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Magazin für Dark Music, Kult(ur) und Avantgarde

 

Peter`s Traum by Thorismund

 

Ich hatte längere Zeit nichts von Peter gehört und freute mich daher sehr über seinen Anruf. Mir selbst war es nämlich nicht gelungen ihn zu erreichen. Entweder ging niemand ans Telefon oder es lief der Anrufbeantworter, und obwohl ich mehrmals auf das Band gesprochen hatte, rief Peter nicht zurück. Auch in seiner Wohnung traf ich ihn nicht an, so daß ich meine Bemühungen schließlich einstellte. Ganz wohl war mir dabei allerdings nicht, denn uns verband eine lange Freundschaft, und ich war erleichtert, ihn nun am Apparat zu haben, auch wenn es schon weit nach Mitternacht war. Gleich bestürmte ich ihn mit Fragen: weshalb er sich nicht gemeldet habe, ob er krank gewesen sei oder einen längeren Urlaub gemacht habe, ob es ihm gut gehe...

 

"Ich weiß nicht wie es mir geht", nahm Peter meine letzte Frage auf. "Ich bin so entsetzlich müde. Ja, vielleicht geht es mir gut, kann sein, aber das ist nicht wichtig. Ich werde dir alles erklären, zumindest werde ich versuchen, dir alles zu erklären. Es ist spät, ich weiß, aber ich muß mit jemandem reden, unbedingt. Bitte, hör' mir zu, hör' mir einfach zu Anja. Danach kannst du Fragen stellen. Bitte. Wirst du mir zuhören, Anja ?"

"Aber ja", sagte ich. "Natürlich höre ich dir zu. Was denn sonst."

"Ich habe gehofft, daß du ja sagst, und ich danke dir dafür, denn wenn jemand all das verstehen kann, was ich zu erzählen habe, dann bist du es Anja. Aber wo fang' ich an. Ich weiß nicht, ob es überhaupt einen Anfang gibt. Da gab es diesen Traum Anja, vor ungefähr drei Monaten hatte ich diesen Traum und ich denke, das war der Beginn.

In jener Nacht träumte ich mir, wie soll ich es anders sagen?, Ein Mädchen zurecht. Ist es nicht so, daß jedem von uns so etwas wie eine Traumfrau oder ein Traummann durch das Hirn spukt? Ein Ideal eben. Nun, und genau diesem Ideal einer Frau, oder besser eines Mädchens, geboren allein in meiner Phantasie, begegnete ich in jenem Traum, mit dem alles begann. Oh, es war ein wunderbarer Traum und als ich erwachte, hatte ich ein Glücksgefühl wie selten zuvor. Ich weiß, es mag albern klingen, aber an diesem Morgen war mir nach singen und tanzen und lachen. Es war verrückt und ich wußte es und genoß es sogar. Merkwürdig war nur, daß ich mich lediglich an ihr Gesicht erinnern konnte, und daran daß sie Anne hieß. Anne, ich sang den Namen vor mich hin und gehe vor die Tür, hole Zeitung und Brötchen herein, und mache mich auf ins Bad, um zu duschen. Es ist so, wie jeden Morgen: ich sehe in den Spiegel, schneide ein paar Grimassen und gehe unter die Dusche. Als ich fertig bin und wieder in den Spiegel seh', bleibt mir fast das Herz stehen. denn ich sehe in den Spiegel und sehe ihr Gesicht, Anne's Gesicht, und bevor ich mich fassen kann, ist es verschwunden und ich sehe mich, wie ich dastehe mit offenem Mund und erschrockenen Augen. Ich stütze mich am Waschbecken ab und versuche ruhig und gleichmäßig zu atmen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dastand. Mag sein fünf Minuten, vielleicht auch zehn. Während dieser Minuten wollte ich das eben erlebte als Halluzination abtun, aber es gelang mir nicht, denn ich wußte, daß es damit nichts zu tun hatte. Doch WOMIT es zu tun hatte, wollte ich ehrlich gesagt erst recht nicht wissen.

Der Appetit auf ein Frühstück war mir jedenfalls vergangen. Ich nahm lediglich einen Becher Kaffee und die Zeitung und hoffte, während ich die erste Zigarette anzündete, auf andere Gedanken zu kommen.

Doch eh' ich mich verseh', schlage ich die Zeitung auf und WEIß bereits, daß mich ein Photo von Anne erwartet. Und genau so ist es, augenblicklich bekomm' ich eine Gänsehaut, starre auf dieses Bild und schnappe nun doch nach Luft. In meinem Kopf ist ein einziges Chaos und ich kann nicht mehr klar denken.

Verstehst du Anja, es war ihr Foto! Es war das Mädchen meiner Träume, meiner Illusionen, und ich wußte es vorher. Und während ich weiter auf das Foto sah, begann es sich langsam zu verändern, kurz darauf war es verschwunden, und an Anne's Stelle lächelte irgendein Schlagersternchen.

