräusch, daß sie erschreckte.

Die zwitschernden Vögel verstummten und der Wind schien innezuhalten, als ein riesiger Schatten sich über dem Haupt der kleinen Raupe erhob. Verängstigt wagte sie kaum, sich umzudrehen, doch ihre kindliche Neugier ließ sie vorsichtig über die Schulter spähen. Ihr stockte der Atem, als sie über ihr, auf einer großen Blüte sitzend eine riesengroße Spinne sah, die sich scheinbar böswillig angeschlichen hatte. Voller Furcht dachte sie zurück an all die Warnungen, die sie über die große Spinne gehört hatte, daß sie alle kleinen Tiere zu betören weiß, mit ihren Worten einspinnen konnte, um sie dann zu fressen.

"Bitte, bitte, tue mir nichts!" wisperte die kleine Raupe ganz verängstigt.

Die große Spinne betrachtete das winzige Wesen. Sie schwieg und musterte die kleine Raupe von Kopf bis Fuß. Wieder flehte diese, noch inniger und ängstlicher: "Ich habe dir doch nichts getan, bitte verschone mich. Ich verspreche dir auch, ganz weit wegzugehen, so daß du mich nie mehr wiedersehen wirst!" Die große Spinne aber schwieg, und wie die hereinbrechende schwarze Nacht machte sie einen großen Satz, um direkt vor der kleinen Raupe auf einer roten Mohnblüte sitzenzubleiben und sie wieder regungslos anzustarren.

Das winzige Tier zu ihren Füßen fing bitterlich an zu weinen und sah sich schon als gefressen, als das riesige schwarze Tier sich an einem glänzend seidenen Faden zu ihr herabließ. "Warum hast du soviel Angst vor mir?" fragte sie die zitternde kleine Raupe. "Ja, willst Du mich denn nicht fressen!?" fragte diese zurück. Da lächelte die Spinne. "Wer sagt denn sowas. Ich springe Abend für Abend über die Blüten und dann und wann esse ich ein bißchen Honig, aber ein Tier fraß ich noch nie, so alt und so weise wie ich in meinem langen Leben geworden bin." Die verdutzte kleine Raupe begann zu lächeln. "Das freut mich aber, daß du mich nicht fressen willst, dann kann ich meines Weges ja weiterziehen."

Doch als die Raupe langsam davonkriechen wollte, rief die Spinne: "Warte doch! Sag’ mir, ich beobachte dich so lange, wieso bist du so traurig?" Die Raupe schluchzte und begann, der Spinne von ihren Sorgen zu erzählen, wie sehr sie sich wünschte, mit den anderen schönen Schmetterlingen durch die Wälder zu fliegen. Der Spinne tat das traurige Tierchen leid und so sprach sie voller Weisheit: "Ich weiß, wie du ein Schmetterling werden kannst, so schön und so groß wie all die anderen auch. Komm und folge mir!"

Die Raupe wußte nicht ganz, was sie davon halten sollte. Doch als die Spinne langsam davonkrabbelte, beschloß die kleine Raupe, ihrem neuen Freund hinterherzukriechen.

Nachdem sie die Wiese mit den vielen schönen Blumen hinter sich gelassen hatten, kamen sie bald an den Rand eines dunklen Waldes. Ganz still und finster war es dort drinnen, und die kleine Raupe bekam Angst vor den dunklen, mächtigen Tannen und den gespenstisch weißen Birken. Aber die Spinne versicherte ihr, daß sie an ihrer Seite im Wald keinen Schaden nehmen würde und so schritten sie weiter durch die finsteren Stämme hindurch, bis sie bald an eine hell erleuchtete Lichtung gelangten. Ringsherum standen riesige kreidebleiche Birkenbäume, und der Vollmond warf sein warmes Licht auf die beiden Freunde. Da sprach die Spinne: "Sieh dort, die große Blume mit der runden, dächernen Blüte!" Es war keine Blume wie all die anderen, welche die kleine Raupe je in ihrem Leben sah. Sie hatte einen dicken weißen Stiel und ihr Kopf war leuchtend rot mit vielen Tupfen darauf. "Ich habe noch nie eine solch schöne Blume gesehen, " wunderte sie sich, "wie ist ihr Name?" "Eine Zauberblume ist es, " antwortete die weise Spinne, "nur hier im dunklen Wald wächst sie und nur der kann sie sehen, der fest an sie glaubt. Allen anderen bleibt sie unsichtbar." Die kleine Raupe betrachtete neugierig die Blume, und je länger sie sie ansah, um so größer schien sie zu werden.

Vorsichtig nahm die Spinne die kleine Raupe mit ihren haarigen Beinen und trug sie auf ihrem Rücken als sie begann, die Zauberblume empor zu klettern. Höher und höher schritten sie, und als sie die Spitze erreichten, schien es, als befänden sie sich hoch über den Wipfeln des nachtschwarzen Waldes, als sei der strahlende Mond zum greifen nah. Sie setzten sich, müde wie sie waren, und die Spinne begann zu erzählen: "Hier sind wir auf dem Dach der Welt, wo nur die weisesten und ehrlichsten aller Tiere hingelangen. Von hier aus sieht man alles, man kann alles hören und wird alles, was man zu wissen wünscht, erfahren."

Und als sie die Worte zu Ende gesprochen hatte, brach sie ein Stück aus der fleischigen Blüte, und reichte es der kleinen Raupe. "Iß ein Stück von der Zauberblume und alle deine Wünsche werden in Erfüllung gehen!"

Ein bißchen mißtrauisch nahm die kleine Raupe das Geschenk an und betrachtete die rote Frucht. Vorsichtig biß sie ein Stück ab. Es schmeckte etwas bitter, aber auch ein wenig süß und so aß sie und aß, bis sie alles auf hatte. Da wurden sie ganz müde und legten sich hin, um zu schlafen. Wie eine wohlig warme Decke legte sich die Spinne über ihren Freund, der schon bald friedlich vor sich hin schlummerte.

Als die kleine Raupe wach wurde, war die Spinne nicht mehr da. Auch der Mond war verschwunden und die Blume zu ihren Füßen und der Mond. Leuchtend warm kitzelte die Sonne, die schon hoch oben am Himmel stand, das kleine Tierchen. Die kleine Raupe fragte sich, ob sie das alles etwa nur geträumt habe. Sie dachte, sie wäre wieder ganz allein und weinte wieder, und begann ganz verärgert mit den winzigen Ärmchen umherzutreten.

Und wie sie so um sich schlug, erhob sie sich plötzlich in die Lüfte, höher und höher, und bald flog sie über die Dächer der höchsten Bäume.

Als sie den Fluß erreichte, betrachtete sie im Wasser ihr Spiegelbild und wagte nicht, ihren Augen zu trauen.

Die kleine Raupe war verschwunden, und aus dem Bild im Wasser lächelte sie ein großer Schmetterling an mit breiten, bunten Flügeln, schöner und prächtiger als jeder andere Schmetterling zuvor.

Und so flog sie davon, hinaus in die weite Welt und war fortan der größte und schönste und weiseste Schmetterling von allen. Und wenn sie nicht gelandet ist, so fliegt sie noch heute...

Sebo

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