Ich versuche mich kurz zu fassen Anja. Es war ein wirklich seltsamer Morgen, aber das Erstaunlichste ist im Nachhinein, das an all dem nichts bedrohliches war, es gab keinen Grund sich zu ängstigen. Das Gegenteil war der Fall, und als ich glaubte wieder klar denken zu können, hielt ich meinen Traum und die morgendlichen Ereignisse sogar für eine Art

Zeichen. Und ich war mir plötzlich sicher, daß es dieses Mädchen nicht nur in meinem Traum gab, sondern auch im richtigen Leben, es mußte einfach so sein. Frag' mich nicht woher ich diese Sicherheit nahm Anja, sie war einfach da."

Peter machte eine Pause, ich hörte, daß er etwas trank und eine Zigarette nahm. Den ersten Zug inhalierte er tief und stieß den Rauch mit einem Seufzen aus.

"Dies war der Beginn Anja, der Auftakt. Und mit diesem Auftakt begannen zwei Wochen voller seltsamer Träume. In jeder Nacht hatte ich irgendwelche seltsamen, manchmal schon beängstigende Träume. Nicht unbedingt das, was man Alpträume nennt, dafür waren sie aber viel realistischer, zumindest soweit ich mich erinnern kann. Denn ich weiß nicht mehr viel aus diesen Nächten, nur, daß sie bedrohlich waren und ein- zweimal auch Anne darin vorkam. Ich schrieb dies meinem offenbar außer Kontrolle geratenen Hormonhaushalt und meiner blühenden Phantasie zu. Du siehst Anja, diese Nächte konnten mich nicht so sehr schrecken. Außerdem war ich vom Morgen bis zum späten Abend mit anderem beschäftigt: denn ich spürte, das etwas in mir und mit mir geschah. Es war so, daß ich unablässig an dieses Mädchen Anne denken mußte und mich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte. Ich saß stundenlang einfach nur da, mit geschlossenen Augen und rief mir ihr Gesicht zurück. Schließlich mußte ich mir eingestehen hoffnungslos in diese Unbekannte verliebt zu sein. Verliebt? Nein, das ist das falsche Wort, damit ist mein Gemütszustand zu jener Zeit auch nicht annähernd beschrieben. Es war viel mehr, viel stärker als alles was ich je gefühlt und empfunden hatte.

Nachdem ich mir dies eingestanden hatte, hörten auch die Träume auf, was ich aber kaum zur Kenntnis nahm. Aber von hier an passierte das weitere wie von selbst, als würde jemand anderes Regie führen. Und es passierte noch dazu ganz unspektakulär. Es war an einem Freitag abend und mein Weg führte mich in den Club, es war relativ spät, das übliche Publikum hatte sich versammelt, aus den Boxen knallte ein älterer EBM-Sound, so daß die Tanzfläche aus allen Nähten platzte.

Während ich mich noch unschlüssig umsehe, spüre ich ganz deutlich, daß mich jemand beobachtet, und ich spüre Anne's Anwesenheit. Aber, wie ich schon sagte Anja, es war ganz unspektakulär. Anne steht an einem dieser Tische gleich neben der Tanzfläche und sieht mir direkt in die Augen. Das ist alles, aber damit ist es endgültig um mich geschehen. Denn diese Augen sind in Wirklichkeit ein endloses dunkles Meer, jeder der dort hineingeht, wird darin untergehen. Ich gehe hinein Anja, und ich weiß, ich werde darin versinken und es sogar noch genießen und auskosten.

Wir standen uns gegenüber, eine lange Zeit, und sagten kein Wort, und je länger wir standen, desto leiser wurde die Musik und um uns her begann alles zu verblassen. Für einen Moment war ich mir nicht sicher ob dies Realität war oder nur ein Traum. Aber es war kein Traum. Kann sein, ich war in sowas ähnlichem wie einer Trance, in einer anderen Bewußtseinsebene, nenn' es wie du willst Anja, aber es war nicht nur die Wirklichkeit, es war eine Über-Wirklichkeit. Auch die Luft hatte sich verändert und war wie aufgeladen, und ich fühlte mich, als sei ich außerhalb von allem. Plötzlich begannen wir zu reden, gleichzeitig und durcheinander, ohne das sich unsere Lippen bewegten. Nein, wir redeten nicht wirklich, wir tauschten unsere Gedanken aus. Ich war von dieser Erfahrung so überwältigt, daß mir Schauer der Glücksseeligkeit durch den Körper liefen. Anne! Ich hatte sie gefunden, und um nichts in der Welt wollte ich sie wieder hergeben. Das schwor ich mir, ohne zu ahnen auf was ich mich einließ. Hätte ich Anne zu diesem Zeitpunkt nüchtern und objektiv betrachten können, vielleicht wäre mir etwas aufgefallen. Doch diese Chance hatte ich nicht, und selbst wenn, wahrscheinlich hätte ich sie gar nicht wahrnehmen wollen. Ich schwebte auf rosaroten und himmelblauen Wolken und es gefiel mir. Wie sollte ich wissen, was wirklich geschehen war, daß ich allein im Club stand und niemand außer mir Anne sah. Ich konnte es nicht wissen. Erst als die Träume erneut begannen, und immer entsetzlicher wurden, erkannte ich einen Teil der furchtbaren Wahrheit, doch da war es zu spät.

 

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